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WINCKELMANN
VON
GOETHE
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DER UNIVERSITÄT LEIPZIG ZUM 500 JÄHRIGEN JUBILÄUM 29. JULI 1909
DIE KÖNIGLICHE AKADEMIE FÜR GRAPHISCHE KÜNSTE UND BUCH= GEWERBE ZU LEIPZIG
BEGONNEN IM NOVEMBER 1908 UND VOLLENDET IM JULI DES JAHRES 1909
WINCKELMANN
VON
GOETHE
KÖNIGLICHE AKADEMIE FÜR GRAPHISCHE KÜNSTE UND BUCHGEWERBE
VERFASST
UND ZUM ERSTEN MALE GEDRUCKT IM JAHRE 1805.
ZUM LETZTEN MALE VON GOETHE HERAUSGEGEBEN IM JAHRE 1830.
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JJdneSdJrnredigf<eif darf man der? fr? einem bjjrdnkfenddejenvdi innen nnd nvßengeivirfieti JJufen gedenken, wovon doe SdugeJu/figeJdjon dieS3ewunderung der? dJeobadjfe7ö erregen miJJ, dieirnrnerßej/er ßeigen wurde, wenn ßejeih Jnfeniejfefer efnn "Werden und idheßjen darzu/fe/ferz demußfe- ^JßdjiniJ'
< SJjigJdndem rnji/firkung innrer? arge ^Jejen, und unijo inejr verdient die Jeißere dtn/lure/ijea Sonden einen Sdnnnt/fen Je mjrjjej gurmanejeojrußer lebendig und fufg zergfe, wovon diejfßffruren Spuren JeJon uer/gßjenjfnd - JJjogen Sw. ^urejfouejf iinSüeivußt Jein nnßfngffeßer Stßung nndgjorfge^ ^Jeßferd/lifwirAung zu Jenem eigenem
dSm/Z/ene/fucA, e/nemfojen undjjunden Cd/fer ge/aq^en und nojjped einer ^/ah^ zenden Jpod/e genießen ddjj Jefit/ur unfern df erb ergffnef; in ureidrer a/fes uou ^ fundeneJuie nod? inrmergernefrrtinj/d} uerAnu/J, öJJA^i^JhJut und derdlfarj---- ure/t uder/ijert merdenjo/f- ^da id? mir denn zu^/eid} JJmei'Je/n da/f Jen er u/JJtJöa/m fdnade, ruodurrj Sdddjdije/ben mern Jeden zujJmucAen genujfen, m/cp auj Jemerpin zu er= Jreuen , und mid? m/Aeerefjrender Jd/Jang/iJAeidunAerzez'Jne Our. ^diurj/aujt unferfddig/ier JfdJuJbeJe-
VORREDE.
Die in Weimar verbündeten und mehrere Jahre zusammen; i lebenden Kunstfreunde dürfen ihres Verhältnisses zu dem grösseren Publikum wohl erwähnen, indem sie, worauf doch zuletzt alles ankommt, sich immer in gleichem Sinn und nach gleichen, wohlerprobten Grundsätzen geäussert. Nicht dass sie, auf gewisse Vorstellungsarten beschränkt, hartnäckig einerlei Standpunkt behauptet hätten, gestehen sie vielmehr gern, durch mannigfaltigeMitteilung gelernt zu haben; wie sie denn auch gegen= wärtig mit Vergnügen gewahr werden, dass ihre Bildung sich an die in Deutschland immer allgemeiner werdende höhere Bildung mehr und mehr anschliesst.
Sie erinnern mit einem heitern Bewusstsein an die Propyläen, an die nunmehr schon sechs Ausstellungen kommentierenden Pro= gramme, an manche Äusserungen in derJenaischenLiteraturzeitung, an die Bearbeitung der Cellinischen Lebensbeschreibung.
W enn diese Schriften nicht zusammeng edruckt und g ebunden sind, wenn sie nicht Teile eines einzigen Werkes ausmachen, so sind sie doch aus eben demselben Geiste hervor gegangen. Sie haben auf das Ganze gewirkt, wie uns zwar langsam, aber doch erfreulich genug, nach und nach bekannt geworden, so dass wir eines mannig= faltig erfahrenen Undanks, eines lauten und schweigenden Gegen= wirkens wohl kaum gedenken sollten.
Unmittelbar schliesst sich vorliegendes Werk an die übrigen Arbeiten an, und wir erwähnen von seinem Inhalt hier nur das Notwendigste.
ENTWURF EINER GESCHICHTE DER KUNSTDES ACHTZEHNTEN JAHRHUNDERTS.
Für den Künstler wie für den Menschen ist eine geschichtliche Ansicht verwandter Zustände zu schnellerer Bildung höchst
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WINCKELMÄNNS BRIEFE AN BERENDIS.
Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann. Lebhafte Personen stellen sich schon bei ihren Selbstgesprächen manchmal einen abwesenden Freund als gegenwärtig vor, dem sie ihre innersten Gesinnungen mitteilen, und so ist auch der Brief eine Art von Selbstgespräch. Denn oft wird ein Freund, an den man schreibt, mehr der Anlass als der Gegenstand des Briefes. Was uns freut oder schmerzt, drückt oder beschäftigt, löst sich von dem Herzen los, und als dauernde Spuren eines Daseins, eines Zustandes sind solche Blätter für die Nach= weit immer wichtiger, je mehr dem Schreibenden nur der Augenblick vorschwebte, je weniger ihm eine Folgezeit in den Sinn kam. Die Winckelmannischen Briefe haben manchmal diesen wünschens= werten Charakter.
Wenn dieser treffliche Mann, der sich in der Einsamkeit gebildet hatte, in Gesellschaft zurückhaltend, im Leben und Handeln ernst und bedächtig war, so fühlte er vor dem Briefblatt seine ganze natürliche Freiheit und stellte sich öfter ohne Bedenken dar, wie er sich fühlte. Man sieht ihn besorgt, beängstet, verworren, zweifelnd und zaudernd, bald aber heiter, aufgeweckt, zutraulich, kühn ver= wegen, losgebunden bis zumCynismus, durchaus aber als einenMann von gehaltnem Charakter, der auf sich selbst vertraut, der, obgleich die äussernümstände seiner Einbildungskraft so mancherlei Wähl= bares vorlegen, doch meistens den besten Weg ergreift, bis auf den letzten, ungeduldigen, unglücklichen Schritt, der ihm das Leben kostete.
Seine Briefe haben, bei den allgemeinen Grundzügen von Redit= lichkeit und Derbheit, je nachdem sie an verschiedene Personen gerichtet sind, einen verschiedenen Charakter, welches immer der Fall ist, wenn ein geistreicher Briefsteller sich diejenigen vergegen= wärtigt, zu denen er in die Entfernung spricht, und also ebensowenig als in der Nähe das Gehörige und Passende vernachlässigen kann.
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Sosind,umnureinigergrösserenSammlungenWinckelmannischer
Briefe zu gedenken, die an Stosch geschriebenen für uns herrliche Dokumente eines redlichen Zusammenwirkens mit einem Freund zum bestimmten Zwecke, Zeugnisse von grosser Beharrlichkeit in einem schweren, ohne genügsame Vorbereitung leichtsinnig über= nommenen, mit Mut glücklich durchgeführten Geschäft, durchwebt
mit denlebhaftestenliterarischen, politischen, Sozietäts=Neuigkeiten,
ein köstliches Lebensbild, noch interessanter, wenn sie ganz und unverstümmelt hätten gedruckt werden können. Schön ist auch die Freimütigkeit selbst in leidenschaftlich missbilligendenÄusserungen gegen einen Freund, dem der Briefsteller durchaus soviel Achtung als Liebe, soviel Dank als Neigung zu bezeigen nicht müde wird.
Das Gefühl von eigner Superiorität und Würde, verbunden mit echter Hochschätzung Anderer, der Ausdruck von Freundschaft, Freundlichkeit, Mutwille und Neckerei, wodurch sich die Briefe an die Schweizer charakterisieren, machen diese Sammlung äusserst interessant und liebenswert, wobei sie zugleich genugsam unter= richtend ist, obgleich Winckelmanns Briefe im ganzen nicht unter= richtend genannt werden können.
Die ersten Briefe an den Grafen Bünau in der schätzbaren Dassdorfischen Sammlung zeugen von einem niedergedrückten, in sich selbst befangenen Gemüte, das an einem so hohen Gönner kaum hinaufzublicken wagt. Jenes merkwürdige Schreiben, worin Winckelmann seine Religionsänderung ankündigt, ist ein wahrer Galimathias, ein unglücklicher verworrener Aufsatz.
Aber um jene Epoche begreiflich, selbst unmittelbar anschaulich zu machen, dient nunmehr die erste Hälfte unsrer Briefsammlung.
Sie sind zum Teil aus Nöthenitz, zum Teil aus Dresden an einen innig vertrauten Freund und Kameraden gerichtet. Der Briefsteller zeigt sich mit seinen dringenden unüberwindlichen Wünschen, in dem peinlichsten Zustande, auf dem Wege zu einem entfernten, neuen, mit Überzeugung gesuchten Glücke.
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Die andre Hälfte ist aus Italien geschrieben. Sie behalten ihren derben, losgebundenen Charakter; doch schwebt über ihnen die Heiterkeit jenes Himmels, und ein lebhaftes Entzücken an dem er= reiditenZiele beseelt sie. Überdies geben sie, verglichen mit andern schon bekannten gleichzeitigen, eine vollständigere Anschauung seiner ganzen Lage.
Die Wichtigkeit dieser Sammlung, vielleicht mehr für Menschen^ kenntnis als für Literatur, zu fühlen und zu beurteilen, überlassen wir empfänglichen Gemütern und einsichtigen Geistern und fügen einiges über den Mann, an den sie geschrieben sind, wie es uns mitgeteilt worden, hinzu.
Hieronymus Dieterich Berendis, geboren zu Seehausen in der Altmark im Jahre 1720, studierte zu Halle die Rechte und war nach seiner akademischen Zeit einige Jahre Auditeur bei dem königlich preussischen Regiment Husaren, die der Farbe nach gewöhnlich die schwarzen, aber nach ihrem damaligen Chef eigentlich vonRuesch genannt wurden. Er setzte, sobald er jenes rohe Leben verlassen hatte, seine Studien eine Zeit lang in Berlin fort. Bei einem Aufent= halte zu Seehausen fand er Winckelmannen, mit dem er sich freund= schaftlich verband und später durch dessen Empfehlung bei dem jüngsten Grafen Bünau als Hofmeister angestellt wurde. Er führte denselben nach Braunschweig, wo sie das Carolinum benutzten. Da der Graf nachher in französische Dienste trat, brachte dessen Vater, damals Weimarischer Minister, unsemBerendis in gedachte fürstliche Dienste, wo er zuerst als Kriegsrat, nachher als Kammer = rat und Chatullier bei der Herzogin Frau Mutter stand. Er starb 1783 am 26. Oktober zu Weimar.
SCHILDERUNG WINCKELMANNS.
Wenn man demwürdigstenStaatsbürger gewöhnlich nur einmal zu Grabe läutet, er mag sich übrigens noch so sehr um Land und
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Stadt, im grossen oder kleinen, verdient gemacht haben, so finden sich dagegen gewisse Personen, die durch Stiftungen sich dergestalt empfehlen, dass ihnen Jahresfeste gefeiert werden, an denen der immerwährende Genuss ihrer Milde gepriesen wird.
In diesem Sinne haben wir alle Ursache, das Andenken solcher Männer, deren Geist uns unerschöpfliche Stiftungen bereitet, auch von Zeit zu Zeit wieder zu feiern und ihnen ein wohlgemeintes Opfer darzubringen.
Von dieser Seite betrachte man das Wenige, was gleicfadenkende Freunde als Zeugnis ihrer Gesinnungen, nicht als Darstellung seiner Verdienste an dem Feste darbringen, welches bei Gelegenheit der gefundenen und hier aufgestellten Briefe von allen schönen Seelen und allen Geistern höherer Bildung gewiss gefeiert wird.
SKIZZEN
ZU EINER SCHILDERUNG WINCKELMANNS.
VORWORT.
DIE NACHSTEHENDEN AUFSÄTZE, VON DREI FREUNDEN VERFASST, WELCHE SICH IN IHRER GESINNUNG ÜBER DIE KUNST IM ALLGE= MEINEN SOWOHL ALS ÜBER DIE VERDIENSTE WINCKELMANNS GLÜCKLICH BEGEGNEN, SOLLTEN EINEM AUFSATZ ÜBER DIESEN MERKWÜRDIGEN MANN ZUM GRUNDE LIEGEN UND ZUM STOFF EINER ARBEIT DIENEN, DIE ZUGLEICH DAS VERDIENST DER MANNIG= F ARTIGKEIT UND DER EINHEIT HÄTTE.
WIE ABER IM LEBEN GAR MANCHER UNTERNEHMUNG VIELERLEI HINDERNISSE IM WEGE STEHEN, WELCHE KAUM ERLAUBEN, DEN MÖGLICHEN STOFF ZU SAMMELN, GESCHWEIGE DEMSELBEN DIE GEWÜNSCHTE FORM ZU GEBEN, SO ERSCHEINT AUCH HIER NUR DIE HÄLFTE DES ENTWORFENEN GANZEN.
WEIL JEDOCH IN GEGENWÄRTIGEM FALLE DIE HÄLFTE VIELLEICHT MEHR ALS DAS GANZE GESCHÄTZT WERDEN DÜRFTE, INDEM DER LESER DURCH BETRACHTUNG DREIER INDIVIDUELLER ANSICHTEN DESSELBEN GEGENSTANDES MEHR GEREIZT UND ZU EIGENER HERSTELLUNG DIESES BEDEUTENDEN LEBENS UND CHARAKTERS AUFGEFORDERT WIRD, WELCHE MIT BEIHÜLFE DER ÄLTEREN UND NEUEREN HÜLFSMITTEL BEQUEM GELINGEN MÖCHTE, SO GLAUBEN WIR DANK ZU VERDIENEN, WENN WIR, ANSTATT AUF SPÄTERE GELEGENHEIT ZU HOFFEN UND EINE KÜNFTIGE AUSFÜHRUNG ZU VERSPRECHEN, NACH WINCKELMANNS EIGNER FRISCHEN WEISE, EBEN DAS, WAS GERADE BEREIT IST, WENN ES AUCH NICHT FERTIG WÄRE, FREUNDLICH HINGEBEN, DAMIT ES NACH SEINER ART IN DEM GROSSEN UMKREIS DES LEBENS UND DER BILDUNG ZEITIG
MITWIRKE.
EINLEITUNG.
slas Andenken merkwürdiger Menschen, so wie die Gegen= ? wart bedeutender Kunstwerke, regt von Zeit zu Zeit den ] Geist der Betrachtung auf. Beide stehen da als Vermäcbt= Jnisse für jede Generation, in Taten und Nachruhm jene, adiese wirklich erhalten als unaussprechliche Wesen. Jeder ^Einsichtige weiss recht gut, dass nur das Anschauen ihres besondern Ganzen einen wahren Wert hätte, und doch versucht man immer aufs neue, durch Reflexion und Wort ihnen etwas abzugewinnen.
Hierzu werden wir besonders aufgereizt, wenn etwas Neues entdeckt und bekannt wird, das auf solche Gegenstände Bezug hat; und so wird man unsere erneuerte Betrachtung über Winckelmann, seinen Charakter und sein Geleistetes in dem Augenblicke schicklich finden, da die eben jetzt herausgegebenen Briefe über seine Denkweise und Zustände ein lebhaf=
teres Licht verbreiten.
EINTRITT.
Aenn die Natur gewöhnlichen Menschen die köstliche < Mitgift nicht versagt, ich meine jenen lebhaften Trieb, ; vonKindheit an die äussereWelt mitLustzu ergreifen, ! sie kennen zu lernen, sich mit ihr in Verhältnis zu ! setzen, mit ihr verbunden ein Ganzes zu bilden, so Shaben vorzügliche Geister öfters die Eigenheit, eine Art von Scheu vor dem wirklichen Leben zu empf nden, sich in sich selbst zurückzuziehen, in sich selbst eine eigene Welt zu erschaffen und auf diese Weise das Vortrefflichste nach innen bezüglich zu leisten.
Findet sich hingegen in besonders begabten Menschen jenes gemeinsame Bedürfnis, eifrig zu allem, was die Natur in sie gelegt hat, auch in der äusseren Welt die antwortenden Gegenbilder zu suchen und dadurch das Innere völlig zum Ganzen und Gewissen zu steigern, so kann man versichert sein, dass auch so ein für Welt und Nachwelt höchst erfreuliches Dasein sich ausbilden werde.
Unser Winckelmann war von dieser Art. In ihn hatte die Natur gelegt, was den Mann macht und ziert. Dagegen verwendete er sein ganzes Leben, ein ihm Gemässes, Treffliches und Würdiges im Menschen und in der Kunst, die sich vorzüglich mit dem Menschen beschäftigt, aufzusuchen.
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Eine niedrige Kindheit, unzulänglicher Unterricht in der Jugend, zer= rissene, zerstreute Studien im Jünglingsalter, der Drude, eines Schulamtes, und was in einer solchen Lauf bahn Ängstliches und Beschwerliches erfahren wird, hatte er mit vielen andern geduldet. Er war dreissig Jahre alt ge= worden, ohne irgend eine Gunst des Schicksals genossen zu haben; aber in ihm selbst lag en die Keime eines wünschenswerten und mö glichen Glücks.
Wir finden schon in diesen seinen traurigen Zeiten die Spur jener For= derung, sich von den Zuständen der Welt mit eigenen Augen zu überzeugen, zwar dunkel und verworren, doch entschieden genug ausgesprochen. Einige nicht genugsam überlegte Versuche, fremde Länder zu sehen, missglückten ihm. Er träumte sich eine Reise nah Ägypten; er begab sih auf den Weg nah Frankreih; unvorhergesehene Hindernisse wiesen ihn zurück. Besser geleitet von seinem Genius, ergriff er endlih die Idee, sih nah Rom durh= zudrängen. Er fühlte, wie sehr ihm ein solher Aufenthalt gemäss sei. Dies war kein Einfall, kein Gedanke mehr, es war ein entshiedener Plan, dem
in ihrer besten Zeit; auf die beiden ersten sind wir Neuern vom Schicksal angewiesen.
Wenn die gesunde Natur des Menshen als ein Ganzes wirkt, wenn er sih in der Welt als in einem grossen, shönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sih selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern. Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milhstrassen, von Kometen und Nebelflehen, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sih niht zuletzt ein glücklicher Mensh unbewusst seines Daseins erfreut?
ANTIKES.
er mit Klugheit und Festigkeit entgegenging.
I er Mensh vermag gar manhes durh zweckmässigen Ge= brauch einzelner Kräfte, er vermag das Ausserordentlihe durhV erbindung mehrerer F ähigkeiten; aber das Einzig e, ganz Unerwartete leistet er nur, wenn sih die sämtlihen Eigenshaften gleichmässig in ihm vereinigen. Das letzte I war das glückliche Los der Alten, besonders der Griechen
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Wirft sich der Neuere, wie es uns eben jetzt ergangen, fast bei jeder Be= traditung ins Unendliche, um zuletzt, wenn es ihm glückt, auf einen be= schränktenPunkt wieder zurückzukehren, so fühlten die Alten ohne weitern Umweg sogleich ihre einzige Behaglichkeit innerhalb der lieblichen Grenzen der schönen Welt. Hieher waren sie gesetzt, hiezu berufen, hier fand ihre Tätigkeit Raum, ihre Leidenschaft Gegenstand und Nahrung.
Warum sind ihre Dichter und Geschichtschreiber die Bewunderung des Einsichtigen, die Verzweiflung des Nacheifernden, als weil jene handeln^ den Personen, die aufgeführt werden, an ihrem eigenen Selbst, an dem engen Kreise ihres Vaterlandes, an der bezeichneten Bahn des eigenen sowohl als des mitbürgerlichen Lebens einen so tiefen Anteil nahmen, mit allem Sinn, aller Neigung, aller Kraft auf die Gegenwart wirkten? Daher es einem gleichgesinntenDarsteller nicht schwer fallen konnte, eine solche Gegenwart zu verewigen.
Das, was geschah, hatte für sie den einzigen Wert, sowie für uns nur dasjenige, was gedacht oder empfunden worden, einigen Wert zu ge= winnen scheint.
Nach einerlei Weise lebte der Dichter in seiner Einbildungskraft, der Geschichtschreiber in der politischen, der Forscher in der natürlichen Welt. Alle hielten sich am Nächsten, Wahren, Wirklichen fest, und selbst ihre Phantasiebilder haben Knochen und Mark. Der Mensch und das Mensch= liehe wurden am wertesten geachtet und alle seine innern, seine äussern Verhältnisse zur Welt mit so grossem Sinne dargestellt als angeschaut. Noch fand sich das Gefühl, die Betrachtung nicht zerstückelt, noch war jene kaum heilbareTrennung in der gesunden Menschenkraft nicht vorgegangen.
Aber nicht allein das Glück zu gemessen, sondern auch das Unglück zu ertragen, waren jene Naturen höchlich geschickt; denn wie die gesunde Faser dem Übel widerstrebt und bei jedem krankhaften Anfall sich eilig wieder herstellt, so vermag der jenen eigene gesunde Sinn sich gegen innern und äussern Unfall geschwind und leicht wieder herzustellen. Eine solche antike Natur war, insofern man es nur von einem unsrer Zeit= genossen behaupten kann, in Winckelmann wieder erschienen, die gleich anfangs ihr ungeheures Probestück ablegte, dass sie durch dreissig Jahre Niedrigkeit, Unbehagen und Kummer nicht gebändigt, nicht aus dem Wege 4
gerückt, nicht abgestumpft werden konnte. Sobald er nur zu einer ihm gemässen Freiheit gelangte, erscheint er ganz und abgeschlossen, völlig im antiken Sinne. Angewiesen auf Tätigkeit, Genuss und Entbehrung, Freude und Leid, Besitz und Verlust, Erhebung und Erniedrigung, und in solchem seltsamen Wechsel immer mit dem schönen Boden zufrieden, auf dem uns ein so veränderliches Schicksal heimsucht.
Hatte er nun im Leben einen wirklich altertümlichen Geist, so blieb ihm derselbe auch in seinen Studien getreu. Doch wenn bei Behandlung der Wissenschaften im grossen und breiten die Alten sich schon in einer ge= wissen peinlichen Lage befanden, indem zu Erfassung der mannigfaltigen aussermenschlichen Gegenstände eine Zerteilung der Kräfte und Fähig= keiten, eineZerstückelung der Einheit fast unerlässlich ist, so hat einNeuerer im ähnlichen Falle ein noch gewagteres Spiel, indem er bei der einzelnen Ausarbeitung des mannigfaltigen Wissbaren sich zu zerstreuen, in unzu= sammenhäng enden Kenntnissen sich zu verlieren in Gefahr kömmt, ohne, wie es den Alten glückte, das Unzulängliche durch das Vollständige seiner Persönlichkeit zu vergüten.
So vielfach Winckelmann auch in dem Wissbaren und Wissenswerten herumschweifte, teils durch Lust und Liebe, teils durch Notwendigkeit ge= leitet, so kam er doch früher oder später immer zum Altertum, besonders zum griechischen, zurück, mit dem er sich so nahe verwandt fühlte und mit dem er sich in seinen besten Tagen so glücklich vereinigen sollte.
HEIDNISCHES.
j|ene Schilderung des altertümlichen, auf diese Welt und I ihre Güter angewiesenen Sinnes führt uns unmittelbar | zur Betrachtung, dass dergleichen Vorzüge nur mit einem | heidnischen Sinne vereinbar seien. Jenes Vertrauen auf | sich selbst, jenes Wirken in der Gegenwart, die reine Ver= Uehrung der Götter als Ahnherren, die Bewunderung der= selben gleichsam nur als Kunstwerke, die Ergebenheit in ein übermächtiges Schicksal, die in dem hohen Werte des Nachruhms selbst wieder auf diese Welt angewieseneZukunft gehören so notwendig zusammen, machen solch ein unzertrennliches Ganze, bilden sich zu einem von der Natur selbst
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beabsichtigten Zustand des mensdilidien Wesens, dass wir in dem höchsten Augenblicke des Genusses wie in dem tiefsten der Aufopferung, ja des Untergangs, eine unverwüstliche Gesundheit gewahr werden.
Dieser heidnische Sinn leuchtet aus Winckelmanns Handlungen und Schriften hervor und spricht sich besonders in seinen frühem Briefen aus, wo er sich noch im Konflikt mit neuern Religionsgesinnungen abarbeitet. Diese seine Denkweise, diese Entfernung von aller christlichen Sinnesart, ja seinen Widerwillen dagegen muss man im Auge haben, wenn man seine sogenannte Religionsveränderung beurteilen will. Diejenigen Parteien, in welche sich die christliche Religion teilt, waren ihm völlig gleichgültig, in= dem er seiner Natur nach niemals zu einer der Kirchen gehörte, welche
sich ihr subordinieren.
FREUNDSCHAFT.
garen jedoch die Alten, so wie wir von ihnen rühmen, wahrhaft ganze Menschen, so mussten sie, indem sie 5 sich selbst und die Welt behaglich empfanden, die t^c Verbindungen menschlicher Wesen in ihrem ganzen t Umfange kennen lernen; sie durften jenes Entzückens Jnicht ermangeln, das aus der Verbindung ähnlicher Naturen hervorspringt.
Auch hier zeigt sich ein merkwürdiger Unterschied alter und neuer Zeit. Das Verhältnis zu den Frauen, das bei uns so zart und geistig geworden, erhob sich kaum über die Grenze des gemeinsten Bedürfnisses. Das Ver= hältnis der Eltern zu den Kindern scheint einigermassen zarter gewesen zu sein. Statt aller Empfindungen aber galt ihnen die Freundschaft unter Personen männlichen Geschlechts, obgleich auch Chloris und Thyia noch im Hades als Freundinnen unzertrennlich sind.
Die leidenschaftliche Erfüllung liebevoller Pflichten, die Wonne der Un= zertrennlichkeit, die Hingebung eines für den andern, die ausgesprochene Bestimmung für das ganze Leben, die notwendige Begleitung in den Tod setzen uns bei Verbindung zweier Jünglinge in Erstaunen; ja man fühlt sich beschämt, wenn uns Dichter, Geschichtschreiber, Philosophen, Redner mit Fabeln, Ereignissen, Gefühlen, Gesinnungen solchen Inhaltes und Ge= haltes überhäufen.
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Zu einer Freundschaft dieser Art fühlte Winckelmann sich geboren, der= selben nicht allein sich fähig, sondern auch im höchsten Grade bedürftig; er empfand sein eigenes Selbst nur unter der Form der Freundschaft; er erkannte sich nur unter dem Bilde des durch einen Dritten zu vollendenden Ganzen. Frühe schon legte er dieser Idee einen vielleicht unwürdigen Ge= genstand unter; er widmete sich ihm, für ihn zu leben und zu leiden, für denselben fand er selbst in seiner Armut Mittel, reich zu sein, zu geben, aufzuopfern, ja er zweifelt nicht, sein Dasein, sein Leben zu verpfänden. Hier ist es, wo sich Winckelmann, selbst mitten in Druck und Not, gross, reich, freigebig und glücklich fühlt, weil er dem etwas leisten kann, den er über alles liebt, ja, dem er sogar, als höchste Aufopferung, Undank= barkeit zu verzeihen hat.
Wie auch die Zeiten und Zustände wechseln, so bildet Winckelmann alles Würdige, was ihm naht, nach dieser Urform zu seinem Freund um, und wenn ihm gleich manches von diesen Gebilden leicht und bald vorüber= schwindet, so erwirbt ihm doch diese schöne Gesinnung das Herz manches Trefflichen, und er hat das Glück, mit den Besten seines Zeitalters und Kreises in dem schönsten Verhältnisse zu stehen.
SCHÖNHEIT.
enn aber jenes tiefe Freundschaftsbedürfnis sich eigentlich seinen Gegenstand erschafft und ausbildet, so würde dem altertümlich Gesinnten dadurch nur ein einseitiges, ein sittliches Wohl Zuwachsen, die äussere Welt würde ihm wenig leisten, wenn nicht ein verwandtes gleiches Bedürfnis und ein befriedigen der Gegenstand desselben glücklich hervorträte; wir meinen die Forderung des sinnlich Schönen und das sinnlich Schöne selbst; denn das letzte Pro= dukt der sich immer steigernden Natur ist der schöne Mensch. Zwar kann sie ihn nur selten hervorbringen, weil ihren Ideen gar viele Bedingungen widerstreben, und selbst ihrer Allmacht ist es unmöglich, lange im voll= kommnen zu verweilen und dem hervorgebrachten Schönen eine Dauer zu geben. Denn genau genommen kann man sagen, es sei nur ein Augen= blick, in welchem der schöne Mensch schön sei.
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Dagegen tritt nun die Kunst ein; denn indem der Mensdi auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Pro= duktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt. Ist es einmal hervorgebracht, steht es in seiner idealen Wirklichkeit vor der Welt, so bringt es eine dauernde Wirkung, es bringt die höchste hervor; denn indem es aus den gesamten Kräften sich geistig entwickelt, so nimmt es alles Herrliche, Verehrungs= und Liebenswürdige in sich auf und erhebt, indem es die menschliche Gestalt beseelt, den Menschen über sich selbst, schliesst seinen Lebens= und Tatenkreis ab und vergöttert ihn für die Gegenwart, in der das Vergangene und Künftige begriffen ist. Von solchen Gefühlen wurden die ergriffen, die den Olympischen Jupiter erblickten, wie wir aus den Be= Schreibungen, Nachrichten und Zeugnissen der Alten uns entwickeln können. Der Gott war zum Menschen geworden, um den Menschen zum Gott zu erheben. Man erblickte die höchste Würde und ward für die höchste Sdiön= heit begeistert. In diesem Sinne kann man wohl jenen Alten recht geben, welche mit völliger Überzeugung aussprachen: es sei ein Unglück, zu sterben, ohne dieses Werk gesehen zu haben.
Für diese Schönheit war Winckelmann seiner Natur nach fähig, er ward sie in den Schriften der Alten zuerst gewahr; aber sie kam ihm aus den Werken der bildenden Kunst persönlich entgegen, aus denen wir sie erst kennen lernen, um sie an den Gebilden der lebendigen Natur gewahr zu werden und zu schätzen.
Finden nun beide Bedürfnisse der Freundschaft und der Schönheit zu= gleich an einem Gegenstände Nahrung, so scheint das Glück und die Dank= barkeit des Menschen über alle Grenzen hinauszusteigen, und alles, was er besitzt, mag er so gern als schwache Zeugnisse seiner Anhänglichkeit und seiner Verehrung hingeben.
So finden wir Winckelmann oft in Verhältnis mit schönen Jünglingen, und niemals erscheint er belebter und liebenswürdiger als in solchen, oft nur flüchtigen Augenblicken.
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KATHOLIZISMUS.
it solchen Gesinnungen, mit solchen Bedürfnissen und Wünschen frönte Winckelmann lange Zeit fremden Zwecken. Nirgend um sich her sah er die mindeste Hoffnung zu Hülfe und Beistand.
Der Graf Bünau, der als Partikulier nur ein bedeu= tendesBuh weniger hätte kaufen dürfen, um Winckel= mann einen Weg nach Rom zu eröffnen, der als Minister Einfluss genug hatte, dem trefflichen Mann aus aller Verlegenheit zu helfen, mochte ihn wahrscheinlich als tätigen Diener nicht gern entbehren oder hatte keinen Sinn für das grosse Verdienst, derWelt einen tüchtigen Mann zugefördert zu haben. Der Dresdner Hof, woher allenfalls eine hinlängliche Unter= Stützung zu hoffen war, bekannte sich zur römischen Kirche, und kaum war ein anderer Weg, zu Gunst und Gnade zu gelangen, als durch Beichtväter und andere geistliche Personen.
Das Beispiel des Fürsten wirkt mächtig um sich her und fordert mit heimlicher Gewalt jeden Staatsbürger zu ähnlichen Handlungen auf, die in dem Kreise des Privatmanns irgend zu leisten sind, vorzüglich also zu sittlichen. Die Religion des Fürsten bleibt in gewissem Sinne immer die herrschende, und die römische Religion reisst, gleich einem immer bewegten Strudel, die ruhig vorbeiziehende Welle an sich und in ihren Kreis.
Dabei musste Winckelmann fühlen, dass man, um in Rom ein Römer zu sein, um sich innig mit dem dortigen Dasein zu verweben, eines zutrau= liehen Umgangs zu gemessen, notwendig zu jener Gemeine sieh bekennen, ihren Glauben zugeben, sieh nah ihren Gebräuhen bequemen müsse. Und so zeigte der Erfolg, dass er ohne diesen früheren Entshluss seinen Zweck niht vollständig erreiht hätte, und dieser Entshluss ward ihm dadurh gar sehr erleichtert, dass ihn als einen gründlih gebomen Heiden die pro= testantishe Taufe zum Christen einzuweihen niht vermögend gewesen.
Doh gelang ihm die Veränderung seines Zustandes niht ohne heftigen Kampf. Wir können nah unserer Überzeugung, nah genugsam abgewo= genen Gründen endlich einen Entshluss fassen, der mit unserm Wollen, Wünshen und Bedürfen völlig harmonish ist, ja zu Erhaltung und För= derung unserer Existenz unausweichlich scheint, so dass wir mit uns völlig zur Einigkeit gelangen. Ein solher Entshluss aber kann mit der allgemeinen
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Denkweise, mit der Überzeugung vieler Menschen im Widerspruch stehen; dann beginnt ein neuer Streit, der zwar bei uns keine Ungewissheit, aber eine Unbehaglichkeit erregt, einen ungeduldigen Verdruss, dass wir nach aussen hie und da Brüche finden, wo wir nach innen eine ganze Zahl zu sehen glauben.
Und so erscheint auch Winckelmann bei seinem vorgehabten Schritt besorgt, ängstlich, kummervoll und in leidenschaftlicher Bewegung, wenn er sich die Wirkung dieses Unternehmens, besonders auf seinen ersten Gönner, den Grafen, bedenkt. Wie schön, tief und rechtlich sind seine ver= traulichen Äusserungen über diesen Punkt!
Denn es bleibt freilich ein jeder, der die Religion verändert, mit einer Art von Makel bespritzt, von der es unmöglich scheint ihn zu reinigen. Wir sehen daraus, dass die Menschen den beharrenden Willen über alles zu schätzen wissen und um so mehr schätzen, als sie sämtlich in Parteien geteilt ihre eigene Sicherheit und Dauer beständig im Auge haben. Hier ist weder von Gefühl noch von Überzeugung die Rede. Ausdauern soll man da, wo uns mehr das Geschick als die Wahl hingestellt. Bei einem Volke, einer Stadt, einem Fürsten, einem Freunde, einem Weibe festhalten, darauf alles beziehen, deshalb alles wirken, alles entbehren und dulden, das wird geschätzt; Abfall dagegen bleibt verhasst, Wankelmut wird lächerlich.
War dieses nun die eine schroffe, sehr ernste Seite, so lässt sich die Sache auch von einer andern ansehn, von der man sie heiterer und leichter nehmen kann. Gewisse Zustände des Menschen, die wir keineswegs billigen, gewisse sittliche Flecken an dritten Personen haben für unsre Phantasie einen be= sondern Reiz. Will man uns ein Gleichnis erlauben, so möchten wir sagen, es ist damit wie mit dem Wildbret, das dem feinen Gaumen mit einer kleinen Andeutung von Fäulnis weit besser als frisch gebraten schmeckt. Eine ge= schiedene Frau, ein Renegat machen auf uns einen besonders reizenden Eindruck. Personen, die uns sonst vielleicht nur merkwürdig und liebens= würdig vorkämen, erscheinen uns nun als wundersam, und es ist nicht zu leugnen, dass die Religionsveränderung Winckelmanns das Romantische seines Lebens und Wesens vor unserer Einbildungskraft merklich erhöht.
Aber für Winckelmann selbst hatte die katholische Religion nichts An= zügliches. Er sah in ihr bloss das Maskenkleid, das er umnahm, und drückt 10
sich darüber hart genug aus. Auch später scheint er an ihren Gebräuchen nicht genugsam festgehalten, ja vielleicht gar durch lose Reden sich bei eifrigen Bekennern verdächtig gemacht zu haben; wenigstens ist hie und da eine kleine Furcht vor der Inquisition sichtbar.
GEWAHRWERDEN GRIECHISCHER KUNST.
Winckelmann gelungen, liegen derDokumente nunmehr genugsam voruns.
Durch die Freude des Genusses ward er zuerst zu den Kunstschätzen hingezogen; allein, zu Benutzung, zu Beurteilung derselben bedurfte er noch der Künstler als Mittelspersonen, deren mehr oder weniger gültige Meinungen er aufzufassen, zu redigieren und aufzustellen wusste, woraus denn seine noch in Dresden herausgegebene Schrift Über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, nebst zwei Anhängen, entstanden ist.
So sehr Winckelmann schon hier auf dem rechten Wege erscheint, so köstliche Grundstellen diese Schriften auch enthalten, so richtig das letzte Ziel darin schon aufgesteckt ist, so sind sie doch, sowohl dem Stoff als der Form nach, dergestalt barock und wunderlich, dass man ihnen wohl vergebens durchaus einen Sinn abzugewinnen suchen möchte, wenn man nicht von der Persönlichkeit der damals in Sachsen versammelten Kenner und Kunstrichter, von ihren Fähigkeiten, Meinungen, Neigungen und Grillen näher unterrichtet ist; weshalb diese Schriften für die Nachkommenden ein verschlossenes Buch bleiben werden, wenn sich nicht unterrichtete Lieb= haber der Kunst, die jenen Zeiten näher gelebt haben, bald entschliessen sollten, eine Schilderung damaliger Zustände, insofern es noch möglich ist, zu geben oder zu veranlassen.
Lippert, Hagedorn, Oeser, Dietrich, Heinecken, Oesterreich liebten, trieben, beförderten die Kunst jeder auf seineWeise. Ihre Zwecke waren beschränkt,
on allem Literarischen, ja selbst von dem Höchsten, was sich mitW ort und Sprache beschäftigt, vonPoesie undRhe= torik, zu den bildenden Künsten überzugehen, ist schwer, ja fast unmöglich; denn es liegt eine ungeheure Kluft dazwischen, über welche uns nur einbesonders geeignetes
Naturell hinüberhebt. Um zu beurteilen, inwiefern dieses
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ihre Maximen einseitig, ja öfters wunderlich. Geschichten und Anekdoten kursierten, deren mannigfaltige Anwendung nicht allein die Gesellschaft unterhalten, sondern auch belehren sollte. Aus solchen Elementen ent= standen jene Schriften Winckelmanns, der diese Arbeiten gar bald selbst unzulänglich fand, wie er es denn auch seinen Freunden nicht verhehlte.
Doch trat er endlich, wo nicht genugsam vorbereitet, doch einigermassen vorgeübt, seinen Weg an und gelangte nach jenem Lande, wo für jeden Empfänglichen die eigenste Bildungsepoche beginnt, welche sich über dessen ganzes Wesen verbreitet und solche Wirkungen äussert, die ebenso reell als harmonisch sein müssen, weil sie sich in der Folge als ein festes Band zwischen höchst verschiedenen Menschen kräftig erweisen.
wandert er durch die Reste eines Riesenzeitalters; das Herrlichste, was die Kunst hervorgebracht hat, steht unter freiem Himmel; unentgeltlich, wie zu den Sternen des Firmaments, wendet er seine Augen zu solchen Wunderwerken empor, und jeder verschlossene Schatz öffnet sich für eine kleine Gabe. Der Ankömmling schleicht wie ein Pilgrim unbemerkt umher; dem Herrlichsten und Heiligsten naht er sich in unscheinbarem Gewand; noch lässt er nichts Einzelnes auf sich eindringen, das Ganze wirkt auf ihn unendlich mannigfaltig, und schon fühlt er die Harmonie voraus, die aus diesen vielen, oft feindselig scheinenden Elementen zuletzt für ihn entstehen muss. Er beschaut, er betrachtet alles und wird, auf dass ja sein Behagen vollkommener werde, für einen Künstler gehalten, für den man denn doch am Ende so gerne gelten mag.
Wie uns einFreund die mächtige Wirkung, welche jener Zustand ausübt, geistvoll entwickelte, teilen wir unsem Lesern statt aller weitern Be= trachtungen mit.
ROM.
inckelmann war nun in Rom, und wer konnte würdiger sein, die Wirkung zu fühlen, die jener grosse Zustand auf eine wahrhaft empfängliche Natur hervorzu= bringen imstande ist. Er sieht seine Wünsche erfüllt, sein Glückbegründet, seineHoffnungenüberbefriedigt. V erkörpert stehen seineldeen um ihn her ; mit Staunen
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„Rom ist der Ort, in dem sidi für unsere Ansicht das ganze Altertum in Eins zusammenzieht, und was wir also bei den alten Dichtern, bei den alten Staatsverfassungen empfinden, glauben wir in Rom mehr noch als zu empfinden, selbst anzuschauen. Wie Homer sidiniditmitandernDichtern, so lässt sich Rom mit keiner andern Stadt, römische Gegend mit keiner andern vergleichen. Es gehört allerdings das Meiste von diesem Eindruck uns und nicht dem Gegenstände; aber es ist nicht bloss der empfindelnde Gedanke, zu stehen, wo dieser oder jener grosse Mann stand, es ist ein gewaltsames Hinreissen in eine von uns nun einmal, sei es auch durch eine notwendige Täuschung, als edler und erhabener angesehene Ver= gangenheit; eine Gewalt, der selbst wer wollte, nicht widerstehen kann, weil die Öde, in der die jetzigen Bewohner das Land lassen, und die un= glaubliche Masse von Trümmern selbst das Auge dahin führen. Und da nun diese Vergangenheit dem innern Sinne in einer Grösse erscheint, die allen Neid ausschliesst, an der man sich überglücklich fühlt, nur mit der Phantasie teilzunehmen, ja an der keine andre Teilnahme nur denkbar ist, und dann den äussern Sinn zugleich die Lieblichkeit der Formen, die Grösse und Einfachheit der Gestalten, der Reichtum der Vegetation, die doch wieder nicht üppig ist wie in noch südlichem Gegenden, die Bestimmt= heit der Umrisse in dem klaren Medium und die Schönheit der Farben in durchgängige Klarheit versetzt, so ist hier der Naturgenuss reiner, von aller Bedürftigkeit entfernter Kunstgenuss. Überall sonst reihen sich Ideen des Kontrastes daran, und er wird elegisch oder satirisch. Freilich indes ist es auch nur für uns so. Horaz empfand Tibur moderner als wir Tivoli. Das beweist sein Beatus ille qui procul negotiis. Aber es ist auch nur eine Täuschung, wenn wir selbst Bewohner Athens und Roms zu sein wünschten. Nur aus der Ferne, nur von allem Gemeinen getrennt, nur als vergangenmuss das Altertum uns erscheinen. Es geht damit wie wenigstens mir und einem Freunde mit den Ruinen; wir haben immer einen Ärger, wenn man eine halbversunkene ausgräbt; es kann höchstens ein Gewinn für die Gelehrsamkeit auf Kosten der Phantasie sein. Ich kenne für mich nur noch zwei gleich schreckliche Dinge: wenn man dieCampagna di Roma anbauen und Rom zu einer polizierten Stadt machen wollte, in der kein Mensch mehr Messer trüge. Kommt je ein so ordentlicher Papst, was denn
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die zweiundsiebzig Kardinale verhüten mögen, so ziehe ich aus. Nur wenn in Rom eine so göttliche Anarchie und um Rom eine so himmlische Wüstenei ist, bleibt für die Schatten Platz, deren einer mehr wert ist als dies ganze
Geschlecht.“
MENGS.
b er Winckelmann hätte lange Zeit in den weiten Kreisen | altertümlicher Überbleibsel nach den wertesten, seiner \ Betrachtung würdigsten Gegenständen umhergetastet, j hätte das Glück ihn nicht sogleich mitMengszusammen= ! gebracht. Dieser, dessen eigenes grosses Talent auf die Salten und besonders die schönen Kunstwerke gerichtet war, machte seinen Freund sogleich mit dem Vorzüglichsten bekannt, was unserer Aufmerksamkeit wert ist. Hier lernte dieser die Schönheit der Formen und ihre Behandlung kennen und sah sich sogleich aufgeregt, eine Schrift Vom Geschmack der griechischen Künstler zu unternehmen.
Wie man aber nicht lange aufmerksam mit Kunstwerken umgehenkann, ohne zu finden, dass sie nicht allein von verschiedenenKünstlem, sondern auch aus verschiedenen Zeiten herrühren, und dass sämtliche Betrachtungen des Ortes, des Zeitalters, des individuellenVerdienstes zugleich angestellt werden müssen, also fand auch Winckelmann mit seinem Geradsinne, dass hier die Achse der ganzen Kunstkenntnis befestigt sei. Er hielt sich zuerst an das Höchste, das er in einer Abhandlung Von demStile der Bildhauerei in den Zeiten des Phidias darzustellen gedachte. Doch bald erhob er sich über die Einzelheiten zu der Idee einer Geschichte der Kunst und entdeckte als ein neuer Kolumbus ein lange geahnetes, gedeutetes und besprochenes, ja man kann sagen, ein früher schon gekanntes und wieder verlornes Land.
Traurig ist immer die Betrachtung, wie erst durch die Römer, nachher durch das Eindrängen nordischer Völker und durch die daraus entstandene Verwirrung das Menschengeschlecht in eine solche Lage gekommen, dass alle wahre, reine Bildung in ihren Fortschritten für lange Zeit gehindert, ja beinahe für alle Zukunft unmöglich gemacht worden.
Man mag in eine Kunst oder Wissenschaft hineinblicken, in welche man will, so hatte der gerade, richtige Sinn dem alten Beobachter schon manches entdeckt, was durch die folgende Barbarei und durch die barbarische Art, 14
sich aus der Barbarei zu retten, ein Geheimnis ward, blieb und für dieMenge ein Geheimnis bleiben wird, da die höhere Kultur der neuem Zeit nur lang = sam ins allgemeine wirken kann.
VomTechnischen ist hier die Rede nicht, dessen sich glücklicherweise das Menschengeschlecht bedient, ohne zu fragen, woher es komme und wohin es führe.
Zu diesen Betrachtungen werden wir durch einige Stellen alter Autoren veranlasst, wo sich schon Ahnungen, jasogar Andeutungen einermöglichen und notwendigen Kunstgeschichte finden.
VellejusPaterculus bemerktmitgrossemAnteildasähnlicheSteigen und Fallen aller Künste. Ihn als Weltmann beschäftigte besonders die Betrach- tung, dass sie sich nur kurze Zeit auf dem höchsten Punkte, den sie erreichen können, zu erhalten wissen. Auf seinem Standorte war es ihm nicht gegeben, die ganze Kunst als ein Lebendiges (£äov) anzusehen, das einen unmerklichen Ursprung, einen langsamen Wachstum, einen glänzenden Augenblick seiner Vollendung, eine stufenfällige Abnahme wie jedes andere organische Wesen, nur in mehreren Individuen, notwendig darstellen muss. Er gibt daher nur sittliche Ursachen an, die freilich als mitwirkend nicht ausgeschlossen werden können, seinem grossen Scharfsinn aber nicht genug tun, weil er wohl fühlt, dass eine Notwendigkeit hier im Spiel ist, die sich aus freien Elementen nicht zusammensetzen lässt.
„Dass wie den Rednern es auch den Grammatikern, Malern und Bild= hauern gegangen, wird jeder finden, der die Zeugnisse der Zeiten verfolgt; durchaus wird die Vortrefflichkeit jeder Kunst von dem engsten Zeiträume umschlossen. Warum nun mehrere ähnliche, fähige Menschen sich in einem gewissen Jahreskreis zusammenziehen und sich zu gleicher Kunst und deren Beförderung versammeln, bedenke ich immer, ohne die Ursachen zu entdecken, die ich als wahr angeben möchte. Unter den wahrscheinlichen sind mir folgende die wichtigsten. Nacheiferung nährt die Talente; bald reizt der Neid, bald die Bewunderung zur Nachahmung, und schnell erhebt sich das mit so grossem Fleiss Geförderte auf die höchste Stelle. Schwer ver= weilt sichs im Vollkommenen, und was nicht vorwärts gehen kann, schreitet zurück. Und so sind wir anfangs unsem Vordermännern nachzukommen
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bemüht; dann aber, wenn wir sie zu übertreffen oder zu erreichen ver- zweifeln, veraltet derFleiss mit der Hoff nung, und was man nicht erlangen kann, verfolgt man nicht mehr; man strebt nicht mehr nach dem Besitz, den andre schon ergriffen, man spähtnachetwasNeuem; und so lassen wir das, worinnen wir nicht glänzen können, fahren und suchen für unser Streben ein ander Ziel. Aus dieser Unbeständigkeit, wie mich dünkt, entsteht das grösste Hindernis, vollkommene Werke hervorzubringen.“
Audi eine Stelle Quintilians, die einen bündigen Entwurf der alten Kunst= geschichte enthält, verdient als ein wichtiges Denkmal in diesem Fache ausgezeichnet zu werden.
Quintilian mag gleichfalls bei Unterhaltung mit römischen Kunstlieb= haberneineauffallendeÄhnlichkeitzwischendemCharakterder griechischen bildenden Künstler mit dem der römischen Redner gefunden und sich bei Kennern und Kunstfreunden deshalb näher unterrichtet haben, so dass er bei seiner gleichnisweisen Aufstellung, da jedesmal der Kunstcharakter mit dem Zeitcharakter zusammenfällt, ohne es zu wisssen oder zu wollen, eine Kunstgeschichte selbst darzustellen genötigt ist.
„Man sagt, die ersten berühmten Maler, deren Werke man nicht bloss des Altertums wegen besucht, seien Polygnot und Aglaophon. Ihr einfaches Kolorit findet noch eifrigeLiebhaber, welche dergleichen rohe Arbeiten und Anfänge einer sich entwickelnden Kunst den grössten Meistern der folgern den Zeit vorziehen, wie mich dünkt, nach einer eigenen Sinnesweise.
„Nachher habenZeuxis undParrhasius, die nichtweitauseinander lebten, beide ungefähr um die Zeit des Peloponnesischen Kriegs, die Kunst sehr befördert. Der erste soll die Gesetze des Lichtes und Schattens erfunden, der andere aber sich auf genaue Untersuchung der Linien eingelassen haben. Ferner gabZeuxis den Gliedern mehr Inhalt und machte sievölliger und ansehnlicher. Er folgte hierin, wie man glaubt, dem Homer, welchem die gewaltigste Form auch an den Weibern gefällt. Parrhasius aber bc= stimmte alles dergestalt, dass sie ihn den Gesetzgeber nennen, weil die Vorbilder von Göttern und Helden, wie er sie überliefert hat, von andern als nötigend befolgt und beibehalten werden.
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Graf Heinrich von Bünau, geb. am 2. Juni 1697 in Weissenfels, gest. am 7. April 1762 in Ossmanstedt bei Weimar.
„So blühte die Malerei um die Zeit des Philippus bis zu den Nachfolgern Alexanders, aber in verschiedenenTalenten-DennanSorgfaltistProtogenes, an Überlegung Pamphilus und Melanthius, an Leichtigkeit Antiphilus, an Erfindung seltsamer Erscheinungen, die man Phantasien nennt, Theon derSamier, an Geist undAnmutApelles vonniemanden übertroffenworden. Euphranorn bewundert man, dass er in Rücksicht der Kunsterfordernisse überhaupt unter die Besten gerechnet werden muss und zugleich in der Maler= und Bildhauerkunst vortrefflich war.
„Denselben Unterschied findet man auch bei der Plastik. Denn Kalon und Hegesias haben härter und denToskanern ähnlich gearbeitet, Kalamis weniger streng, noch weicher Myron.
„Fleiss und Zierlichkeit besitzt Polyklet vor allen. Ihm wird von vielen der Preis zuerkannt; doch damit ihm etwas abgehe, meint man, ihm fehle das Gewicht. Denn wie er die menschliche Form zierlicher gemacht, als die Natur sie zeigt, so scheint er die Würde der Götter niditvöllig auszufüllen, ja, er soll sogar das ernstere Alter vermieden und sich über glatte Wangen nicht hinausgewagt haben.
„Was aber dem Polyklet abgeht, wird dem Phidias und Alkamenes zu= gestanden. Phidias soll Götter und Menschen am vollkommensten gebildet, besonders in Elfenbein seinen Nebenbuhler weit übertroffen haben. Also würde man urteilen, wenn er auch nichts als die Minerva zu Athen oder den Olympischen Jupiter in Elis gemacht hätte, dessen Schönheit der an= genommenen Religion, wie man sagt, zu statten kam; so sehr hat die Majestät des Werkes dem Gotte sich gleichgestellt.
„Lysippus und Praxiteles sollen nach der allgemeinen Meinung sich der Wahrheit am besten genähert haben; Demetrius aber wird getadelt, dass er hierin zuviel getan; er hat die Ähnlichkeit der Schönheit vorgezogen.“
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LITERARISCHES METIER.
nicht leicht ist ein Mensch glücklich genug, für seine ’ höhere Ausbildung von ganz uneigennützigen Gönnern • dieHülfsmittel zu erlangen.Selbst wer dasBeste zu wollen ) glaubt, kann nur das befördern, was er liebt und kennt, oder noch eher, was ihm nutzt. Und so war auch die 3literarisch=bibliographische Bildung dasjenige Verdienst, das Winckelmannen früher dem Grafen Bünau und später dem Kardinal Passionei empfahl.
Ein Bücherkenner ist überall willkommen, und er war es in jener Zeit noch mehr, als die Lust, merkwürdige und rare Bücher zu sammeln, lebendiger, das bibliothekarische Geschäft noch mehr in sich selbst beschränkt war. Eine grosse deutsche Bibliothek sah einer grossen römischen ähnlich. Sie konnten miteinander im Besitz der Bücher wetteifern. Der Bibliothekar eines deutschen Grafen war für einen Kardinal ein erwünschter Haus= genösse und konnte sich auch da gleich wieder als zuhause finden. Die Bibliotheken waren wirkliche Schatzkammern, anstatt dass man sie jetzt bei dem schnellenFortschreiten derWissenschaften.bei dem zweckmässigen und zwecklosen Anhäufen der Druckschriften, mehr als nützliche Vorrats^ kammern und zugleich als unnütze Gerümpelkammern anzusehen hat, so dass ein Bibliothekar, weit mehr als sonst, sich von dem Gange der Wissen = Schaft, von dem Wert und Unwert der Schriften zu unterrichten Ursache hat und ein deutscher Bibliothekar Kenntnisse besitzen muss, die fürs Ausland verloren wären.
Aber nur kurze Zeit und nur so lange, als es nötig war, um sich einen mässigenLebensunterhalt zu verschaffen, blieb Winckelmann seiner eigent= lichenliterarischenBeschäftigung getreu, sowie er auch bald das Interesse an dem, was sich auf kritische Untersuchungen bezog, verlor, weder Hand= Schriften vergleichen noch deutschen Gelehrten, die ihn über manches be= fragten, zur Rede stehen wollte.
Doch hatten ihm seine Kenntnisse schon früher zu einer vorteilhaften Einleitung gedient. Das Privatleben der Italiener überhaupt, besonders aber der Römer, hat aus mancherlei Ursachen etwas Geheimnisvolles. Dieses Geheimnis, diese Absonderung, wenn man will, erstreckte sich auch über die Literatur. Gar mancher Gelehrter widmete sein Leben im 20
stillen einem bedeutenden Werke, ohne jemals damit erscheinen zu wollen oder zu können. Auch fanden sich häufiger als in irgend einem Lande Männer, welche bei mannigfaltigen Kenntnissen und Einsichten sich schrift= lieh oder gar gedruckt mitzuteilen nicht zu bewegen waren. Zu solchen fand Winckelmann den Eintritt gar bald eröffnet. Er nennt unter ihnen vorzüglich Giacomelli und Baldani und erwähnt seiner zunehmenden Bekanntschaften, seines wachsenden Einflusses mit Vergnügen.
KARDINAL ALBÄNI.
ber alles förderte ihn das Glück, ein Hausgenosse des Kardinals Älbani geworden zu sein. Dieser, der bei einem grossen Vermögen und bedeutendemEinfluss von Jugend ^ aufeine entschiedene Kunstliebhaberei, diebeste Gelegen; heit, sie zu befriedigen, und einbis ansWunderbare gren= dzendes Sammlerglück gehabt hatte, fand in späteren Jahren in dem Geschäft, diese Sammlung würdig aufzustellen und so mit jenen römischen Familien zu wetteifern, die früher auf den Wert solcher Schätze aufmerksam gewesen, sein höchstes Vergnügen; ja, den dazu be= stimmten Raum nach Art der Alten zu überfüllen, war sein Geschmack und seine Lust. Gebäude drängten sich an Gebäude, Saal an Saal, Halle zu Halle; Brunnen und Obelisken, Karyatiden und Basreliefe, Statuen und Gefässe fehlten weder im Hof= noch Gartenraum, indes grosse und kleinere Zimmer, Galerien und Kabinette die merkwürdigsten Monumente aller Zeiten enthielten.
Im Vorbeigehen gedachten wir, dass die Alten ihre Anlagen durchaus gleicherweisegefüllt.SoüberhäuftendieRömerihrKapitol, dass es unmöglich scheint, alles habe darauf Platz gehabt. So war die Via sacra, das Forum, der Palatin überdrängt mit Gebäuden und Denkmälern, so dass die Ein= bildungskraft kaum noch eine Menschenmasse in diesen Räumen unter= bringen könnte, wenn ihr nicht die Wirklichkeit ausgegrabener Städte zu Hülfe käme, wenn man nicht mit Augen sehen könnte, wie eng, wie klein, wie gleichsam nur als Modell zu Gebäuden ihre Gebäude angelegt sind. Diese Bemerkung gilt sogar von der Villa des Hadrian, bei deren Anlage Raum und Vermögen genug zum Grossen vorhanden war.
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In einem solchen überfüllten Zustande verliess Winckelmann die Villa seines Herrn und Freundes, den Ort seiner höhern und erfreulichsten Bildung. So stand sie auch lange noch, nach dem Tode des Kardinals, zur Freude und Bewunderung der Welt, bis sie in der alles bewegenden und zerstreuenden Zeit ihres sämtlichen Schmuckes beraubt wurde. Die Statuen waren aus ihren Nischen und von ihren Stellen gehoben, die Basreliefe aus denMauern herausgerissen und der ungeheure Vorrat zumTransport eingepackt. Durch den sonderbarsten Wechsel der Dinge führte man diese Schätze nur bis an die Tiber. In kurzer Zeit gab man sie dem Besitzer zurück, und der grösste Teil, bis auf wenige Juwelen, befindet sich wieder an der alten Stelle. Jenes erste traurige Schicksal dieses Kunst=Elysiums und dessen Wiederherstellung durch eine abenteuerliche Wendung der Dinge hätte Winckelmann erleben können. Doch wohl ihm, dass er dem irdischen Leid sowie der zum Ersatz nicht immer hinreichenden Freude
schon entwachsen war.
GLUCKSFÄLLE.
ber auch manches äussere Glück begegnete ihm auf seinem Wege; nicht allein, dass in Rom das Aufgraben der Altertümer lebhaft und glücklich von statten ging, sondern es waren auch die Herculanischen und Pom- pejischen Entdeckungen teils neu, teils durch Neid, Ver= heimlichung und Langsamkeit unbekannt geblieben, und so kam er in eine Ernte, die seinem Geiste und seiner Tätigkeit genugsam zu schaffen gab.
Traurig ist es, wenn man das Vorhandne als fertig und abgeschlossen ansehen muss. Rüstkammern, Galerien und Museen, zu denen nichts hinzu = gefügt wird, haben etwas Grab= und Gespensterartiges ; man beschränkt seinen Sinn in einem so beschränkten Kunstkreis, man gewöhnt sich, solche Sammlungen als ein Ganzes anzusehen, anstatt dass man durch immer neuen Zuwachs erinnert werden sollte, dass in der Kunst, wie im Leben, kein Abgeschlossenes beharre, sondern ein Unendliches in Bewegung sei.
In einer so glücklichen Lage befand sich Winckelmann. Die Erde gab ihre Schätze her, und durch den immerfort regen Kunsthandel bewegten sich manche alte Besitzungen ans Tageslicht, gingen vor seinen Augen 22
vorbei, ermunterten seine Neigung, erregten sein Urteil und vermehrten seine Kenntnisse.
Kein geringer Vorteil für ihn war sein Verhältnis zu dem Erben der grossen Stoshishen Besitzungen. Erst nach dem Tode des Sammlers lernte er diese kleine Kunstwelt kennen, und herrschte darin nach seiner Einsicht und Überzeugung. Freilich ging man nicht mit allen Teilen dieser äusserst schätzbaren Sammlung gleich vorsichtig um, wiewohl das Ganze einen Katalog, zurFreudeundzumNutzennachfolgender Liebhaber undSammler, verdient hätte. Manches ward verschleudert; doch um die treffliche Gemmen = Sammlung bekannter und verkäuflicher zu machen, unternahm Winckel= mann mit dem Erben Stosch die Fertigung eines Katalogs, von welchem Geschäft und dessen übereilter und doch immer geistreicher Behandlung uns die überbliebene Korrespondenz ein merkwürdiges Zeugnis ablegt.
Bei diesem auseinanderfallenden Kunstkörper, wie bei der sich immer vergrössernden und mehr vereinigenden Albanischen Sammlung, zeigte sich unser Freund geschäftig, und alles, was zum Sammeln oder Zer= streuen durch seine Hände ging, vermehrte den Schatz, den er in seinem Geiste angefangen hatte aufzustellen.
UNTERNOMMENE SCHRIFTEN.
chon als Winckelmann zuerst in Dresden der Kunst und den Künstlern sich näherte und in diesem Fach als An= fänger erschien, war er als Literator ein gemachter Mann. cakäcas ££5^ Er übersah dieVorzeit sowie die Wissenshaften in man= i SsMy/t chem Sinne. Er fühlte und kannte das Altertum sowie das
der Gegenwart, des Lebens und des Charakters, selbst in seinem tiefgedrückten Zustande. Er hatte sih einen Stil gebildet. In der neuen Shule, die er betrat, horhte er niht nur als ein gelehriger, sondern als ein gelehrter Jünger seinen Meistern zu, er horhte ihnen ihre bestimmten Kenntnisse leiht ab und fing sogleih an, alles zu nutzen und zu verbrauhen.
Auf einem höhern Schauplätze als zu Dresden, in einem höhern Sinne, der sih ihm geöffnet hatte, blieb er derselbige. Was er von Mengs ver= nahm, was die Umgebung ihm zurief, bewahrte er niht etwa lange bei
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sich, liess den frischen Most nicht etwa gären und klar werden, sondern wie man sagt, dass man durch Lehren lerne, so lernte er im Entwerfen und Schreiben. Wie manchen Titel hat er uns hinterlassen, wie manche Gegenstände benannt, über die ein Werk erfolgen sollte, und diesem An= fang glich seine ganze antiquarische Laufbahn. Wir finden ihn immer in Tätigkeit, mit dem Augenblick beschäftigt, ihn dergestalt ergreifend und festhaltend, als wenn der Augenblick vollständig und befriedigend sein könnte, und ebenso liess er sich wieder vomnächsten Augenblickebelehren. Diese Ansicht dient zur Würdigung seiner Werke.
Dass sie so, wie sie da liegen, erst als Manuskript auf das Papier ge= kommen und sodann später imDruck für dieFolgezeit fixiert worden, hing von unendlich mannigfaltigen kleinen Umständen ab. Nur einen Monat später, so hätten wir ein anderes Werk, richtiger an Gehalt, bestimmter in der Form, vielleicht etwas ganz anderes. Und eben darum bedauern wir höchlich seinen frühzeitigen Tod, weil er sich immer wieder umgeschrieben und immer sein ferneres und neustes Leben in seine Schriften ein= gearbeitet hätte.
Und so ist alles, was er uns hinterlassen, als ein Lebendiges für die Lebendigen, nicht für die im Buchstaben Toten geschrieben. Seine Werke, verbunden mit seinen Briefen, sind eine Lebensdarstellung, sind ein Leben selbst. Sie sehen, wie das Leben der meisten Menschen, nur einer Vor= bereitung nicht einem Werke gleich. Sie veranlassen zu Hoffnungen, zu Wünschen, zu Ahnungen; wie man daran bessern will, so sieht man, dass man sich selbst zu bessern hätte; wie man sie tadeln will, so sieht man, dass man demselbigenTadel vielleicht auf einer höhern Stufe der Erkenntnis selbst ausgesetzt sein möchte: denn Beschränkung ist überall unser Los.
PHILOSOPHIE.
a bei dem Fortrücken der Kultur nicht alle Teile des menschlichen Wirkens und Umtreibens, an denen sich die Bildung offenbaret, ingleichemWachstumgedeihen,viel= mehr nach günstig erBeschaffenheit derPersonen undUm= stände einer dem andern voreilen und ein allgemeineres Interesse erregen muss, so entsteht daraus ein gewisses
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Anton Raphael Mengs, geb. am 12. März 1728 in Aussig, gest. am 29. Juni 1779 in Rom.
eifersüchtiges Missvergnügen bei den Gliedern der so mannigfaltig ver= zweigten grossen Familie, die sich oft um desto weniger vertragen, je näher sie verwandt sind.
Zwar ist es meistens eine leere Klage, wenn sich bald diese oder jene Kunst= und Wissenschaftsbeflissenenbeschweren, dass gerade ihr Fach von denMitlebendenvernadilässigtwerde; denn esdarfnur ein tüchtiger Meister sich zeigen, so wird er die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Raphael möchte nur immer heute wieder hervortreten, und wir wollten ihm ein Übermass von Ehre und Ruhm zusichern. Ein tüchtiger Meister weckt brave Schüler, und ihre Tätigkeit ästet wieder ins Unendliche.
Doch haben freilich von jeher die Philosophen besonders den Hass nicht allein ihrer Wissenschaftsverwandten, sondern auch der Welt= und Lebens= menschen auf sich gezogen und vielleicht mehr durch ihre Lage als durch eigene Schuld. Denn da die Philosophie ihrer Natur nach an das Allge= meinste, an das Höchste Anforderung macht, so muss sie die weltlichen Dinge als in ihr begriffen, als ihr untergeordnet ansehen und behandeln.
Auch verleugnet man ihr diese anmasslichenForderungen nicht ausdrück= lieh, vielmehr glaubt jeder ein Recht zu haben, an ihren Entdeckungen teil= zunehmen, ihre Maximen zu nutzen und, was sie sonst reichen mag, zu verbrauchen. Da sie aber, um allgemein zu werden, sich eigener Worte, fremdartiger Kombinationen und seltsamer Einleitungen bedienen muss, die mit den besondern Zuständen der Weltbürger und mit ihren augen= blicklichen Bedürfnissen nicht eben zusammenfallen, so wird sie von denen geschmäht, dienichtgerade die Handhabe finden können, wobei sie allenfalls noch anzufassen wäre.
Wollte man aber dagegen die Philosophen beschuldigen, dass sie selbst den Übergang zum Leben nicht sicher zu finden wissen, dass sie gerade da, wo sie ihre Überzeugung inTatund Wirkung verwandeln wollen, die meisten Fehlgriffe tun und dadurch ihren Kredit vor der Welt selbst schmälern, so würde es hiezu an mancherlei Beispielen nicht fehlen.
Winckelmann beklagt sich bitter über die Philosophen seinerzeit und über ihrenausgebreitetenEinfluss;abermichdünkt,mankannememjedenEmfluss aus demWege gehen, indemmansich insein eigenesFachzurückzieht.Sonder= bar ist es, dassWinckelmann dieLeipziger Akademie nicht bezog, wo er unter
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Christs Anleitung und ohne sich um einen Philosophen in der Welt zu be= kümmern, sich in seinem Hauptstudium bequemer hätte ausbildenkönnen.
Doch steht, indem uns die Ereignisse der neuern Zeit vorschweben, eine Bemerkung hier wohl am rechten Platze, die wir auf unserm Lebenswege machen können, dass kein Gelehrter ungestraft jene grosse philosophische Bewegung, die durch Kant begonnen, von sich abgewiesen, sich ihr wider= setzt, sie verachtet habe, ausser etwa die echten Altertumsforscher, welche durch die Eigenheit ihres Studiums vor allen andern Menschen vorzüg= lieh begünstigt zu sein scheinen.
Denn indem sie sich nur mit dem Besten, was die Welt hervorgebracht hat, beschäftigen und das Geringe, ja das Schlechtere nur in Bezug auf jenes Vortreffliche betrachten, so erlangen ihre Kenntnisse eine solche Fülle, ihre Urteile eine solche Sicherheit, ihr Geschmack eine solche Kon= sistenz, dass sie innerhalb ihres eigenen Kreises bis zur Verwunderung, ja bis zum Erstaunen ausgebildet erscheinen.
Auch Winckelmann gelang dieses Glück, wobei ihm freilich die bildende Kunst und das Leben kräftig einwirkend zu Hülfe kamen.
POESIE.
o sehr Winckelmann bei Lesung der alten Schriftsteller auch auf die Dichter Rücksicht genommen, so finden wir doch bei genauer Betrachtung seiner Studien und seines Lebensganges keine eigentliche Neigung zur Poesie, ja man könnte eher sagen, dass hie und da eine Abneigung hervorblicke; wie denn seine Vorliebe für alte gewohnte Luthersche Kirchenlieder und sein Verlangen, ein solches unverfälschtes Gesangbuch selbst in Rom zu besitzen, wohl von einem tüchtigen wackern Deutschen, aber nicht eben von einem Freunde der Dichtkunst zeuget.
Die Poeten der Vorzeit scheinen ihn früher als Dokumente der alten Sprachen und Literaturen, später als Zeugnisse für bildende Kunst inter= essiert zu haben. Desto wunderbarer und erfreulicher ist es, wenn er selbst als Poet auftritt, und zwar als ein tüchtiger, unverkennbarer in seinen Beschreibungen der Statuen, ja beinahe durchaus in seinen spätem Schriften. Er sieht mit den Augen, er fasst mit dem Sinn unaussprechliche Werke, und doch fühlt er den unwiderstehlichen Drang, mit Worten und 28
Buchstaben ihnen beizukommen. Das vollendete Herrliche, die Idee, woraus diese Gestalt entsprang, das Gefühl, das in ihm beim Schauen erregt ward, soll dem Hörer, dem Leser mitgeteilt werden, und indem er nun die ganze Rüstkammer seiner Fähigkeiten mustert, sieht er sich genötigt, nach dem Kräftigsten und Würdigsten zu greifen, was ihm zu Gebote steht. Er muss Poet sein, er mag daran denken, er mag wollen oder nicht.
ERLANGTE EINSICHT.
*0 sehrWinckelmann überhaupt auf ein gewisses Ansehn | vor der Welt achtete, so sehr er sich einen literarischen jRuhm wünschte, so gut er seine Werke auszustatten und sie durch einen gewissen feierlichen Stil zu erheben j suchte, so war er doch keinesweges blind gegen ihre ll Mängel, die er vielmehr auf das schnellste bemerkte, wie sichs bei seiner fortschreitenden, immer neue Gegenstände fassenden und bearbeitendenNaturnotwendig ereignen musste. Je mehr er nun in irgend einem Aufsatze dogmatisch und didaktisch zu Werke gegangen war, diese oder jene Erklärung eines Monuments, diese oder jene Auslegung und Anwendung einer Stelle behauptet und festgesetzt hatte, desto auffallender war ihm der Irrtum, sobald er durch neue Data sich davon überzeugt hielt, desto schneller war er geneigt, ihn auf irgend eine Weise zu verbessern.
Hatte er das Manuskript noch in der Hand, so ward es umgeschrieben; war es zum Druck abgesendet, so wurden Verbesserungen und Nachträge hinterdrein geschickt, und von allen diesen Reuschritten machte er seinen Freunden kein Geheimnis ; denn auf Wahrheit, Geradheit, Derbheit und Redlichkeit stand sein ganzes Wesen gegründet.
SPÄTERE WERKE.
3in glücklicher Gedanke ward ihm, zwar auch nicht auf »einmal, sondern nur durch die Tat selbst klar, das Unter= ^nehmen seiner Monumenti inediti.
Man sieht wohl, dass jene Lust, neue Gegenstände ibekannt zu machen, sie auf eine glückliche Weise zu er= iklären, die Altertumskunde in so grossem Masse zu
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erweitern, ihnzuerst angelockt habe; dann tritt das Interesse hinzu, die von ihm in der Kunstgeschichte einmal aufgestellteMethode auch hier an Gegen= ständen, die er dem Leser vor Augen legt, zu prüfen, da denn zuletzt der glückliche Vorsatz sich entwickelte, in der vorausgeschickten Abhandlung das Werk über die Kunstgeschichte, das ihm schon im Rücken lag, still= schweigend zu verbessern, zu reinigen, zusammenzudrängen und vielleicht sogar teilweise aufzuheben.
Im Bewusstsein früherer Missgriffe, über die ihn der Nichtrömer kaum zurechtweisen durfte, schrieb er ein Werk in italienischer Sprache, das auch in Rom gelten sollte. Nicht allein befleissigt er sich dabei der grössten Auf= merksamkeit, sondern wählt sich auch freundschaftliche Kenner, mit denen er die Arbeit genau durchgeht, sich ihrer Einsicht, ihres Urteils auf das klügste bedient und so ein Werk zustande bringt, das als Vermächtnis auf alle Zeiten übergehen wird. Und er schreibt es nicht allein, er besorgt es, unternimmt es und leistet als ein armer Privatmann das, was einem wohlgegründeten Verleger, was akademischen KräftenEhre machen würde.
PAPST.
ollte man so viel vonRom sprechen, ohne des Papstes zu gedenken, der dochWinckelmannen wenigstens mittelbar manches Gute zufliessen lassen! wjssm. vj Winckelmanns Aufenthalt in Rom fiel zum grössten < □§330', t Teil unter die Regierung Benedikts XIV. Lambertini, der
ci^T-^-^^^nlals ein heiterer behaglicher Mann lieber regieren liess, als regierte; und so mögen auch die verschiedenen Stellen, welche Winckel= mann bekleidete, ihm durch die Gunst seiner hohen Freunde mehr als durch die Einsicht des Papstes in seine Verdienste geworden sein.
Doch finden wir ihn einmal auf eine bedeutende Weise in der Gegenwart des Hauptes der Kirche; ihm wird die besondere Auszeichnung, demPapste aus den Monumenti inediti einige Stellen vorlesen zu dürfen, und er ge= langt auch von dieser Seite zur höchsten Ehre, die einem Schriftsteller werden kann.
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CHARAKTER.
enn bei sehr vielen Menschen, besonders aber beiGe= lehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äussert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, dass alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsäch= lieh deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil
sein Charakter sich immer dabei offenbart. Haben wir schon unter der Aufschrift vom Antiken und Heidnischen, vom Schönheits= und Freund= schaftssinne einiges Allgemeine zum Anfang ausgesprochen, so wird das mehr Besondere hier gegen das Ende wohl seinen Platz verdienen.
Winckelmann war durchaus eineNatur,die es redlich mit sich selbst und mit andern meinte; seine angeborne Wahrheitsliebe entfaltete sich immer mehr und mehr, je selbständiger und unabhängiger er sich fühlte, so dass er sich zuletzt die höfliche Nachsicht gegen Irrtümer, die im Leben und in der Literatur so sehr hergebracht ist, zum Verbrechen machte.
Eine solche Natur konnte wohl mit Behaglichkeit in sich zurückkehren; doch finden wir auch hier jene altertümliche Eigenheit, dass er sich immer mit sich selbst beschäftigte, ohne sich eigentlich zu beobachten. Er denkt nur an sich, nicht über sich, ihm liegt im Sinne, was er vor hat, er inter= essiert sich für sein ganzes Wesen, für denganzenUmfang seines Wesens, und hat das Zutrauen, dass seine Freunde sich auch dafür interessieren werden. Wir finden daher in seinen Briefen vom höchsten moralischen bis zum gemeinsten physischen Bedürfnis alles erwähnt; ja er spricht es aus, dass er sich von persönlichen Kleinigkeiten lieber als von wichtigen Dingen unterhalte. Dabei bleibt er sich durchaus ein Rätsel und er staunt manchmal über seine eigene Erscheinung, besonders inBetrachtung dessen, was er war und was er geworden ist. Doch so kann man überhaupt jeden Menschen als eine vielsilbige Charade ansehen, wovon erselbstnurwenige Silben zusammenbuchstabiert, indessen andre leicht das ganze Wort entziffern.
Auch finden wir bei ihm keine ausgesprochenen Grundsätze; sein rich= tiges Gefühl, sein gebildeter Geist dienen ihm im Sittlichen wie im Ästhe= tischen zum Leitfaden. Ihm schwebt eine Art natürlicher Religion vor, wobei jedoch Gott als Urquell des Schönen und kaum als ein auf den
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Menschen sonst bezügliches Wesen erscheint. Sehr schön beträgt sich Winckelmann innerhalb der Grenzen der Pflicht und Dankbarkeit.
Seine Vorsorge für sich selbst ist massig, ja nicht durch alle Zeiten gleich. Indessen arbeitet er aufs fleissigste, sich eine Existenz aufs Älter zu sichern. Seine Mittel sind edel; er zeigt sich selbst auf dem Wege zu jedem Zweck redlich, gerade, sogar trotzig und dabei klug und beharrlich. Er arbeitet nie planmässig, immer aus Instinkt und mit Leidenschaft. Seine Freude an jedem Gefundenen ist heftig, daher Irrtümer unvermeid= lieh, die er jedoch bei lebhaftem Vorschreiten ebenso geschwind zurück= nimmt als einsieht. Auch hier bewährt sich durchaus jene antike Anlage, die Sicherheit des Punktes, von dem man ausgeht, die Unsicherheit des Zieles, wohin man gelangen will, sowie die Unvollständigkeit und Un= Vollkommenheit derBehandlung, sobald sie eine ansehnlicheBreite gewinnt.
GESELLSCHAFT.
Senn ersieh, durch seine frühere Lebensart wenig vor= • bereitet, in der Gesellschaft anfangs nicht ganz be= ; quem befand, so trat ein Gefühl von Würde bald an s die Stelle der Erziehung und Gewohnheit, und er lernte ! sehr schnell sich den Umständen gemäss betragen. SlDieLust amUmgang mit vornehmen, reichen und be= rühmten Leuten, dieFreude, von ihnen geschätzt zu werden, dringt überall durch, und in Absicht auf die Leichtigkeit des Umgangs hätte er sich in keinem bessern Elemente als in dem römischen befinden können.
Er bemerkt selbst, dass die dortigen, besonders geistlichen Grossen so zeremoniös sie nach aussen erscheinen, doch nach innen gegen ihre Haus= genossen bequem und vertraulich leben; allein er bemerkte nicht, dass hinter dieser Vertraulichkeit sich doch das orientalische Verhältnis des Herrn zum Knechte verbirgt. Alle südlichen Nationen würden eine unend= ÜcheLangeweile finden, wenn sie gegen die Ihrigen sich in der fortdauernden wechselseitigen Spannung erhalten sollten, wie es die Nordländer ge= wohnt sind. Reisende haben bemerkt, dass die Sklaven sich gegen ihre türkischen Herren mit weit mehr Aisance betragen als nordische Hofleute gegen ihre Fürsten und bei uns Untergebene gegen ihreVorgesetzten; allein 32
Kardinal Alessandro Albani, geb. in Urbino am 15. Oktober 1692, gest. in Rom am 11. Dezember 1779.
wenn man es genau betrachtet, so sind diese Achtungsbezeigungen eigent=
immer erinnern, was er ihnen schuldig ist.
Der Südländer aber will Zeiten haben, wo er sich gehen lässt, und diese kommen seiner Umgebung zu gut. Dergleichen Szenen schildert Winckel= mann mit grossem Behagen; sie erleichtern ihm seine übrige Abhängig^ keit und nähren seinen Freiheitssinn, der mit Scheu auf jede Fessel hinsieht, die ihn allenfalls bedrohen könnte.
aber nicht nachRombequemt, ist den wahrhaft römischGesinnten ein Greuel.
Man wirft; den Engländern vor, dass sie ihren Teekessel überall mit= führen und sogar bis auf den Ätna hinaufschleppen; aber hat nicht jede Nation ihren Teekessel, worin sie selbst auf Reisen ihre von Hause mit= gebrachten getrockneten Kräuterbündel aufbraut?
Solche nach ihrem engenMassstab urteilende, nicht um sich her sehende, vorübereilende, anmassliche Fremde verwünscht Winckelmann mehr als einmal, verschwört, sie nicht mehr herumzuführen, und lässt sich zuletzt doch wieder bewegen. Er scherzt über seine Neigung zum Schulmeistern, zu unterrichten, zu überzeugen, da ihm denn auch wieder in der Gegen= wart durch Stand und Verdienste bedeutender Personen gar manches Gute zuwächst. Wir nennen hier nur den Fürsten von Dessau, die Erb= prinzen von Meddenburg=Strelitz und Braunschweig, sowie den Baron von Riedesel, einen Mann, der sich in der Sinnesart gegen Kunst und Altertum ganz unseres Freundes würdig erzeigte.
lieh zu Gunsten der Untergebenen eingeführt, die dadurch ihren Obern
FREMDE.
äennWinckelmann durch denUmgang mitEinheimischen . sehr glücklich ward, so erlebte er desto mehr Pein und s Not von Fremden. Es ist wahr, nichts kann schreek= J lieber sein als der gewöhnliche Fremde in Rom. An | jedem andern Orte kann sich der Reisende eher selbst alsuchen und auch etwas ihm Gemässes finden; wer sich
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WELT.
7|ir finden beiWinckelmann das unnadilassendeStreben t nadi Ästimation und Konsideration; aber er wünsdit ! sie durch etwas Reelles zu erlangen. Durchaus dringt (er auf das Reale der Gegenstände, der Mittel und t der Behandlung; daher hat er eine so grosse Feind= Jsdiaft gegen den französisdien Schein.
So wie er in Rom Gelegenheit gefunden hatte, mit Fremden aller Nationen umzugehen, so erhielt er auch solche Konnexionen auf eine geschickte und tätige Weise. Die Ehrenbezeigungen von Akademien und gelehrten Gesellschaften waren ihm angenehm, ja er bemühte sich darum.
Am meisten aber förderte ihn das im stillen mit grossem Fleiss aus= gearbeitete Dokument seines Verdienstes, ich meine die Geschichte der Kunst. Sie ward sogleich ins Französische übersetzt und er dadurch weit und breit bekannt.
Das, was ein solches Werk leistet, wird vielleicht am besten in den ersten Augenblicken anerkannt ; das Wirksame desselben wird empfunden, das Neue lebhaft aufgenommen, die Menschen erstaunen, wie sie auf einmal gefördert werden; dahingegen eine kältere Nachkommenschaft mit eklem Zahn an den Werken ihrer Meister und Lehrer herumkostet und Forderungen aufstellt, die ihr gar nicht eingefallen wären, hätten jene nicht so viel geleistet, von denen man nun noch mehr fordert.
Und so war Winckelmann den gebildeten Nationen Europens bekannt geworden in einem Augenblicke, da man ihm in Rom genugsam vertraute, um ihn mit der nicht unbedeutenden Stelle eines Präsidenten der Alter=
tümer zu beehren.
UNRUHE.
Ungeachtet jener anerkannten und von ihm selbst öfters ? gerühmten Glückseligkeit, war er doch immer von einer Unruhe gepeinigt, die, indem sie tief in seinem Charakter lag, gar mancherlei Gestalten annahm.
Er hatte sich früher kümmerlich beholfen, später von Uder Gnade des Hofs, von der Gunst manches Wohl= wollenden gelebt, wobei er sich immer auf das geringste Bedürfnis ein= schränkte, um nicht abhängig oder abhängiger zu werden. Indessen war 36
er auch auf das tüchtigste bemüht, sich für die Gegenwart, für die Zukunft aus eigenen Kräften einen Unterhalt zu verschaffen, wozu ihm endlich die gelungene Ausgabe seines Kupferwerks die schönste Hoffnung gab.
Allein jener ungewisse Zustand hatte ihn gewöhnt, wegen seiner Sub= sistenz bald hierhin bald dorthin zu sehen, bald sich mit geringen Vor= teilen im Hause eines Kardinals, in der Vatikana und sonst unterzutun, bald aber, wenn er wieder eine andere Aussicht vor sich sah, grossmütig seinen Platz aufzugeben, indessen sich doch wieder nach andern Stellen umzusehen und manchen Anträgen ein Gehör zu leihen.
Sodann ist einer, der in Rom wohnt, der Reiselust nach allen Welt= gegenden ausgesetzt. Er sieht sich im Mittelpunkt der alten Welt, und die für den Altertumsforscher interessantesten Länder nah um sich her. Grossgriechenland und Sizilien, Dalmatien, der Peloponnes, Jonien und Ägypten, alles wird den Bewohnern Roms gleichsam angeboten und erregt in einem, der wie Winckelmann mit Begierde des Schauens geboren ist, von Zeit zu Zeit ein unsägliches Verlangen, welches durch so viele Fremde noch vermehrt wird, die auf ihren Durchzügen bald vernünftig, bald zweck= los jeneLänder zu bereisen Anstalt machen, bald, indem sie zurückkehren, von den Wundern der Ferne zu erzählen und aufzuzeigen nicht müde werden.
So will denn unser Winckelmann auch überall hin, teils aus eigenen Kräften, teils in Gesellschaft solcher wohlhabender Reisenden, die den Wert eines unterrichteten, talentvollen Gefährten mehr oder weniger zu schätzen wissen.
Noch eine Ursache dieser innern Unruhe und Unbehaglichkeit macht seinem Herzen Ehre; es ist das unwiderstehliche Verlangen nach ab= wesenden Freunden. Hier scheint sich die Sehnsucht des Mannes, der sonst so sehr von der Gegenwart lebte, ganz eigentlich konzentriert zu haben. Er sieht sie vor sich, er unterhält sich mit ihnen durch Briefe, er sehnt sich nach ihrer Umarmung und wünscht die früher zusammenverlebten Tage zu wiederholen.
Diese besonders nachNorden gerichteten Wünsche hatte der Friede aufs neue belebt. Sich dem grossen König darzustellen, der ihn schon früher eines Antrags seiner Dienste gewürdigt, war sein Stolz; den Fürsten von
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Dessau wiederzusehen, dessen hohe ruhige Natur er als von Gott auf dieErde gesandt betrachtete, denHerzogvonBraunsdiweig, dessen grosse Eigenschaften er zu würdigen wusste, zu verehren, den Minister von Münchhausen, der so viel für die Wissenschaften tat, persönlich zu preisen, dessen unsterbliche Schöpfung in Göttingen zu bewundern, sich mit seinen Schweizer Freunden wieder einmal lebhaft und vertraulich zu freuen, solche Lockungen tönten in seinem Herzen, in seiner Einbildung wider, mit solchen Bildern hatte er sich lange beschäftigt, lange gespielt, bis er zuletzt unglücklicherweise diesem Trieb gelegentlich folgt und so in seinen Tod geht.
Schon war er mit Leib und Seele dem italienischen Zustand gewidmet, jeder andere erschien ihm unerträglich, und wenn ihn der frühere Hinein= weg durch das bergigte und felsigte Tirol interessiert, ja entzückt hatte, so fühlte er sich auf dem Rückwege in sein Vaterland wie durch eine kimmerische Pforte hindurchgeschleppt, beängstet und mit derUnmöglich=
keit, seinen Weq fortzusetzen, behaftet.
HINGANG.
o war er denn auf der höchsten Stufe des Glücks, das er sichnur hätte wünschen dürfen, derWeltverschwunden. Ihn erwartete seinVaterland, ihm streckten seine Freunde dieArme entgegen; alle Äusserungen der Liebe, deren er so sehr bedurfte, alle Zeugnisse der öffentlichen Ächtung, aufdie er so viel Wertlegte, warteten seiner Erscheinung, um ihn zu überhäufen. Und in diesem Sinne dürfen wir ihn wohl glücklich preisen, dass er von dem Gipfel des menschlichen Daseins zu den Seligen emporgestiegen, dass ein kurzer Schrecken, ein schneller Schmerz ihn von denLebendigen hinweggenommen. Die Gebrechen des Alters, die Abnahme der Geisteskräfte hat er nicht empfunden, dieZerstreuung der Kunstschätze, die er, obgleich in einem andern Sinne, vorausgesagt, ist nicht vor seinen Augen geschehen. Er hat als Mann gelebt und ist als ein vollständiger Mann von hinnen gegangen. Nun geniesst er im Andenken der Nachwelt den Vorteil, als ein ewig Tüchtiger und Kräftiger zu erscheinen; denn in der Gestalt, wie der Mensch die Erde verlässt, wandelt er unter den Schatten, und so bleibt uns Achill als ewig strebender Jüngling gegenwärtig. 38
Dass Winckelmann früh hinwegschied, kommt auch uns zugute. Von seinem Grabe her stärkt uns der Anhauch seiner Kraft und erregt in uns den lebhaftesten Drang, das, was er begonnen, mit Eifer und Liebe fort= und immer fortzusetzen.
H SCHLUSS DES ERSTEN TEILES CT
§281 3 t m n ^em V0I’llergehenden Entwurf einer Kunstgeschichte \| •» des 18. Jahrhunderts ist nur beiläufig Erwähnung von f Winckelmann geschehen, weil wir uns vorgenommen J h hatten, seinen Einfluss, seinWirken und seineVerdienste in
g^gj| J I tjgsig; derKundc der Altertümer eigens ausführlich zu betrachten. 1 — — Es wird zu diesem Endzweck erforderlich sein, dass
wir erstlich untersuchen, welche Meinungen und Begriffe über die vor= handenen Monumente der alten Kunst im Gange waren, ehe noch Winckel= mann als der glücklichste Forscher in diesem Fach auftrat, das heisst, ehe seine Kunstgeschichte erschien; und werden zweitens zu zeigen unter = nehmen, in welchen wesentlichen Punkten seinBemühen bessere Erkenntnis aufgebracht oder eingeleitet habe.
In Italien galten um die Mitte des verflossenenjahrhunderts Gori,Passeri, wie auch Bracci für die trefflichsten Altertumsforscher, besonders war der zuerst Genannte rühmlich bekannt. Alle drei waren Männer von gründ= lieber Gelehrsamkeit, aber nicht ebenso vorzüglich in Hinsicht auf Kunst= kenntnisse und Geschmacksbildung, daher im Urteil über die Monumente, welche sie zu erklären gedachten, in der Vergleichung derselben mit andern und in den daraus gezogenen Schlüssen gar manchen Fehlgriffen ausgesetzt.
Die in früherer Zeit schon aufgebrachte, aber von den erwähnten Ge= lehrten ebenfalls angenommene und fortgepflanzte viel zu gute Meinung vom Kunstvermögen der alten Etrurier, von der Anzahl sowie vom Ge= halt der ihnen zuzurechnenden Monumente war ein äusserst schädliches Vorurteil, welches den Fortschritten der Altertumskunde auf mancherlei Weise Hindernisse in den Weg legte.
Vielleicht besass der französische Graf Caylus weniger gelehrte Kennt= nisse als einer der genannten Italiener, er vergütete aber solches durch lebhaftere Neigung für Kunstwerke, durch ein mehr heiteres, gewandtes Denk= und Urteilsvermögen; auch ist seine Schreibart gefälliger, unter= haltender, welches nebst Sprache, Vermögen, Stand, Einfluss, Bekannt= schäften usw. seine Schriften zu den gelesensten, seine Meinungen zu den geltendsten jener Zeit machte. Wenn wir uns daher bemühen, diese Meinungen näher auseinanderzusetzen, so sprechen wir im gelingenden
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Falle auch zugleich den in der Altertumskunde herrschenden Glauben aus, ehe die hellere Aufklärung durch Winckelmann stattgefunden.
Den alten Etruriem war man, wie oben bereits angemerkt worden, überhaupt allzu günstig, und auch Caylus schrieb denselben eine Menge Denkmale zu, welche ganz andern Völkern angehören. In noch grösserer Achtung aber standen bei diesem Altertumsforscher die alten Ägypter, denen er die anfängliche Erfindung der bildenden Künste zum hohen Ver= dienst anrechnete und vermeinte, dass Etrurier und Griechen dieselben aus Ägypten erhalten hätten.
Wir vermuten nicht, dass eine so falsche Ansicht, welche geistlos hand= werksmässiges Nachahmen von eigentlicher Kunst und Genie nicht untere scheidet, vom Grafen Caylus selbst ursprünglich herrühre, wo und wann aber dieselbe ihren Anfang genommen, ist auszumachen ausser den Grenzen unsers gegenwärtigen Vorhabens. Desgleichen mögen andere untersuchen, ob der Wahn, die Griechen hätten aus Eitelkeit und um den Ägyptern den Ruhm der Erfindung der bildenden Künste undankbar zu entreissen, ihre ältesten Kunstprodukte als Zeugnisse, welche gegen sie gesprochen haben würden, absichtlich unterdrückt — ob, sagen wir, dieser Wahn ebenfalls ein älterer und verbreiteter war oder ein blosser Not= behelf, zu welchem sich Graf Caylus gedrungen sah, um das einmal an= genommene System von Etrurischer Kunst und Kunstwerken zu stützen.
Über die in Geschmack, Stil und Behandlung so verschiedenen Epochen in der Kunst, sowie auch über das Eigentümliche des Geschmacks der Kunstwerke verschiedener Völker, walteten sehr unsichere Begriffe. In den Geist der Kunst eindringende Beobachtungen anzustellen, wurde zu derselben Zeit beinahe gänzlich versäumt; man begnügte sich gewöhnlich mit Wahrnehmung äusserer Kennzeichen, doch wurden auch diese höchst selten mit gehöriger Schärfe und Genauigkeit aufgesucht. Daher finden sich von Caylus wahrscheinlich etrurische Denkmale unter den ägyptischen aufgeführt, ja sogar altgriechische den römischen aus Zeiten sinkender Kunst beigemischt.
In solchem Zustande befand sich derjenige Teil der Altertumskunde, der sich über Denkmale der bildenden Kunst erstreckt. Man ging meist, wie z. B. bei den obengenannten drei italienischen Gelehrten der Fall war, 42
Adam Friedrich öser, geb. am 17. Februar 1717 in Pressburg, gest. am 18. März 1799 in Leipzig.
mit dürftigem Geschmack und noch ärmer an Kunstkenntnissen, einseitig vom Studium alter Sprachen, Geschichte und Fabel aus. Als aber ein durch seine Reisen und Umgang, durch Neigung und Talent zur Kunst mehr= seitig gebildeter und fähiger Mann, wie Graf Caylus war, sich der Sache angenommen, so geschahen zwar einige Vorschritte, doch war der Ort seines Aufenthalts, Paris, damals noch weniger als jetzt für den Alter= tumsforscher der günstigste. Zudem wirkten die Vorurteile einer manie= rierten Malerschule nachteilig auf seinen Geschmack und Kunstsinn; es musste ihm also wohl unmöglich fallen,sich über alle alten, festgewurzelten Irrtümer zur freien und klaren Erkenntnis zu erheben.
Wir kommen nun aufWinckelmann, und werden, unsermZwecke gemäss, die Resultate seiner für Geschmack, Kunst und Altertumskunde wohl= tätigen Bemühungen anzugeben versuchen.
Winckelmann erschien zu Rom als ein mit Kenntnis alter Sprachen wohl= ausgerüsteter Gelehrter. Unter den Kunstschätzen zu Dresden hatte er sich vorher einige Zeit umgesehen und ohne Zweifel durch dieselben seine natürlichen Anlagen geweckt. Die Gunst des Kardinals Alexander Albani, die ihm inRom bald zu teil wurde, nebst denfreundschaftlichenVerhältnissen mit Mengs müssen der Entwicklung und Ausbildung des Kunstsinnes in ihm sehr vorteilhaft gewesen sein. Unterdessen ist es wahrscheinlich, die Neigung zu schönen Formen, wodurch, wie bereits angemerkt worden, Mengs als Künstler sich auszeichnete, habe überwiegenden Einfluss auf Winckelmann gewonnen und ihn vermocht, die Schönheit unbedingt als das Hauptprinzip der alten Kunst aufzustellen [siehe die Monum. inediti Tratt. preliminare Cap.IV.] ; eine Behauptung, welche allerdings wahr ist, so= lange man sie auf den ganzenBegriffvon der Kunst ausdehnt, und hingegen eine höchst schädliche Wirkung haben muss, sobald man sie engherzig auf die Formen allein einschränkt, wie leider noch von manchen geschieht. Im Übrigen ist es gar nicht unwahrscheinlich, Winckelmann selbst sei dieses Unterschieds sich nicht mit völliger Klarheit bewusst gewesen, weil überall, wo er in seinen Schriften von der Schönheit der Teile spricht, es das Ansehen hat, als wäre er ausschliesslicherweise derForm gewogen. Wird hingegen von einem vorzüglichenKunstwerke überhaupt gehandelt, dann erglüht nicht selten sein grosser, den Alten verwandter Geist und
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verkündet mit poetischer Ergiessung die hohen innern Schönheiten, die Idee, welche der Künstler durch das Mittel edler abgewogener Formen zur Erscheinung gebracht hat.
Der irrigen Meinung, Etrurier sowohl als Griechen hätten die bildenden Künste von den Ägyptern erhalten, widersprach Winckelmann mit über= zeugendenGründen,undzeigte dagegen, dass solche aus demallenMenschen inwohnenden Bildungs= und Nachahmungstrieb überall entsprungen sind [Monum. inediti Tratt. prelim. Cap. I.].
Die Monumente von ägyptischem Geschmack, über welche, wie oben angemerkt worden, bloss allgemeine und dazu unbestimmte Begriffe herrschten, ordnete er in drei Klassen, nämlich in echt ägyptische Arbeiten, in griechische und in römische Nachahmungen derselben, nach Kennzeichen, die von jedem kunstgeübten Auge unfehlbar erkannt werden können. Ist man ihm dafür schon Dank schuldig, so erwarb er sich doch bei weitem noch grössere Verdienste durch seine Aufklärungen über die Monumente der etrurischen Kunst. Dieses Fach diente im Bezirk der antiquarischen Wissenschaften gleichsam zur Polterkammer, wohin alles, was schwer zu deuten oder sonst nicht gut zu gebrauchen war, beiseite geschafft wurde. Die altgriechischen Werke von Erz und Marmor wurden sämtlich dahin verwiesen, ein Gleiches geschah auch mit den Vasen von gebrannter Erde, ohne Ausnahme; ja man findet bei Caylus [Tom. II. pl. XIV. et XV.] sogar ägyptische Arbeiten für etrurische ausgegeben, und eben dieser sonst verdiente Altertumsforscher tadelt einen Pater Paneratius, der von sizilianischen Altertümern schrieb und ein bei Girgenti ausgegrabenes Gefäss von gebrannter Erde für griechisch und nicht für etrurisch hielt [Tom. II. p. 54],
Diese alten schädlichen Vorurteile, die immer neue Irrtümer hervor= tri eben, beschnittWinckelmann sozusagen an ihren Lebenswurzeln dadurch, dass er nachwies, die mehrerwähnten, bis dahin für etrurisch gehaltenen bemalten Gefässe in gebrannter Erde seien nicht zu bezweifelnde Arbeiten der in Italien angesiedelten Griechen. Ebenfalls mutmasste er, dass auch die plastischen Werke vom sogenannten etrurischen Geschmack, oder wenigstens einige derselben, altgrichische Monumente sein könnten [Monum. ined. Tratt. prelim. p. XXXIV. et seq.]. Wenn er hierüber nicht bis 46
zur klaren, vollkommnenErkenntnis gelangte, so geschah solches, wie wir nicht zweifeln dürfen, aus der zufälligen Ursache, weil ihm zur Zeit seiner reifem Bildung keine günstige Gelegenheit sich darbot, zahlreiche Samm= lungen echt etrurischer Arbeiten, wie z. B. gegenwärtig die florentinische Galerie eine aufweisen kann, mit gehöriger Müsse zu durchforschen.
Wahr ist es freilich, dass durch die seither angestellten genauem Be= obachtungen der alte Wahn von einstmaliger Blüte der etrurischen Kunst und ihrer weiten Ausbreitung immer mehr eingeschränkt, hingegen den Griechen ihre frühem Denkmale wieder zugeeignet worden sind. Aber man muss ebenfalls gestehen, dieser Gewinn sei bloss mit dem uns von Winckelmann nachgelassenen Kapital erworben; denn was taten seine Nachfolger anders, als in seine Fusstapfen treten und, was er begonnen, etwas vorwärtsrücken?
Die schönen in Griechenland und später zu Rom entstandenen Monu= mente betrachtete Winckelmann zuerst unter kunsthistorischen Be= Ziehungen, nach Kennzeichen des verschiedenen Geschmacks und Arbeit der verschiedenen Zeiten. Wir behaupten zwar keineswegs, dass solches jedesmal mit unverbesserlichem Erfolge geschehen; doch zeigte er, und zeigte zuerst, wie die Antiken nach offenbaren Merkmalen in einer stei= genden und sinkenden, von dem Geschmack, dem Stil und der Arbeit ge= regelten Folge zu ordnen sind, auf welchem Wege allein die in schrift= liehen Nachrichten so mangelhaft auf uns gekommene Geschichte der alten Kunst nicht nur vollständiger, sondern auch — und dieses dürfte der wesent= lichste Nutzen und Vorzug derselben sein — gleichsam lebendig in den Monumenten selbst dargestellt werden kann.
Solche unschätzbare Erweiterungen erhielt die Kunde der alten Denk= male durch unsers Winckelmanns Bemühungen. Liest man indessen seine Schriften mit prüfender Aufmerksamkeit, so mag ohne Zweifel jede der= selben, auch die letzten sogar, in manchen einzelnenPunkten zuErinnerungen Gelegenheit geben, und zwar von seiten des artistischen weder minder noch weniger gegründete, als von seiten des literarischen Teils gegen die= selben gemacht worden sind. Allein es wäre unbillige Strenge, sie auf diese Weise richten zu wollen. Ernste, aufs allgemeine gehende Betrach= tungen über Winckelmanns Hauptwerk, die Geschichte der Kunst des
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Altertums, müssenvielmehrjeden Ger echtdenkenden von der Unmöglichkeit
überzeugen, dass ein Mensch allein eine solche grosse, nicht vorbereitete Unternehmung in wenigen Jahren, für den Gelehrten sowohl als für den Kunstkenner durchaus fleckenlos sollte vollenden können. Wäre demnach jemand, der, was Winckelmann getan, nur für Anfänge halten wollte, so widersprechen wir demselben nicht geradezu; aber wir sagen, es sind grosse Grundlagen, welche unbeweglich feststehen, und behaupten über= dem laut, in den grössten wichtigsten Punkten, welche die Kunde der schönen alten Denkmale fördern können, mag man Winckelmannen keck vertrauen, denn er hat, mehr als kein anderer im Geist mit den Alten verwandt, immer das Rechte geahnet, wenn auch nicht allemal deutlich ausgesprochen, und obwohl Widersacher gegen ihn aufgetreten sind, hat man sich dennoch genötigt gesehen, seinen Lehren zu folgen.
Zum Beschluss wollen wir noch einige Blicke auf den gegenwärtigen Zustand der Altertumskunde werfen, doch nur in dem artistischen Sinne, in welchem wir bisher Winckelmanns Bemühungen und Verdienste um dieselbe betrachtet haben.
In Hinsicht auf bessere Kenntnis der alten Monumente zu nähern kunst= geschichtlichen Bestimmungen sind im allgemeinen keine bedeutenden Schritte bisher geschehen. Noch werden die Werke des ägyptischen Ge= schmacks in drei Klassen, nämlich in echt ägyptische und ferner in grie= chischeundrömischeNachahmungendes ägyptischen Geschmacks abgeteilt; die Kennzeichen aber der frühem und spätem Werke jener ersten Klasse sind noch immer nicht erforscht.
Beinahe stillschweigend bequemte man sich, die Denkmale der uralten steifen, sonst für etrurisch gehaltenen Manier als altgriechische Kunst= werke zu betrachten; allein der Ruhm dieser bessern Erkenntnis darf Winckelmanns Nachfolgern nicht sehr hoch angerechnet werden, weil, wie wir oben gezeigt, durch das Hinüberweisen der bemalten Gefässe in ge= brannter Erde zu den griechischen Monumenten ein solches Vorrücken, man möchte wohl sagen, unvermeidlich geworden war.
Bedenken wir endlich noch, was zur bessern Kunde der schönen grie= chischen und römischen Kunstdenkmale geschehen oder unternommen worden, so findet sich, dass auch hierin seit Winckelmanns Zeit überhaupt
Kardinal Dominico Passionei, geb. in Fossombrona am 2. Dez. 1682, gest. in der Nähe Roms am 5. Juli 1761.
keine beträditlidienV orschritte getan worden sind. Zwar haben die stimme= führenden gelehrten Forscher die Darstellungen einiger alten Monumente mit achtungswerten Kenntnissen ihrer Art gut und wahrscheinlicher ausgelegt; aber da, wo das Urteil aus innern Gründen hervorgehen soll, wo Kunstwert, Zeitgeschmack und Stil zu erkennen, zu würdigen waren, leisteten sie wenig Nutzbares; ja bei genauer Rechnung dürfte die Summe des Verdunkelten vielleicht nicht geringer als die des Aufgeklärten aus= fallen. Viel zu oft liess man sich von unsichern äussern Kennzeichen oder von zufällig en Ähnlichkeiten der Monumente zu Trugschlüssen und Sünden wider den Geist der Kunst verleiten, der doch vor allem andern erwogen und geehrt werden sollte. Denn wo Hesse sich mit mehrerer Sicherheit ein Massstab zu Beurteilung der Kunstwerke finden, als in der Kunst selbst? Hieraus folgt aber keineswegs, dass andere Merkzeichen als solche, die aus dem Inneren, Geistigen alter Kunstdenkmale abgeleitet werden, ohne weitere Bedingung verwerflich seien. Kein Verständiger wird Nachrichten, von welcher Art sie sein mögen, oder Bemerkungen, die dem Stoff gelten, oder andere Umstände, welche Licht und Leitung gewähren können, ver= schmähen; er wird vielmehr jeden Nebenumstand in Erwägung ziehen, prüfen und vorsichtig benutzen, aber denhöher begründeten Ansichten auch jedesmal den höhern und entscheidenden Wert zugestehen.
Der grosse Vorzug, den Winckelmann als Altertumsforscher über seine Vorgänger, Zeitgenossen und berühmtesten Nachfolger behauptet, die Ursache warum, ungeachtet einseitig er Anfechtungen, seine Schriften ernst= meinenden Freunden des Altertums immer noch vor andern nutzbar und wert geblieben sind, besteht in dem Zusammenwirken gelehrter Kennt= nisse mit lauterm Kunstsinn: Eigenschaften, die sich in solchem Masse sonst nie vereint gefunden, und zugleich Eigenschaften, die keinem Alter= tumsforscher zu erlassen sein dürften, welcher mit glüddichem Erfolg auf der von Winckelmann gebrochenen Bahn fortzuschreiten gedenkt. Ein geübter Geschmack allein wird, ohne hinlängliche Bekanntschaft mit der alten Literatur, nicht überaH ausreichen, noch weniger sind bloss gelehrte Kenntnisse zulängHch, wenn sie nicht durch richtigen Geschmack unter= stützt und von der Fähigkeit begleitet sind, den Geist der Alten, den höhern poetischen Gehalt ihrer vorzüglichsten Kunstgebilde aufzufassen. Hätte
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Mengs literarische Kenntnisse besessen und minder ängstlich die Formen verehrt, wahrscheinlich würde mehr Harmonie zwischen seinen frühem und spätem Meinungen über die berühmtesten antiken Statuen zu be= merken sein, oder deutlicher gesagt, er würde, was er unter Winckel= manns Einfluss gut und richtig begriffen zu haben schien, durch spätere Äusserungen nicht aufheben. Hätten die seit Winckelmann aufgetretenen gelehrten Forscher einer an den alten Monumenten geschärften Unter= Scheidungsgabe der Verschiedenheiten des Stils, der Arbeit und des Ge= schmacks nicht gar zu oft ermangelt, hätten sie sich vom Stoff oder vom Wort weniger bestechen lassen, so würde mancher den Gang der anti= quarischen Wissenschaften aufhaltende Irrtum entweder unterblieben sein oder doch weniger Teilnehmer und Verbreiter gefunden haben.
SCHLUSS DES ZWEITEN AUFSATZES « VERFASSER HEINRICH MEYER
ie mir von Ihnen mitgeteilten Briefe Winckelmanns er= gänzenvortrefflichdasBild, das man sich von dem grossen undliebenswürdigenMensdienaus den früher gedruckten machen konnte. Gewiss werden Ihnen für dies lange vor= enthaltene Geschenk alle Freunde der Kunst und einer künstlerisch betriebenen Gelehrsamkeit danken. Mir gaben diese Briefe nach vieler abstumpfenden Arbeit der letztem Monate einen innigenGenuss,zuwelchemichbaldundöfterzurückzukehren wünsche. Dazu wird die von Ihnen vorgehabte Nachweisung der Zeitfolge aller seiner nunmehr bekannt gemachten Briefe eine neue Einladung werden; weshalb ich Sie ang elegentlich und, ich wage zu sagen, im Namen vieler Leser ersuche, die Zugabe ja nicht ausser Acht zu lassen. Erst so wird es recht angenehm werden, den Mann von dem Austritt aus Nöthenitz an auf seiner schönen Bahn teilnehmend zu begleiten, um ihn durch alle seine gelungenen und unvollendeten Entwürfe dahin gelangen und das werden zu sehen, was ihm das Schicksal erlaubte, das über jeden Schritt seines Lebens mit sicht= barer Macht gebot.
Zu bedauern ist es indessen, dass wir nur allzuwenige Data zur Kennt= nis seiner ersten Bildung haben. Denn seitdem es den Erziehungskünstlern gelungen ist, dem Genius der Zeit gehorchend, die meisten zur Veredlung und Würde des Geistes führenden Studien zu versuchten und die besten Kräfte fast allein solchen Wissenschaften zuzuwenden, wodurch Gewerbe und Finanzen und Krieg zu Lande und zu Wasser gedeihen, seitdem bleibt für jemand, derhieund da den unverdorbenenjüngling mit fremder Stimme in ein edleres Leben rufen möchte, ausser den Alten, die man aus ihren Schulwinkeln noch nicht ganz verdrängte, nichts anderes übrig, als Ge= schichte der Erziehung und Bildung von Männern, die im Kampf mit den Hindernissen der Zeit und den innern Schwierigkeiten der Sachen durch angestrengte Kraft das Höchste in dem gewählten Kreise erstrebten. So etwas gab uns vor kurzem über sich selbst der geistvolle Historiker Schlözer, in einer Schrift, die in gewissen Sachen das Handbuch jedes künftigen Gelehrten sein sollte. Auch leben noch etliche andere Männer, von welchen sich einst etwas Ähnliches erwarten lässt, nämlich getreue Darstellung des Ganges ihrer Studien und der Bildungsmittel, wodurch sie sich den
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Bezauberungen des gewaltigen Genius entrissen und über ihr Zeitalter erhoben.
Wer, der Winckelmann und das Altertum liebt, wünschte nicht etwas der Art von dessen eigener Hand geschrieben? Seine Kindheit, das ent= scheidende Alter des Lebens, fiel in den Zeitraum, wo in Deutschland bei fest bestehenden Einrichtungen öffentlicher Schulen die mangelhaften Ein= sichten vieler Lehrer weniger schädlich wurden, wo in den Häusern des mittlern und gemeinen Standes noch alle die Tugenden in Ehren waren, woraus echte kräftige Charaktere erwachsen; wo das Geschäft, Menschen zu bilden, noch nicht mit Ansprüchen spekulativer Wissenschaft erschienen, von manchem gewöhnlichen Handwerksmanne neben der täglichen Arbeit, fast ohne die dunkelste Idee von Kunst trefflich ausgeführt wurde.
Mag jedoch die erste Bildung, die Windtelmann erhielt, mehr darauf gegangen sein, in seiner herrlichen Natur nur nichts zu verderben: es ist sehr wahrscheinlich bei den leichten Anstalten, die damals die Erziehung machte: und vielleicht nur desto glücklicher für ihn. Denn Seelen, die eine höhere Weihe mit ins Leben bringen, bedürfen, wie Platon sagt, gleich dem Golde der Athenischen Burg bloss sorgsame Aufbewahrung, welche demErziehungskünstler,derselbst dem Göttlichsten seinen gemeinnützigen Stempel aufzwingt, nicht ohne Gefahr anvertraut wird. An Winckelmanns gelehrten Kenntnissen aber scheint fremde Pflege den geringsten Anteil gehabt zu haben. Der blind gewordene Rektor, dessen Führer er wurde, liess ihn für diesen Dienst in seiner kleinen Bibliothek schalten, woraus er nach dem Antriebe seiner gutartigen Laune las, am meisten alte Sprachen. Er vernachlässigte darüber, wie man uns berichtet, fast alle Übungen in der Muttersprache, d. i. in dem modischen Deutsch oder Undeutsch vor A. 1740. So weit war damals noch die Pädagogik zurück, dergleichen Un= heil geschehen zu lassen; obwohl schon einige zu Stendal, vermutlich die Gelehrten des Orts, die Abneigung des jungen Menschen strafbar fanden. Bei ihm selbst lesen wir hier die Äusserung, dass er beinahe in allem sein eigener Lehrer gewesen. Die allgemeinem Vorkenntnisse in Geschichte und alten Sprachen mag er bald durch Unterweisung jüngerer Schüler erweitert und lebendiger gemacht haben; zu welchem vorzüglichen Hülfsmittel der Selbstbildung ihn glücklicherweise seine Umstände nötigten. Eine kurze 54
Benedikt XIV., Prosper Lambertini, geb. in Bologna am 31. März 1675, gest. in Rom am 3. Mai 1758, Papst seit dem 17. August 1740.
Zeit vor den akademischen Jahren ging er noch, wie gleichfalls erzählt wird, auf eines der Berlinischen Gymnasien und setzte dabei jenen Unter= rieht fort; doch erwähnt niemand, ob er zu Berlin Lehrer gefunden, die ihn mit den klassischen Sprachen und mit alter Literatur vertrauter ge= macht, etwa solche, wie die ßeissigen Verfasser der Märkischen Sprach= lehren waren. Wie es scheint, war es nicht der Fall, indem bereits damals solche Schulmänner an den meisten Orten seltner wurden.
Ebenso unbedeutend und von schwachem Einfluss aufseine Entwicklung muss sein Höllisches Leben gewesen sein, besonders in Ansehung der Kenntnisse, auf denen die Unsterblichkeit seines Namens beruht. Es muss ein seltsam planloses und zerstücktes Studieren gewesen sein, das er hier ins dritte Jahr fortsetzte. In Fridericiana, schreibt er dem Grafen Bünau, parum suppetiarum fuit ad manum, Graeca auro cariora. Eigentlich be= kannte er sich nach dem Wunsche seiner Angehörigen zum Theologen; allein so wenig er sich den der Armut behülflichen Anstalten des Waisen= hauses näherte, ebenso selten scheint er die theologischen Hörsäle besucht zu haben. Nur einen einzigen Gelehrten erwähnt er, wenn ich mich recht erinnere, unter den damaligen hiesigen Lehrern als den seinigen. Dies ist ein gewisser Gottfr. Sellius, ein schon längst in Deutschland verschollener Mann von mannigfacher und achtungswerter Gelehrsamkeit, der in der Welt, wie in den Wissenschaften, etwas wild umherschwärmte und durch mancherlei böse Gerüchte ging, wozu auch jenes bei Winckelmann gehört; endlich beschloss er seine Laufbahn nach der Mitte des Jahrhunderts zu Paris als französischer Schriftsteller und Lohnübersetzer. Es hat viele Wahrscheinlichkeit, dass er derselbe sei, den Winckelmann in einem Briefe an Walther an einen ihm ganz unbekannten Namen behandelt. Zu Halle, wohin Winckelmann im Jahr 1738 kam, stand dieser Sellius auf ein paar Jahre als Professor der juristischen und philosophischen Fakultät; vorher hatte er sich in Holland aufgehalten, wo er 1733 die gerühmte Schrift Historia naturalis teredinis schrieb, worauf er teils weniges Juristisches, teils 1738 eine Experimentalphysik herausgab. Ob er vielleicht in dieser Wissenschaft, oder in welcher sonst er unsern Winckelmann zum Zuhörer hatte, ist unbekannt; aber es hat das Ansehen, als ob der Jüngling nur solche Vorlesungen gehört habe, wo ihn entweder Gelehrsamkeit oder
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Geist der Untersuchung anzog, gleichviel auf was für Gegenstände sie gingen. So versichert er von seinem folgenden Aufenthalt zu Jena, dass er sich dort den mathematischen und medizinischen Studien ergeben (zu den letztem hatte er gleich anfangs die meiste Neigung) und demjenaischen Hornberger, der als Professor der Physik und Medizin eben in seiner Blüte stand, vieles verdanke. Noch verdient vonHalle nicht vergessen zu werden, dass hier die Ludwigsche Bibliothek, die mehrmals, wie es bei fleissigen Gelehrten geht, in Unordnung geriet, Winckelmann ein ganzes halbesjahr hindurch die erste Gelegenheit gab, sich im Ordnen von Büchern zu üben, wo= bei er dasVergnügen hatte, aus demMunde des berühmtenBesitzers einige Brocken (principia) von Feudal= und deutschem Staatsrecht zu empfangen.
Kaum sollte man meinen, es könnte jemand nach solchen Studien ein ehrsames Zeugnis von der Universität mitnehmen, sofern dergleichen Papiere auf den Besuch von Vorlesungen gehen, um womöglich ein hand= werksmässiges Studieren unter öffentlichem Ansehen zu begründen. Reif war Winckelmann vollends wohl zu keinem landüblichen Berufe, am wenigsten zu dem seinigen, der ihm selbst noch verborgen war. Wahr= scheinlich aber würde er auf keiner andern hohen Schule von Deutschland für die Elemente seiner nachmaligen Lieblingskenntnisse viel mehr ge= Wonnen haben, ausser etwa zu Leipzig, wo Gelehrsamkeit und Gründ= lichkeit im Studieren Ton war, und wo damals, neben andern Lehrern der klassischen Literatur, Christ eine kleine Anzahl von Zuhörern auch mit den Überbleibseln alter Kunst bekannt machte und durch Vortrag besser als durch seine heildunkeln Schriften wirkte. Vielleicht machte indess Winckelmann, als er beim Grafen Bünau war, oder zunächst während des Aufenthalts zu Dresden, Gebrauch von den handschriftlich herumgehen= den Heften des Christschen sogenannten Collegium litterarium, woraus er manche nutzbare Notiz, selbst über das Technische der Kunstwerke, aber freilich keinen allgemeinen Geist des Altertums ziehen konnte. Gegen die später auftretenden Kunstschwätzer stand aber jener Mann wirklich sehr hoch; auch bezeigt ihm hie und da Winckelmann seine Hochachtung, wie ihm von den Schülern des engern Kreises, z. B. einem Reiz, der mich oft von ihm unterhielt, warme Liebe und Achtung nach dem Tode (1756) zuteil wurde.
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Wer lange auf einer Universität lebte und das Getreibe der Wissen= schäften mit ansah, oder auch selbst nähern Teil daran nahm, muss auf unangenehme Betrachtungen geraten, wenn er bemerkt, wie selten die vor= züglichsten Köpfe dadurch in die rechten Wege gewiesen wurden. Winckel= mann scheint seiner eigentlichen Bestimmung erst in den acht Jahren, die er teils als Hofmeister, teils als Konrektor der Schule zu Seehausen ver= lebte, um etwas näher getreten zu sein. In der letztem Stelle fing er zu= erst ein eifrigeres Studium der Griechen an; so dass er dem Grafen Bünau rühmen konnte, er lege den Sophokles nicht aus der Hand und habe sein Exemplar mit vielen Vorschlägen und Bemerkungen zur Ver= besserung des Textes beschrieben. Hierbei mussten gleichwohl der Lern= begier des gedrückten Schulmanns alle jene Hülfsmittel abgehen, die damals von den Gelehrten in England und Holland für griechische Literatur er= schienen, und er sah sich ohne Zweifel auf die Heroen dieser Wissen^ Schaft aus dem 17. Jahrhundert eingeschränkt. Denn in Deutschland gab es eigentlich kein Studium des Altertums anders als in dem gemeinen Dienste von broterwerbenden Disziplinen. Glaubte man doch noch viel später nicht, dass solche Kenntnisse als unabhängig und für sich bestehend auftreten könnten; einer der lautesten Stimmführer meinte ganz neuerlich, es würde völlig um sie geschehen sein, wenn sich endlich die moderne Kultur andere Kanäle als durch Bibel und Corpus Juris eröffnete. So las und erklärte man denn damals die Alten, um sich besser zur Auslegung des göttlichen und des Justinianischen Wortes vorzubereiten, wiewohl einige hervorstechende Männer die Sache wenigstens gründlicher trieben und selbst im Latein korrekter schrieben, als in der letzten Hälfte des Jahrhunderts, seit demAufkommen der deutschen Geschmackslehre(Ästhe= tik von ai'a&co, ich schmecke, wie Meier ableitete) von den meisten Philo= logen geschah.
Winckelmann erlebte dieFrankfurter Ästhetik noch inDeutschland (1750), welcher zweijahre später die ersteBasedowischeAnkündigung derlnusitata et optima methodus erudiendae juventutis honestioris nachfolgte. Beide, den Alten unbekannte und noch jetzt nicht weit über unsere Grenzen ge= kommene Wissenschaften haben seitdem in Deutschland soviel Papier gefüllt und so viele Köpfe leer gemacht, dass die Anfänge derselben
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wohl ein beiläufiges Andenken verdienen, wenn gleich Winckelmann an keiner von beiden Anteil nahm. Ihm wäre eher zu wünschen gewesen, dass er den Mut gehabt hätte, wie zwei andere Deutsche um jene Zeit taten, auf einige Zeit nach Leiden zu wandern, um nach älterer guter Methode die Schönheiten der alten Sprachen kennen zu lernen, die er der Seehäuser Jugend mit gar nicht allgemeinem Beifall lehrte. Allein das Schicksal zeigte Winckelmann einen andern Weg, auf dem er, unter Gefahr weniger gelehrt zu werden, bald eine Gattung von Studien neu beleben oder vielmehr schaffen sollte, die von den Besten vorhin einseitig, von wenigen stillen Kennern mit Geschmack, von niemand mit dem In= begriff der dazu notwendigen Fähigkeiten und Vorkenntnisse mit Einsicht in die Kunst und mit einem dem Altertum gleichgestimmten Gefühl ge= trieben wurden.
Die Jahre, welche er seit seinem dreissigsten in der Nöthenitzer Biblio= thek des Grafen Bünau hinbrachte, waren für ihn die einzige Zeit ge= lehrter Müsse. Hier erst lernte er ohne Zweifel die besseren Subsidien in Ausgaben und Kommentaren kennen, und legte den Grund zu den weit= läuftigen Kenntnissen der Literatur, die man überall bei ihm antrifft. Was ihn aber als Bibliothekar am meisten auszeichnet, ist die nüchterne Selbständigkeit, womit er sich den Verführungen entzog, denen der Über= fluss gelehrter Hülfsmittel den gewöhnlichen Kopf aussetzt. Er wurde hier weder ein Literator, der, ohne sich um den Gehalt von Büchern zu bekümmern, Titel, Format, Insignien der Buchdrucker und andere typo= graphische Merkwürdigkeiten dem Gedächtnis aufladet und darüber die Denkwürdigkeiten der Literatur versäumt, kurz ein lebendiger Bücher= katalog, noch ein aufgedunsener Kompilator, der höchstens in der Alter= tumskunde sich dem kleinen Dienste widmet, um hie und da ein historisches Datum ins Klare zu bringen oder ein Häufchen Materialien für einen das Ganze umfassenden Schriftsteller zu bereiten. Winckelmann scheint seinen subalternen Bibliothekdienst, ausserdem dass er ihm das Fortkommen in der Welt erleichterte, zur Einsammlung weniger und g edieg ener, übrig ens gar nicht pedantisch einseitiger Kenntnisse genutzt zu haben! Pflichtliebe und Dankbarkeit gegen den Mann, der ihn aus dem Schulstaube gezogen, machte ihm dabei solche Arbeiten erträglich, wie Excerpten für dessen 60
Clemens XIII., Carlo Rezzonico, geb. am 17. März 1693 in Venedig, gest. am 3. Februar 1769 in Rom, Papst seit 1758.
Reichsgeschichte, für deutsches Staatsrecht usw. aus Büchern, deren Titel ihm kaum des Behaltens wert sein konnten. Aber in den Stunden, die ihm die Berufsarbeiten übrig Hessen, muss er sich nicht bloss vielerlei Auszüge zu eigenem künftigen Gebrauch gemacht, sondern auch einige der grossen Schriftsteller Griechenlands im Zusammenhänge gelesen haben. Zu dem erstem Zweck mussten ihm vornehmlich die Schriften der Akademie der Inschriften nützlich sein, in deren Mitte auch Caylus seine antiquarische Laufbahn begann. Überall darf das Verdienst dieser gelehrten Gesellschaft um die fruchtbare und den Bedürfnissen neuerer Zeit gemässe Behand= lungsart des Altertums nicht verkannt werden, um so weniger, da deutsche Philologen der letzten Dezennien, die den Strom solcher Kenntnisse auch zu den Weltleuten leiteten und weniger tief machten, das Muster der Fran= zosen mehr als irgend eines andern Volks befolgten. Winckelmanns wohl= geordnete Lektüre zeigte sich demnach gleich in den ersten Schriften, mit welchen er auftrat; bald nachher aber, als er zum Schauen alles dessen gelangte, worüber er bisher nur Bücher befragen konnte, mit welcher Hte= rarischen Kunde aller Zeitalter sieht man ihn hervortreten und sich bei den gelehrten Antiquaren Italiens Achtung oder Neid verdienen! Wenn die meisten derselben, wie auch der Graf Caylus, mühsam zusammen= trugen, was zur Erläuterung eines Gegenstandes diente, fliesst Winckel= mann aus den öfter besuchten Quellen aUes zu, was zur Sache gehört; selten entgeht ihm auf lange Zeit etwas des wirldich Brauchbaren: das Überflüssige hingegen verschmäht er und allen Zitatenprunk, den der Unbelesene so leicht aus den rückwärts durchmusterten Büchern (wie Cacus die gestohlenen Rinder in seine Höhle schleppte) zur Blendung blöder Augen zusammenführt. Seine Maxime, nicht zwei Worte zu gebrauchen, wo sich mit einem ausreichen Hesse, diente ihm auch in dieser Hinsicht zur Richtschnur und gibt aUen seinen Schriften ein schönes Mass und eine würdige Einfalt, die wenige Arbeiten der Neuern haben.
Bedenke man zunächst, dass seine mehrestenW erke ihm nicht lange unter Händen waren, wie schon die Menge verrät, die er in 13Jahren herausgab, und dass er oft im Jahre der Wegsendung einer Handschrift weit gelehrter war als sein Buch, manchmal gar vor dem Abdrucke, der sich meistens unangenehm verzögerte, ohne ihm doch Zusätze und Verbesserungen zu
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gestatten. Nicht jeder möchte unter diesen Umständen gern geschrieben haben. Was würde er, der besonders zur Aufklärung der Zeitgenossen jenseits der Alpen arbeitete, in spätem Jahren getan haben, wenn eine auf die Nachwelt ganz gerichtete, sorgsam glättende Kritik dem Auf= Schwünge der Begeisterung nicht mehr Eintrag tun konnte, zumal wenn er dieHülfe einer mit allen neu erschienenenForschungen über das litera= rische Altertum versehenen Bibliothek gehabt hätte. Denn gerade diese günstigere Lage war es ja, was manchem Gegner Winckelmanns dieFeder in die Hand gab. Die besten unter ihnen hätte sich Winckelmann zur Herbeischaffung tüchtigen Stoffes für die Geschichte der Kunst wünschen mögen; so aber bearbeitete er darin einen Boden, worauf er so wenige Vorgänger hatte, dass eine kältere Überlegung vor einer solchen Arbeit erschrocken wäre. Denn welche Masse einzelner kleiner Data müssen wohl durchforscht beisammen sein, um in diesem Teile von Geschichte etwas vollendetes hervorzubringen! Allein schwerlich gedachte er selbst ein Werk zu verfassen, dessen Wert in durchgängiger Fehlerlosigkeit aller historischen Angaben bestände, wenn er auch manchmal den Mund etwas voll nimmt: es gibt eine Menge fleckenloser Bücher, in denen just so viel gutes ist, als ein Kompilator wieder ausziehen mag; und treffend ist auch bei jener Art von Werken, was Longin von den poetischen sagt, dass ein hoher Geist, der mitunter nicht geringe Fehler begeht, den Vor= zug vor dem geistlosen Fleiss verdiene, der jeden Irrtum verhütet.
Allerdings fordern die Gesetze geschichtlicher Untersuchungen, sowie die philologische Kritik, die Basis derselben, eine seltene Mischung von Geisteskälte und kleinlicher unruhiger Sorge um hundert an sich gering= fügige Dinge mit einem alles beseelenden, das Einzelne verschlingenden Feuer und einer Gabe der Divination, die dem Ungeweihten ein Ärger= nisist. Unserm Winckelmann, manmuss es gestehen, fehlte jenes gemeinere Talent, oder es kam vielmehr bei dem Mangel vollständiger Vorbereitung zu seiner Kunstgeschichte nicht recht zur Tätigkeit, indem er bald nach seinem Eintritt in Italien sich in dem Meere von Schönheit verlor, das
den verwandten Sinn, ohne irgendeinenBlickaufdieGeschichte, ganz hinzu= nehmen vermag. Jetzt fing er an, den Gelehrten, dessen Kenntnisse blosse
Notizen sind, als Schriftgelehrten zu verachten, und sich nicht einmal um 64
die historisdien Hülfsmittel zu bekümmern, die das Ausland darbot. Man hat hierin einen undeutschen Stolz erkannt, und ich werde ihn deshalb nicht eben loben. Aber sehrverzeihlich dünkt midi dieseDenkart bei einem Manne, der viele mit Hülfsmitteln besser ausgerüstete Archäologen teils unter Kleinigkeiten und Schutt, in Diptychen und Sandsteinen wühlen sah, teils solche, die sich gern zu Forschungen über die edlern Denkmäler er= hoben hätten, von dem Anschauen derselben ausgeschlossen, ihres Zwecks verfehlen und sich in das Philosophieren über Gegenstände, die man nicht genug kannte, zurückziehen. Denn so halfen sich damals einige bessere Köpfe ausser Italien, während andre bloss Nachrichten von Kunstwerken sammelten, wie jemand deren über Geschichte der Poesie und Beredsam= keit sammeln kann, der niemals einen der grossen Schriftsteller aus langer kunstgerediterBetraditung, sondern aus fremdenErzählungen, höchstens aus untreuen Übersetzungen kennen lernte, oder wie man über den Stil eines Cicero, Livius, Tacitus ein Breites reden kann, ohne ein Bild davon in sich selbst oder den vollen Geist in sein eigenes Wesen aufgenommen zu haben.
Indem Winckelmann dieses tat, war es ihm möglich, sich zu dem zu erheben, was die Blume aller geschichtlichen Forschung ist, zu den grossen und allgemeinen Ansichten des Ganzen und zu der tiefsinnig aufgefassten Unterscheidung der Fortgänge in der Kunst und der verschiedenen Stile, worüber ihm nur dürftige Wahrnehmungen anderer Beobachter vorge= gangen waren. Doch über dieses Hauptverdienst Winckelmanns masse ich mir keine entscheidende Stimme an, da mir meine bisherige Lage den Weg zu dem Innern dieses Studiums nach meiner Art zu arbeiten ver= schloss. Nur von Winckelmann als Gelehrten wollte ich einiges sagen, worauf mich die Lesung dieser Briefe führte. Mehr jedoch hierüber in das Einzelne zu gehen, ist meine Absicht nicht; sonst würde ich, neben einigen wenigen misslungenen Konjekturen und Auslegungen der Alten, eine weit grössere Anzahl glücklicher, aus trefflicher Sprach= und Sachkenntnis ge= schöpfter Erklärungen und Kritiken als Muster aufstellen. Auch ist es der Erwähnung wert, dass er niemals den auf alte Sprachen verwandten Fleiss selbst aufgab, während er fremde Beiträge gleichgültig entbehrte; dass er noch in Rom, wo kaum der Ort dazu war, vollständige Wortregister
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über die griechischen Tragiker anlegte; dass er ausdrücklich einer Samm= lung Conjectanea in Graecorum auett. et monumenta, als von ihm ange= fangen, gedenkt. Allein dann misskannte er offenbar seinen Beruf, wenn er von Zeit zu Zeit den Vorsatz fasste, an die philologisch=kritische Be= arbeitung eines Griechen zu gehen. Einmal hatte er dazu den Platon im Sinn. Gewiss mochte er den Weltweisen, der ihn früher zu dem Idealischen in allen seinen Studien begeistert hatte, anders lesen als Nachbar Fischer mit seinem Möris, Thomas Magister und allen übrigen Magistern, die das Attische und gemeine Griechisch bei ihm unterschieden. Gleichwohl scheint es nicht, als ob ein Kommentar von Winckelmann über Platon in philo= logischer Hinsicht beider Namen würdig genug hätte ausfallen können. Doch die ganze Idee mochte ihm in Rom von leichterer Ausführung dünken, gegenüber einem Giacomelli, den Stadt und Land den gelehrtesten Kenner des Griechischen nannte. Der Mann hatte wirklich eine ziemliche Kenntnis der Sprache und gesundeBeurteilung; aber gegen einen Markland oder gar Valckenaer, die um dieselbe Zeit, wo jener ein paar Stücke des Aeschylus und Sophokles herausgab, über den Euripides arbeiteten, ist er eigentlich nur ein lobenswerter Anfänger. Kaum konnte er von solchen Schätzen altertümlicher Gelehrsamkeit einen hellen Begriff haben, dergleichen dort ausgebreitet wurden.
Winckelmann hatte einmal, seitdem er die Alten genauer zu studieren begann, sein ganzes Augenmerk auf dasjenige gerichtet, was auf Kunst und Künstler mehr oder weniger bezüglich ist; er hatte selbst hierin lange nicht alles erschöpft, wozu ein weit gemächlicheres Sammeln und Prüfen nötig war; aber er hatte etwas aus den Alten gewonnen, was die Philo= logen von der Gilde gewöhnlich zuletzt oder gar nicht lernen, weil es sich nicht aus, sondern an ihnen lernen lässt — ihren Geist. Mit diesem Geist schrieb er alles, vornehmlich die Geschichte der Kunst; dieser zeigte sich auch in den Unvollkommenheiten des Werks; die meisten Fehler sind, möchte man sagen, von der Art, wie sie gerade ein Grieche von der Alexan= drinischen Periode, d. i. vor der Ausartung des griechischen Genius hätte begehenkönnen, und an deren V erbesserung sich die nachherigen Gramma= tikermdenMuseenmüssigübenmochten.Indessenwersolltenichtwünschen, dass den Winckelmannischen Schriften ein gleiches von Sprachgelehrten 66
Friedrich August II., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, geh. am 17. Okt. 1696 in Dresden, gest. daselbst am 5. Okt. 1763, regierte seit dem 1. Febr. 1733.
und Gesdiiditforsdiern widerführe, dass sich sogar mehrere verbänden, jede Abweichung von der strengsten Wahrheit ohne Leidenschaft anzu= zeigen, wenn Winckelmann bald etwas anderes aus Stellen der Alten ent= wickelt, als sie enthalten, bald sonst den Sachen etwas zu viel oder zu wenig zu tun scheint. Auch verdiente beigetragen zu werden, was sich aus der Münzkunde, der er den wenigsten Fleiss widmete, zuweilen zur Wider= legung, öfter vielleicht zur Bestätigung seiner Ideen ergibt. Es sollte überall geschehen, was Winckelmann selbst, in Verbindung mit Lessing, in den Jahren des ruhigen Überblicks seiner Laufbahn hätte tun können, um seine Grundsätze zu grösserer Klarheit zu bringen, alle Bedingungen derselben genauer abzuwägen und da, wo er wie ein Seher so viele grössere und kleinereErscheinungenineinenBlick aufnimmt, als Deuter und Dolmetscher ihm nachzugehen.
Oft habe ich midi mit einem Gedanken getragen, den ich beifügen will. Sollte nicht endlich der Wunsch einer vollständigen Sammlung der Schriften Winckelmanns unter dem Volke rege werden, das ihm so vielen National rühm bei den Ausländern verdankt? Und wäre es dann nicht ratsam und der Wissenschaft förderlich, sowohl das, was andere bereits gegen seine Behauptungen mit Grund erinnert haben, als was eine tiefer eingehende Prüfung jeder Schrift an die Hand gäbe, in Supplementen hinzuzutun? Geschähe dies inVerbindung mit echten Freunden und Kennern der Kunst, so wäre jede Forderung begnügt, und es würde dann deutlich werden, wie sich das durch ihn Gewonnene gegen das, was etwa abzuziehen oder umzuprägen wäre, verhielte.
Möge das in diesem Bande dem Publikum Vorgelegte hierzu Veran= lassung, Lust und Mut geben.
SCHLUSS DES DRITTEN AUFSATZES = VERFASSER FRIEDR. ÄUG. WOLF
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GOETHES WINCKELMÄNN
erscheint hier in dem Umfang, den ihm des Verfassers literarisches Testament, die Ausgabe letzter Hand, verliehen hat. Wie dort stehen hinter dem Monu= mentalbild, das der Dichter dem lebenslang verehrten Forscher errichtet hat, die bescheideneren Hermen Heinrich Meyers und Friedrich August Wolfs.
Im Wortlaut sind geringfügige Versehen stillschwei= gend gebessert worden. Die Schreibung und Zeichen= Setzung wurden dem jetzt geltenden Gebrauch an= geschmiegt. Die gesamte Herstellung der Publikation erfolgte in der Kgl. Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe zu Leipzig vom November 1908 bis zum Juli 1909 unter Mitwirkung von Lehrern und Lehrbeiständen.
L eiter des Unternehmens: Hug o Steiner=Pr ag . Ärbeits= ausschuss : Georg Belwe, Hermann Delitsch, Dr. Ema= nuel Goldberg, Prof. Walter Tiemann. Die Verant= wortung für die Textgestaltung übernahm Dr. Georg Witkowski, Professor an der Universität Leipzig.
Es wurden 200 Exemplare gedruckt.
Davon trägt dieses die Nummer:
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KÖNIGLICHE AKADEMIE FÜR GRAPHISCHE KÜNSTE UND BUCHGEWERBE ZU LEIPZIG Prof. Max Seliger Direktor.
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MITARBEITER.
GEORG BELWE: Satzanordnung, Schmuckstücke und Initialen. PROF. RICHARD BERTHOLD: Leitung des Druckes, Porträt Winckelmanns in Originalholzschnitt. 0. R. BOSSERT: Porträt Goethes in Originalholzschnitt. HANS DANNHORN: Herstellung des Einbandes für das Widmungsexemplar. HERMANN DELITSCH: Widmung, Umrahmung des Porträts der Herzogin Anna Amalia und Unterschriften der Porträts. PROF. FRANZ HEIN: Porträt desKardinals Passionei. PAULHORST=SCHULZE : Porträt der HerzoginAnna Amalia, AdamFriedridi ösers, Benedikt XIV., Clemens XIII. und des Kardinals Albani. PROF.MAX HONEGGER: Porträt des Grafen vonBünau. GEORG SCHILLER: Entwurf der von der Schriftgiesserei C. F. Rühl ausgeführten Druckschrift. DIREKTOR PROF. MAX SELIGER: Porträt Friedrich August II. HUGO STEINER=PRAG: Porträt Anton Raphael Mengs und Umrahmung der Porträts. PROF. WALTER TIEMANN : Entwurf des Einbandes für das der Universität Leipzig zu überreichende Exemplar und für denEinband der Auflage. DieKlischeeswurdenhergestelltinderphotomechanischen Abteilung derKgl.Akademie unterLeitung desVorstandes DR. EMANUEL GOLDBERG. Zur Mitarbeit wurden heran= gezogen dieLehrbeiständeHamann,Neubert,Karstedt und Assistent Marchl. Die königlichen Kupferstichkabinette zu Dresden und Berlin unterstützten das Unternehmen durch Darleihung seltener Porträtstiche. Das Papier wurde in der Hahnemühle bei Dassel angefertigt.
Der Einband wurde hergestellt von H. Sperling in Leipzig.
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