This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project to make the world’s books discoverable online.
It has survived long enough for the copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject to copyright or whose legal copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that’s often difficult to discover.
Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book’s long journey from the publisher to a library and finally to you.
Usage guidelines Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying.
We also ask that you:
+ Make non-commercial use of the files We designed Google Book Search for use by individual personal, non-commercial purposes.
and we request that you use these files for
+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google’s system: If you are conducting research on machine translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of public domain materials for these purposes and may be able to help.
+ Maintain attribution The Google “watermark” you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.
+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other countries. Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we can’t offer guidance on whether any specific use of any specific book is allowed. Please do not assume that a book’s appearance in Google Book Search means it can be used in any manner anywhere in the world. Copyright infringement liability can be quite severe.
About Google Book Search
Google’s mission is to organize the world’s information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers discover the world’s books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the full text of this book on the web ai[http: //books . google. com/|
—L
600017339T
DON
BD: Heinrid Areifle von Hellborn.
Lien. Druk und Verlag von Carl Gerold’s Zohn. 1860.
Porwort.
NKahezu ſechs und dreißig Sabre — ein Menſchen⸗ alter — find vorübergezogen, ſeit fran; Schubert nad) kurzem Erdenwallen aus dieſer Welt geſchieden iff. Während des Ver- laufes diefer drei Decennien und daruber, nad) feinem Cod, gan hauptſächlich aber in neuefter Beit, war man rũhmlichſt darauf bedacht, den reiden Schatz feines inneren Lebens, infoweit diefer in der mufikalifden Aunt sur Erfdeinung gelangte, allgemad) aufzudecken und die volle Wirdigung feiner er- ſtaunlichen in ihrer Bielfeitigheit nod) su wenig erfafters kunftlerifdyen Thatigheit zu ermöglichen.
Die Schilderung feiner ftillen anfprudslofen äußeren Eriſtenz dagegen beſchränkte fid) bis zur Stunde auf ein Paar durftige Cebensumriffe, die bald nad) des Tondidters Ableben in Offentliden Olattern dem Publikum geboten wurden, und auf die von dem Verfaffer diefes Sudes vor drei Sahren herausgegebene „Siographiſche Skizze, welder von wohl- wollenden, den Schwierigkeiten cines erften derartigen Ver- ſuches Rednung tragenden Perfonen, das Verdienft sugeftanden wurde, cingehender, als es bis dahin der Lall war, auf die Cebensverhaltniffe und die muſikaliſche Produktivitat Sdubert’s hingewiefen ju haben.
Sene Skizze aber, fo befceiden aunsgeftattet fie war, barg dod) den frucdtbringenden Keim neuen Aebens in fid;
iv
ex ee os fee Cites sfortes fh 3a und dort we ec siefente. cher deresh boc wilkemmenc @eties EAN ar ateetder ger nidt bekennt war, aiex be am Tic sectest griwites bette. Se feb ich mich denn Ais Se-ethpungs Shcifeddiaterr Serthemerr eathiclien , ſo- we bch spe Semen clmslig ta dem Geib cines werd zc Sa réig mubbeltters MEsteriales, weides zu beuziex ash anfs mcer co prrerbriten ich mich durch mebr- febe Geimbe belies G6. And kounte ih mir nicht ver- Rehtes, Dok eerc meeageres Vertrentwcrden mit dec Sduberi- Chee Sle we de mix aber ferme Gekeren Verhältniſſe wiife-weie gewecdrare Asfkidrumern anf fe mance tm der ke onseefguedbrar Anhdt medificirend cingewirht batten. Wee Shuterachrites. wt weiden ciar Barficlung ven Schubert's Geben ca hapGrn bot. Sed frrilich mm Welendeit diefelben qebtichen. Ser gipietn in dex Unmiglidkcit, cin eben, ,,in weibrm cs wat Gerg nicht Theil, fondera aur gebahnte Hiade qed, anf der ſich anler Tondichter in gleidmafigem Rhothues ſertbewegte. — als inicreflant und bedentend hin- yaliclicn, ohat dem (efer an Sticke der Wahrheit Phantafie- Ricke ra dieten. dic wobl fur den Augenblick Anregung und Exhciterang qevdbrea mbagen, der Sache ſelbſt aber in keiner Weile ferdertich ſinde). Chen aus dieſer Urfache haben aud) Perſenen. iu deren Macht cs geſtanden, ũber Bdubert’s
*) Oertei pertif und gemathlid gefirdte , Phantafien’ über Faubert find aud im Orack erfticacn. Fhe Fubalt gehört yum bei weiter größten Theil in das Reid der Fadel, und if aur geeignet, den Zondidter in cinem gan} anderen Cidt erſcheinen zu laffen, als dich in Wirklidkeit Jer fall war.
— — — — —
ſeben viele und zuverläſſige Auſſchlũſſe zu geben, nad wieder- holten Anliufen zu größeren Arbeiten in dieſer Richtung, fich ſchließlich auf die Erklarung zurũckgezogen, daß eine Siografie Schubert's cin geradem unausfihrbares Unternehmen fei, weil fid) diefer Tondidter, deffen äußere Exiſtenz fo gan; von alle dem losgelost war, was geiftig in ihm lebte und webte, nur aus feinen mufikalifden 3nfpirationen darfiellen und begreifen laffe*). Es liegt in der That cin Körnchen Wahrheit in diefer Sehauptung; — jede Siografie Schubert's witd megen des Mlangels an innigen Wedfelbesiehungen zwiſchen innerem und auferem Leben mehr oder weniger das Geprage des Shissenhaften an fid) tragen, und die Anf- wahlung und Wirdigung feiner kinfilerifden Leiftungen immerdar einen unverhältnißmäßig grofen Raum in Anfprud nehmen. Bennod) konnte mid) diefe Anfidt, da fie eben zu vicl behauptet, in keiner Weife abhalten, den verponten Ver- fud) abermals mit verftarkter Kraft zu wagen und die LCöſung der mir geftellten Aufgabe nad) Thunlichkeit anjuftreben. Es ift meine auf Erfahrung geftubte Ueberzeugung, daß in nidt ferner Beit bet dem allmaligen Heimgange der nod) lebenden Beugen von Sdyubert’s äußerer Eriftens cine Siografie diefes
*) Shon im Sabre 1842 begann Here Philipp Neumann in Wien Materialien yu einer Siografie Bdubert’s zu fammeln; Anfelm Hättenbrenner tbermittelte, wie mir fein Gruder Zofef mittheilte, dem Dr. Franz Lift Aufjseidnungen aber Schubert; die Herren Sranz Flag und Ferdinand Luib in Wien waren lingere Sct hindurd mit biografifhen Studien nad diefer Seite hin beſchäftigt. Die beiden freunde Schubert's: Bauernfeld und v. Schober er- klarten fid) gegen jeden Verſuch, eine Biografie diefes Tondidters zu verſaſſen.
VI
Tondidters fdlechterdings ju den Unméglidkeiten gehoren wird, und daf firder, ungeadtet fo mander unvermeidlider ficken, im Wefentliden kaum ein Mehreres geboten werden Dditrfte, als in defer Darflellung enthalten iff, es müßte denn Semand, auf rein mufikalifden Soden fid) fiellend, Luft und Mufe finden, die an die Bahl von Eintaufend hinanreidenden Compofitionen Schubert's kritifd) yu sergliedern.
Sir diefes Mal erkannte id) es als cine dringende Aufgabe, von dem allerorts serftreuten trummerhaften Mla- teriale, das mir von viclen, tn dicfer Darftellung nambaft gemadten, Perfonen mit dankenswerther Sereitwilligheit sur Verfugung geftellt wurde, 3u retten, was zu retten war, und das Gefammelte, in dronologifder Rethenfolge geordnet, wad Möglichkeit ju einem Ganzen jufammenjufaffen.
Sndem id) das Ergebnif meiner Forſchungen der Aeffent- lichkeit itbergebe, darf id) wohl dem Wunſche Ausdruck ver- leihen, daß es mir gelungen fein möge, zu der Wiederdelebung von Sdubert's Andenken, welde man gerade jebt theils durd) liebevolles Eingehen in feine künſtleriſche Gefammt: wirkfamkeit, theils auf monumentalem Wege zu erzielen be- ftcebt iff, nad) meiner Weife erfolgreid) mitgewirkt zu haben.
Wien, am Engelbertstag 1864.
Heinrich v. Kreißle.
Inhalt.
I. (1797 — 1818.)
Die Familie Schubert. — Franz Peter Schubert. — Franz Schu⸗ bert's Kinderzeit. — Erſter muſikaliſcher Unterricht. — Sein Eintritt in das Convict. — Seine erſten Compoſitionen. — Con⸗ victsgenoſſen und Treiben im Convict. — Cin Brief Franzens an feinen Gruber. — Theaterdefudh. — Antonio Salieri. — Schubert's D-Dur-Ginfonie, die Cantate: „Zur Namensfeier”, Lieder. — Franzen's Lernjabre. 1—32
II, (1814.)
Shubert verlagt bas Convict. — Sein Aufenthalt im vaterliden Haufe. — Franz wird Sdhulgebiilfe. — Die Meffe in F. — Zherefe Grob. — Inſtrumental⸗ und Gefangscompofitionen. —
Die Oper: ,, Des Teufels Luſtſchloß“. — Johann Mayrhoſer. 383—55
II. (1815.)
Die Balladen: „Minona“, , Emma und Abelwold”, „Die Nonne”, „Erlkönig“. — Mebrftimmige Gefange. — Die Meffe in G. — Sonaten. — Die Sinfonien in B und D. — Die Opern: „Der vierjabrige Poften”, „Fernando“, „Claudine von Billabella”, „Die beiden Freunde von Salamanka“, „Der Spiegelritter”, ,, Der Minnefanger”, „Adraſt“. — Schubert's VBefabigung als Opern- componift. 56—78
IV. (1816.)
Jubelcantate zu Ehren Salieri’s. — Die Cantate: ,, Promethens”’. — Cantate zu Ehren Sofef Spendou’s. — Die Meffe in C. — Das zweite Stabat mater. — Ginfonien in B- und C-Moll. — Dilettantenverein. — Die Oper: ,,Die Bürgſchaft“. — Mehr⸗
ite
VIII
ftimmige Gefinge. — Lieder. — Tagebudéfragmente. — Siu bert betwirbt fic um eine Dtufitlebrersftelle in Laibach. — Franj von Schober. 79—111 V. (1817.)
Johann Midael Vogl. — Anfelm und Sofef Hilttendrenner. — Joſef Gaby. — Ouverturen im italienifden Styl. — Lieder. — Mehrftimmige Gefinge. — Clavierfonaten. 112—132
VI. (1818.)
Schubert als Muſiklehrer. — Die Familie bes Grafen Karl Efter- hazy. — Anfenthalt in Zeloͤcz. — Fretherr Karl von Schön⸗ ftein. — Schubert und bie Grafin Caroline Eſterhazy. — Das OQuartett: „Gebet vor der Sdhladt”. — Das Divertiffement à la Hongroise. — Die Fantafie in F-Moll. — Das Lieb: ,,Die Forelle“. — ,,Erfte Walzer’. — Die ſechste Sinfonie (in C). Gin Brief des Schullehrers Ignaz Schubert an feinen Bruder Franz. 133—149
VII. (1819.)
Der Roffini-Cultus in Wien. — Schubert unb bie italienifde Oper. — Gin Sdreiben Franjzens an Anfelm Hilttenbrenner. — Schu⸗ bert in Oberdfterreih. — Die Familien Paumgartner, Dorn- felb, Roller und Sdellmann in Steyr. — Cin Brief Schubert's an feinen Bruber und an Mayrhofer. — Das Clavierquintett. — Cine Cantate gu Ehren Vogl's. — Kirchen⸗ unb Gefangscom- pofitionen. — Franz Schubert und Wolfgang von Goethe. — Ein Schubert'ſches Lieb gum erften Mal dffentlich vorgetragen. — Letzte Anffilbrung des ,, Prometheus” bei Dr. v. Sonntleithner.
150—166 Vil. (1820.)
Das Singfpiel: „Die Zwillingsbrüder“. — Das Melodram: ,, Die Zauberharfe“. — Die Oftercantate ,, Lazarus’, — Die Oper: „Sacuntala“. — Antifonen zur Palmenweibe. — Der 23. Pfalm.
— Leber unb Canjonen. — Die Fantafie für Clavier in C. 167—197
IX
Ix. (1821.) Seite
Sdubert’s ãußere Verhiltniffe. — Reiden ber Anerfennung feiner Leiftungen. — Die Familie von Gonnleithner. — Muſikeultus im Gonnleithner'fden Haufe. — ,,Erlfdnig’ von Vogl im Rirnthnerthortheater gefungen. — Der ,,Gefang ber Geifter fiber ben Waſſern“. — Das Dörfchen. — Widmung ber erſten Lieder. — Die Singer der Schubert fren Vocalquartette. — Sinfonie mE, — Tanzmuſik. — Bwei Cinlagen gn ber Oper: ,, Das Zanberglöckchen“. — Schubert's VBelanntidhaften in Wiener Fami- fen. — Gin Brief des Patriarden L. Pyrfer. — Der Freundes- kreis. — Gchubertiaden. — Atzenbruck. — Sdnbert’s Verhältniß qu ſeiner Familie. — Cin Gedicht bes Rufticocampius. 198—226
x. (1822.)
Sdubert und von Sdober in Odfenburg. — Die Oper: „Alfonſo md Eſtrella“, — Gin Sdreiben Schubert's und Sdober’s an Joſef Spaun. — Schubert und Carl Maria von Weber. — Cin Schreiben der Anna Milder an Franz. — ,,Wlfonfo unb Eſtrella“ mb bie Familie Padler in Gray. — Briefwechſel zwiſchen Frang ton Schober und Ferdinand Sduberi. — Die Oper wird in Beimar aufgeführt. — Kritiſche Urtheile. — Die H - Moll- Sinfonie. — Die Meffe in As. — Mebrftimmige Gefinge. — Shubert und Beethoven. — Pintericé6. — Die Beethoven ge⸗ widmeten Variationen. — Beethoven’s Urtheil ber Schubert. — Tie Mufitverleger den Compofitionen Schubert's gegenüber. — Franz veraufert bas Cigenthum feiner erften Werle an Diabelli. — Abſatz der Schubert’fdhen Compofitionen. — Cin Brief von Schober an Franz. — Hiittenbrenner’s und Schober's Bemühungen be Cpern an Mann ju bringen. — Cin Schreiben Holbein’s mb Peters an J. Hiittenbrenner. — Schubert wird bie Orga- niftenftelle in ber Hoffapelle angetragen. — Gin Schreiben bes Biſchof's von St. Pslten an Franz. — Schubert's Anfuden um Aufnahme in die Gefellfdaft ber Dtufitfreunde als ausübendes Mitglied. 227—280
XI. (1823.)
Tas Drama: „Roſamunde“. — Das Theater an ber Wien. —
Rilhelm Vogel. — Helmine von Chezy. — Die Oper: „Fierra⸗ g
x
eite bras’. — Die Operette: ,, Die Verſchwornen“. — Caſtelli und Sdubert. — Aufführung ber Operette in Wien im Concertfaal, im Gtadttheater in Franffurt unb im Operntheater in Wien. — Kritiſche Urtheile. — Entſtehen ber erften „Müllerlieder“. — Det Zwerg. — Schubert wird Ehrenmitglied bes Linger Mtufit- vereins. 281— 317
XII. 1824.) | Gebdriidte Stimmung Sdubert’s. — Cin Sdhreiben Sdubert’s an 2. Kupelwiefer. — Brudftiide aus bem Tagebudh. — Compoft- tionen: Das Octett, Streidquartette, bas Duo fiir Clavier und . ¥Bte, ,Salve regina“, Tänze, ,, Der Gondelfahrer“. — Schu⸗ bert’S zweiter Aufenthalt in Zelez. — Cin Schreiben Franjen’s an feinen Gruber. — Gin Brief Franz von Sdober’s an Schu⸗ bert. — Franz Sdubert als Poet. 318—334
XI. (1825.)
Reife Sdhubert’s und BVogl’s burd bas Salzfammergut. — Cin Sdreiben ber Anna Milder an Schubert. — Cin Brief von Vater Schubert an feinen Sohn Franz. — Cin Schreiben Schubert's an Gpaun. — Gin Brief M. Schwind's an Sdubert. — Frang beſchreibt ben Eltern feine Reife. — Cin Gefchaftsbrief Hiithers an Schubert. — Gin sweites unb brittes Sdreiben Dt. Schwind's an Gdubert. — Franz fdilbert bem Gruber Ferdinand feine Reife. — Cin Sdreiben Banernfelb’s an Sdubert, unb des Letzteren Antwort. — Sdubert’s Rildlehr nach Wien. — Seine mufifalifde Chatigheit in diefem Jahr. — Schubert vereinigt fih wieder mit Sdober. 335—376
XIV. (1826.)
Franz bewirbt fic um bie Stelle eines Vicehoffapelmeifters. — Weigl erhält die Stelle. — Cine Scene im Hofoperntheater. — Sdubert und die Schechner. — Anton Schindler, Frang Zierer und Joſef Hiitterbrenner. — Schreiben der BVerleger Probft, Greitfopf und Hartel an Seubert. — Compofitionen: Die „Winterreiſe“, bie „Nachthelle“; die Streidhquartette in D-Moll
XI
" Seite mb G-Dur, bas Rondeau brillant. — Dant{dreiben bes us ſchuſſes ber Gefellfdhaft ber Mufitfrennde. 377—393
XV. (1827.)
Die Familie Padler in Graz. — Briefwedfel Fenger’s und Schu⸗ bert’s mit Fran Marie Padler. — Aufenthalt ber Erfteren in Graz. — Die Heimkehr. — Briefe Fenger’s und Schubert's an Grau Marie und an Fanft Padler. — Compofitionen: Tanz⸗ mufif, Lieder, bie „Altſchottiſche Ballade’, mebhrftimmige Ge⸗ fange, der zweite Theil ber „Winterreiſe“, bas Es-Trio, deutſche Reffe. — Briefe oon Probſt und Rodlig an Schubert. 394—415
XVI. (1828.)
Edubert’s muſilaliſche Probuctionstraft anf ihrem Höhepunkt. — Cin Sdreiben Frangen’s an A. Hiitteubrenner. — Schubert gibt em Concert. — Briefe von Probft, Sdhott’s Söhne, Sikh, Traweger, Moſewius und Vrilggemann. — Gin Sehreiben Senger’s au Fran Marie Padler. — Frang beabfidtigt einen zweiten Ausfing nak Graz. — Briefe von Probft und Sdott. — Cine Autwort Sdubert’s an Probft. — Die Reife nah Graz wird anufgegeben. — Cine Cinladung A. Sdinbdler’s an Schu⸗ bert, nad) Peft gu fommen. — Franz Lachner. — Cin Gefdafts- brief von Schott's Söhne. — Lette Compofitionen: Die C- Sinfonie, Dtirjam’s Siegesgefang, bas C-Ounintett, die Es-Meffe, Rirdhencompofitionen, Lieber, ber ,,Schwanengefang”. — Schu⸗ bert erfrantt. — Sein Beſuch bet Simon Sedhter. — Die Aerzte Dr. Rinna und Vebring. — Cin Sdreiben bes Vaters Shubert an Ferdinand Sdubert. — Sdubert’s Tob. — Die Traneran- serge. — Das Begräbniß. — Cin Sdreiben Ferdinand’s an den Sater. — Die Leihe nad Wabring geführt. — Traner um ben Gejdiedenen. — Auffiihrung bes Requiems von A. Hilttenbrenner
m der Auguftinerfirhe. — Grabmonument-Concert. — Die Grabſchrift. — Portraits von Schubert. 416—465 XVII.
Zur Charalteriftif Franz Schubert's. — Sein Aeußeres. — Sein gemüthliches Weſen. — Schindler und Mayrhofer über Franz
XII
SGatert’s Charafter. — Sein Fleiß ud ſeine Brobuctivitzt, — *im Muflafiide Schlagiertigleit — Sein Benehmen in Gefellfdaft. — Reiguag yx geiſtigen Getrinfen. — Shubert dem weibliden Geidlechte gegeniiter. — Seine Beſcheidenheit. — Die Gemiiths- vetfiimmmsy unt tee Winterreife. — Frany v. Schober and Grill- purer ũber Schubert's Weſen. 466- 484 XVIMI. ueberſchan ter mufifafifdjen Leiſtangen Sdubert’s. — Das Dentſche Lich. — Das Lied erreicht mit Schubert ſeine erſte höchſte Blüthe⸗ zeit. — Chorafteriftif bes Schubert' ſchen Liedes. — Die „Lieder⸗ freife.° — Die Ballade. — Das Lied Mendelsſohn's und Schn⸗ mam 6. — Mehrſtimmige Gefinge. — Mannerdire, Franen- dire, Chére fiir gemifdte Stimmen. — Cantaten und Hymmen. — Iniirumentalumftt: Clavier-Compefitienen. — Ouverturen u. Sinfenien fix Orcheſter. — Die grefe Sinfenie in C. — Kam⸗ mermmftl. — Schubert als Cperncompenift. — Seine Kirchen⸗ Cempofiticnen. — Die G-Meffe. 485—563 xX,
MEmbiiye Serireitany ter Schnbert iden Tondidtungen. — Die Edubert ide Nuſe in Wien, in Berlin und in Leipzig. — Bee fauntwerben feimer Gieber in Frankreich, England, Stalien und Nufland. — Cranferiptionen md anbere Vearbeitungen her Sieber. — Berlag feiner Werle. — Schidfal ber Manufcripte nach Franzen's Tob. — Würdigung Sdubert’s in nenefter Zeit.
564—582 xX,
Schluß. — Ehrenbegeigungen » deren Franz bei feinen Lebjeiten und math feinem Lob theilhaftig geworben. — Atademicen yur Ghre feines Andenfens. — Gebenttafel an dem Geburtshauſe.
— Schnbert⸗Monument. — Rückblick auf Franz Schubert, den
Tondichter. 583—590 Geſammt⸗Verzeichniß ber bem Verfaſſer bekannt aeworden P bert'ſchen Compoſitionen. , m ——
Anhang: Ein Gedicht Franz v. Schober's. 619
I.
(1797—1813.)
Die Familie ber Schubert's, aus welcher ber Tondichter Franz Schubert Hervorgegangen ijt, ftammt aus der Gegend von Zulmantel in Oeſterreich⸗-Schleſien). Franz Schubert's Bater war der Sohn eines Bauers und Orts⸗ titers in Mabrifd-Nendorf. Oer Studien halber von dort nd Wien gekommen, trat er im Jahr 1784 bei feinem Brurer Carl — Lehrer in der Vorftadt Leopoldftadt — 8 Gebiilfe ein, und wurde zwei Sabre darauf als Schul⸗ lebrer Fei ter Pfarre zu den Heil. 14 Nothhelfern in der Vorſtadt Lichtenthal angeftellt?). Gr galt als ein tüchtiger
1) Die Angaben fiber Sh 8. Familienverhaltniffe beruben gum Theil ani idriftliden Notizen Ferdinand Sch's., gum Theil anf miindliden RMittheilungen der Frau Thereſe Schnei der (Franzens Schweſter) unb des Herrn Anton Schubert.
2) Die Schule befand ſich in bem Haus Mr. 10 (berzeit Mr. 12) iter Gaulengaffe anf dem Himmelpfortgrund. Dasfelbe gehörte Ede. Vater, und ift derzeit Cigenthum der Mildbindler Georg und Zherefe Sdreber. Die Geftalt unb Anorbnung der Zimmer weift sud jest nod anf thre ebemalige Beftimmung bin. Vater Schubert
az daſelbſt bis zum Sabre 1817 ober 1818, wm wmelde Beit er bie Flarridbule in ber Roffan übernahm, gewohnt und Schule gebalten. 2. Kreifle, Frang Schubert. 1
Schulmann, unt unter ren Trivialjdulen res Pfarrbezirkes mar rie von ihm geleitete eine rer beſuchteſten. Seine erjte Che ſchleß er in einem Alter von neunzehn Jahren mit der um drei Sabre alteren Clifabeth Fig, einer Schlefierin, welde tamalé in Wien alS Ridin in Dienſten ftanr. Dieſe Che war mit vierzehn Kintern gefegnet, von benen ſich nur fünf, nimlid: Ignaz, Ferdinand, Carl, Fran unt Therefe am Leben erbhielten. Nach dem, im Sabre 1812 exjelgten Ter feiner Gattin verheirathete fid Vater Fran ein Sabr darauf mit Anna Klayenbök, einer Fabrifantens- tedter aus Gumpendorf in Wien, und es wurren ihm in briefer Che nocd fiinf Kinder geboren, die fic) — bis auf eines — alle am Leben erbielten.
Von ben Kindern aus ber erften Che lebt derzeit nur ned Cherefe, Witwe ves Mathias Sdneider, Cbers lehrers in ber Vorſtadt St. Ulric in Wien, ven jenen aus ber gweiten Che: Andreas, f. k. Rechnungs- Oficial, und Anton (mit tem geijtlidhen Namen Hermann), Capitu: lav im Stift Schotten in Wien ').
Uebrigens ift ſowohl auf dieſem Hans, ald anf jenem Mr. 41 in ber nabegelegenen „Krongaſſe“ ober ber Cingangsthiir ein „Röſſel“ aufges malt, wad zu Veriwedhslungen ber betben Hanfer, als ehemaligen Sdulen, Veranlaffung gegefen bat.
1) Der altefte ber Vriidber — Ignaz — Schullehrer in ber Roffau, ift im Jahre 1844, Ferdinand, Director ber Normalhauptidule zu St. Anna in Wien, im Jahre 1859, und Carl, Landfdaftsmaler unt Schreibmeiſter, tm Jahre 1855 geftorben. Franz Sch's. Halbſchweſtern Marte (unverehlidt) und Joſefa, verebhlidte Bitthan (Oberlehrers⸗ gattin in Wien), find, erftere im Jahre 1834, lestere im Jahre 186], ber Vater am 9. Jult 1830 und bie Stiefmutter im Sanner 1860 mit
Franz Peter Schubert, der jiingfte der ermahnten vier Sohne aus erjter Che, wurde am 31. Banner 1797 zu Bien in der Vorftadt Himmelpfortgrund, Pfarre Lichtenthal geboren'). Die Rinders und Knabenzeit bis gu feinem eilften Sabre verlebte er im väterlichen Haufe. Unter den Auger feiner Eltern, im Rreife feiner Gefchwifter *), wuchs er in jenen
Tob abgegangen. — Das Pabagogenthum fpielt in ber Schubert'ſchen Familie eine hervorragende Rolle, und felbft Franz ift bemfelben nist entgangen. Mehrere feiner jiingeren Berwandten haben fid ebenfalls wieder bem Lehrfad gugewendet.
1) Gin von der fürſterzbiſchöflichen Pfarre gu ben h. 14 Nothhelfern im Lichtenthal am 3. Janner 1827 ansgeftellter Taufſchein bezeugt, „daß zranz Schubert ein ehelich erzeugter Gohn bes Herrn Frang Schubert, Seullehrers, und deffen Ehegattin Cltfabeth, geborne Fis, beide fath. Religion, am Htmmelpfortgrund Pir. 72 geboren unb am 1. Februar 1797 von bem dbamaligen Cooperator Johann Wanzka im Veifein tes Herrn Carl Schubert, Schullehrers, als Pathen, in hiefiger Pfarre zach crififatholijdem Gebrauch getauft worben ift.” — Das Geburts- baus, „zum rothen Krebſen“ benannt, in der, nad ber Nußdorfer vine fiibrenten oberen Hauptſtraße gelegen, tragt derz eit bie Nr. 54 unt tft Gigenthunt ber Frau Barbara Leithner. Ueber bem Ein⸗ zangsthor befindet fid) eine, aus grauem Ranna-Parmor angefertigte @erenftafel mit der Inſchrift: „Franz Schubert's Geburtshaus;“ auf ber rechten Seite ift eine Lyra, auf der linten ein Lorbeerfranz mit bem Tatum ter Geburt angcebradt. Die feterlide Enthüllung diefes, von tem Wiener Dtinnergefang- Verein geftifteten und burd den Steins mermenfter Wafjerburger ansgefithrten Gedenkzeichens fand am 7. Oc teter 1858 ftatt. Cine Settengaffe ber „Nußdorferſtraße“ (friiber Srunn- zañe genannt) heißt jest Sdubertgaffe.
2) Unter den Geſchwiſtern war e8 vorgugsweife Ferdinand, der in fpaterer Sett bem, um 3 Jabre jüngeren Franz im Leben nabe ftand, und tem tarans Scheidenden bie Augen ſchloß. — Ferdinand Sch.,
1*
4
mehr oder weniger beſchränkten Verhiltnifjen heran, welche bie Crifteny eines mit zahlreicher Familie geſegneten Schul⸗ lehrers gu fennjeichnen pflegen. Seine Neigung yur Mtufit machte ſich in friihefter Zeit und bei ben geringften Ans fajjen Lemerffar. Giner Dtittheilung feiner Schweſter The- refe zufolge ſchloß fic) ber Knabe befonders gerne einem Tiſch⸗ lergeſellen an, der — ebenfalls ein Schubert und Verwandter bes Fran; — dieſen zu sfteren Malen in eine Clavierwerf- ſtätte mit fid nabm. Auf den daſelbſt befindliden Inſtru⸗ menten und bem abgeniigten Clavier im elterliden Haufe hat Franz ohne alle Anleitung feine erſten Crercitien durch⸗ gemadt, und als er ſpäter — ein fiebenjabriger Knabe — eigentlichen Dtufifunterricht erbhielt, ftellte fic bald heraus, daß er bas, was ber Lehrer ihm beibringen wollte, {don vor- weg fic) angeeignet batte. |
In den Aufzeichnungen feines Vaters findet fich darüber folgente Stelle: ,, Sn feinem fiinften Sabr bereitete ich ihn gum Elementar⸗Unterricht vor, und in feinem fedsten Sabre lick id ibn tie Schule beſuchen, wo er fic) immer als der erfte feiner Mitſchüler auszeichnete. Schon in feiner fritheften Su- gend liebte er die Gejellfdaft, und niemalé war er fröhlicher,
——_
1794 geboren, wurde im Jahre 1809 Schulgehülfe im Waiſenhaus in Wien, 1816 Lehrer bafelbft, 1820 regens chori in Altlerdenfeld, 1824 Lehrer an ber Normalhauptidule gu St. Anna in Wien, unb 1851 Dis rector bafelbft. Gr war mufifaltfd gebilbet, und verfaßte aud mebrere Airdhencompofitionen und theoretiſche Schriften her Muſik. Der reide mufitalifde Nachlaß bes Franz befand ſich längere Zeit hindurd in fei gem Befig, nnd was bavon nach feinem im Jahre 1859 erfolgten Tote noch vorbanben war, ging ſchließlich auf feinen Reffen, Dr. Eduard Schneider in Wien, Aber.
alé wenn er feine freien Stunden in dem reife munterer Sameraden zubringen fonnte. In feinem achten Sabre bradte id ihm die nöthigen Vorfenntniffe gum Violinfpiel bei, und übte ihm foweit, bis er im Stante war, leichte Ouetten ziem⸗ lid gut gu fpielen; nun fdidte ich ihn zur Singſtunde des Herrn Michael Holger, Chorregenten im Lichtenthal. Diefer verfiderte mehrmals mit Thränen in den Augen, einen ſoelchen Schiiler nocd niemals gehabt gu haben. „Wenn ich ihm was nenes beibringen wollte,“ fagte er, „hat er es ſchon ges wußt. Folglid) habe ich ihm eigentlich feinen Unterricht ges geben, fondern mid mit ibm blog unterbalten, und ibn ſtill⸗ ſchweigend angeftaunt.”
Als Holzer ibn einmal ein gegebenes Thema durdfithren bérte, fannte feine Freude feine Grengen, und entzückt rief er aus: ,,Diefer hat doc die Harmonie im kleinen Finger!" H ol- jer unterridjtete ihn auch im Claviers und Orgelfpiel und im Generalbaß.
Sein älteſter Bruder Ignaz ließ es ſich ebenfalls an⸗ gelegen ſein, ihm die Anfangsgründe des Clavierſpielens bei⸗ zubringen. „Ich war ſehr erſtaunt — erzählt dieſer — als er kaum nach einigen Monaten mir ankündigte, daß er nun meines ferneren Unterrichtes nicht mehr bedürfe, und er ſich ſchen felber forthelfen wolle. Und in ber That brachte er es in furzer Zeit fo weit, bag id) ihn felbft als einen, mich weit übertreffenden und nicht mebr eingubolenden Meiſter aners fennen mußte.“
So war denn Franz Sdubert eine jener begnadeten Na⸗ turen, welden der Genius der Kunſt bet ihrem Cintritt in tas Leben den Weihelug auf die Stirne gedritdt bat, und wenn man von Wolfgang Mtozart abfieht, der — ein echtes
Wunterfind — in femem ſecheten Lebenéjahre ein Clavier: concert yu Papier bradte, cter vielmehr darauf hinkleckſte, und im jemem achten eme Sinfenie fur Orcheſter fdried "), fo tft vielleicht bei femem ter greßen Tondichter ter Schaffens⸗ trieh fo frũhzeitig erwadt und mit je unwiderftehlicher Ge: walt jum Durchbruch gefemmen, als bei Franz Schubert.
Sein Vrnter Ferbinant be;zeichnet?) zwar vie, im Fabre 1810 entjtanrene vierfintige Fantajie als tejjen erfte Glariercempoejition, unt ten im Jahre 1811 componirter eKlagegefang ter Gagar~ als fein erſtes Lier; es ift afer anger allem Zweifel, daß Fran; ſchon vor diefer Zeit Lieder, Clavierjtide unr ſelbſt Streicquartette gefdrieben bat, wie ten anc unter jeinen Geſangscompoſitionen einige, deren Entſtehungszeit nicht angegeben ijt, turd) ihre Unbe⸗ dentendheit anf jene frũheſte fericte tes Schaffens hin: Weijen.
Eilf Iabre alt unt im Beſitze einer hũbſchen Sopranjtimme, fief ſich Schubert auf tem Chor ver Lidtenthaler Pjarrtirde als Soliſt im Gejang und als Violin{pieler verwenten und
1) Mezarts erfte Sinfonie datirt aus bem Jabre 1764 (j. v. RI del them. Cataleg).
2) 3n ben Auffiger ,Aus Franz Sch's Leben“, enthalten in ter Neuen Zeitſchrift fr Muſil“ Nr. 33—36 Band 10, Jabrg. 1839. Das barin vorfommende Verzeichniß umfaßt alle jene Schubert'ſche Compo- fitionen, welche fic) bamals (1839) entweber im Beſitz Ferdinand Sch'e. ober ber Verlagshandlung Diabelli befanben, ift daher nidt erfhtpfend. Der Werth dieſer Zuſammenſtellung befteht aber bain, daß in derſelben Schubert'ſche Compoſitionen, namentlich aus der früheſten Periode, aufgezeichnet erſcheinen, welche, da ſie in der Zwiſchenzeit ver⸗ loren gegangen ſind, ohne dieſe Zuſammenſtellung auch dem Namen nach nicht mehr gefannt fein würden.
7
trug nach den Verſicherungen noch lebender Ohrenzeugen mit ſchoͤnem und richtigem Ausdruck vor.
Den Bemühungen des Vaters gelang es, den Knaben nunmehr in bie kaiſerliche Hofcapelle zu bringen und ihm da⸗ durch einen Platz als Zögling in dem Stadtconvicte zu ver⸗ ſchaffen. Es war im October 1808, daß Franz den damaligen beiden Hofcapellmeiſter Salieri und Eybler’) und dem Gefangsmeijter Korner zur Ablegung der Probe vorgeftellt wurre. Als die gu gleichem Zweck erfdhienenen Knaben des Heinen Schubert gewahr wurden, der, nach damaliger Sitte mit einem hechtgrauen faft weiflicdten Rode angethan, daher fam, meinten fie, das ware gewiß eines Müllers Sohn, dem fénne e8 nicht feblen.
Wie nicht anders zu erwarten, erregte Schubert's Probe⸗ jingen die Verwunderung der priifenden Herren; er löſte die thm vorgelegte Aufgabe fo trefflid), bak jeine Aufnahme als Sangerfnabe in die Hofcapelle und als Zögling in bas Cons rict chne weiters erfolgte. Cie Uniform, mit ber goldenen Verte taran, fiir deren Glanz aud) Schubert nicht unem⸗ rranglic) war, mußte über ben ſchweren Abſchied hinaushelfert, ren ter Knabe von allen jenen, die ihm bisher im Leben nabe geftanven, fiir lingere Zeit hinaus zu nehmen hatte.
Gr war nun Sängerknabe der kaiſ. Hofcapelle; da er übrigens auch die Violine mit giemlicher Fertigfeit gu fpielen verſtand, wurbe er bem fogenannten fleinen Convictiften-Ors chefter 3ugetherlt, defen Aufgabe es war, größere Tonwerke,
1) Eybler Jofef, geb. 1764 zu Schwechat bei Wien, ein Schiller Albrechtsbergers, wurbe 1792 regens chori in ber RKarmeliterfirde in Bien, 1201 kaiſ. Mufiflebrer, 1804 Vices und 1825 Hoftapellmeifter. Er ftarh in Wien 1246.
sunrentfxé tee Staveuter vem Pavytn unt We;art, bann pie wannaie mah mit eerwuntertem Wide angejehenen Werle PBerthever # or Fak tighter Ucfungen eimyufimbtiren und zur Shavaheamy yz Eringer.
Seu diejen Orchefterſicken woren ef namentlich einige Frage s ans Faved ſchen Sinenien und tie G-Moll-Gin- feme ren Mezart, weiche any ten mehr ernſten, gegen feine Ungefurg anht beĩenders freantGden Knaben tiefen Cindrud wmacStex, ter ſich afer Ferm Anhéren rer Ginfenien von Deetherer jefect jam Ertʒũcken jicigerte. Seine Vorliebe fiir tieſen lexxren trat iden damals entjcdieren herver; war es teh cm, wee freuen ſeunt beſchieden, tem großen Meiſter, pa weldess er off jx jeinem Ideole fertan hinaufblickte, unter Badu eelliter Selbiptinrigfeit, m immer jtoljerem Fluge madyritrefer.
Die Suyenien ven Rremmer™), tie ibres heiteren Gharefteré wegen damals gerne gehirt wurten, fanden in
" Max hace tie Engel darin fingen, pflegte er gu fagen. (Ans Refef Spaume Aunfichreibungen.)
2) Rremmer (Franz), geboren 1759 zu Kamenitz in Mähren, war ez ued zu Anfang dieſes Qabrbunterts beliebter Componift. Gein Lebrer war femmes Vaters Bruder, regens chori in Tnraé, ber ibn zum Organiſten erzog; alle weitere Muſilbildung erwarb er fic) durch eifriges Selbſtſtudium. Bekannt als tiidtiger Violinfpieler fam er in bie Capelle bes Grofen Agrum nad Eimonthurn in Ungarn, wurbe {pater Chor- director in Fünfkirchen, dann Capellmeifter beim Regiment Karoly, ging enblid unt bem Fürſten Graffaltowi als Dtufiftirector nach Wien, wo ev nad beffen Lob privatifirte, und theils hurd) Unterricht theils burd ben Grtrag feiner beliebt gewortenen Compofitionen ein anftanbdiges Ausfommen fand. Nad Kozeluch's Ableben (1814) wurde er Ram: mercompofiteur, und flarh in Wien am 8. Yanner 1831, nachdem er
feinen Augen wenig Gnade, wogegen er jene des Rozeluch %, wenn ihr etwas veralteter Styl von den Muſikern befpdttelt wurbe, ben Krommer'ſchen gegeniiber, mit Warme 3u vers theidigen pflegte. Die Ouverture zur „Zauberflöte“, gu „Fi⸗ garo's Hochzeit“ und die Mehul'ſchen zählte er gu feinen Lieblingen.
Es fonnte nicht feblen, daß Schubert, der in bem fleinen Orcheſter alsbald zur erften Violine vorgeriidt war, vermige feineé eminenten Muſiktalentes und des Ernſtes, womit er bie Nunft betrieb, auf dasfelbe einen nicht unerbebliden Cin- flug gewann, in Folge deſſen ifm auch fiir ben Fall der Ab⸗ wefenbeit bes Dirigenten Ruczizka die Lcitung bes Order ſters an ber erften Bioline übertragen wurde.
Gleichzeitig war aber aud) in dem dreizehnjährigen Knaben ter Schaffenstrieb mit untwiderfteblider Gewalt erwadt; fon vertraute er ben Rameraden unter bem Siegel ber Vere fdwiegenbeit an, bag er öfter feine eigenen Gedanfen ju Papier bringe.
— — — — —
ichon geraume Zeit ſeinen Ruhm überlebt hatte. Er componirte ſehr viel, und zwar in einem gemüthlich heiteren, nicht ſelten an bas Haus⸗ badene ſtreifenden Styl.
1) Kozeluch (Leopold), geboren 1753 yu Wellwarn, ftarb in Wien 1814, Anfangs zur Jurisprudenz beſtimmt, verlieR er btefe Bahn, um fih ausſchließlich der Muſik zu wibmen. 1778 itberfiebelte ex nad Wien, we er als Dtufiflebrer febr geachtet, bei Hof und in bem hidften Abels. fretien Lectionen gab. 1792 wurbe er als Mozart's Nachfolger zum faiterliden Rammercompofiteur ernannt. Er ſchrieb eine grofe Anzahl ren Mufitjtiiden aller Art, die aber berjeit ber Vergeffenbeit anheimge- jallen find. Geine Todter Katharina, verehelidte Cibbini, Kammerfrau am faif. Hofe, war befannt als gute Clavierfptelerin.
10
Diefe ftrémten ihm bereits in Hille und Fiille zu, und es feblte nur gu oft an Notenpapier, um fie darauf feftzubalten. Da Shubert nicht in ber Lage war, fich foldes um Geld anzuſchaffen, forgte eine giitige reunbeshand") dafür, und ber Verbraud davon wurde nun ein ganz auferordentlicder.
Gonaten, Meſſen, Lieder, Opern, ja felbft Sinfonien lagen, nach dem Reugniffe von Gewahrsminnern, zu jener Beit bereits fertig vor, wovon er jedoch den größten Geil, al8 bloge Vorübung, vertilgte.
Wie bereits erwahnt, ſchrieb Franz im Jahre 1810 (April) eine grofe vierhändige Fantafie (die fogenannte ,, Lei chenfantaſie“), welder im Sabre 1811 und 1813 nocd zwei Fantafien vor kleinerem Umfang folgten. Das erſterwähnte Clavierſtück dehnt fich ither 32 enggefdriebene Seiten aus, und enthalt ein Ougend in verfdiedenem Charafter gehaltener Tonſtücke, deren jedes in einer anderen, al8 der urfpriingliden Tonart endet. Claviervariationen, die er feinent Vater als erſtes Broduct ſeines Tonſatzes vorfpielte, trugen ſchon das ihm eigene Geprage *).
Su das Bahr 1811 fallt bie Compofition der Lieder: ,, Haz gars Klage“, ,ber Vatermörder“, mebhrerer Inſtrumen⸗ talftiice *) und ter eben erwabnten gweiten Clavierfantafie.
„Hagar's KRlage”*) ift darum beadtenswerth, weil e8 bas erſte bedeutendere Gefangsitiid ijt, welches Schu—
") Obne Bwetfel Joſef Spaun.
2) Ferdinand Schubert: „Aus Franz Sch's. Leben”, 1839.
5) Nad Ferdinand Sch's Verzeichniß: Cine Ounintett-Ouverture (fite Ferdinand Sch. comp) und ein Streidquartett.
*) „Hagars Kage” hat ben Convictiften wahrſcheinlich in einer ber deutſchen Chreftomathien, wie folde in ben Gymnafien in Gebrandh waren
11
bert componirt bat. Er ſchrieb e8 als vierzehnjabriger Rnabe am 30. Marz im Convict nieder und erregte damit Galieri’s Aufmerffamfeit in fo hohem Grab, dak diefer die weitere Pflege bes feltenen Talentes durch Unterricht im Generalbaf fefert veranlagte. Die Compofition bes umfangreiden Klag⸗ gefanges behnt fid) über 28 gefchriebene Geiten aus und serpallt in mebrere, burch Tonart und Rhythmus gefchiedene abeile, worunter aud) ein Baar furje Recitativftellen. Diez felbe leidet allerdings noch an einer gewiffen Rerriffenheit; rie Stimmführung ift zuweilen gefudt, bie WAccordenfolge hart und bie Glavierbegleitung bie und da an Zumſteg und Mozart erinnernd. Demungeachtet ijt die Compofition im Ganzen genommen von Bedeutung und verfeblte nienalé ibreS Eindruckes, wenn fie von Sängern gut vorgetragen wurte. Einige Stellen darin athmen unverfennbar Schu— fertjden Geift, und wenn aud nod leife, vernimmt man red) ſchon ben Flügelſchlag bes Genius. Das Lied ift nicht im Stich erfdienen ').
Vie zweite Gefangscompofition heißt , Der BWaters mörder“, eine Barabel?) (Autor nidt genannt), Sie tragt unt nod find, vorgelegen, Der Gefjang beginnt in Largo Es-Dur } art fie Worte:
Hier am Hiigel heifer Ganbes fit’ ich, Und mir gegenitter liegt mein fterbend Rind u. f. w.
) Hagar’s Kage, und alle nod folgenden Lieber und mebr- ſtimmigen Gefange find, mit faft verfdwinbdender Ausnahme, in der BittecgePfdhen Sammlung (berjeit tm Beſitz des Herrn Hofrathes Freiherr Jofef von Spaun in Wien) in Whfdrift, und groptentheils mit Angabe bes Datums ihrer Entſtehung enthalten.
7) Das Autograf befigt Serr Spina in Wien.
12
bas Datum 26. Dec. 1811. Auch vom biefer gilt im All⸗ gemeinen bas über „Hagar's Kage’ Bemerkte; bod ift das legtere Lied umfangreicher und an ſich werthvolfer.
Gonberbarer Weife findet fich unter ben Liebern, deren Entftehungszeit angegeben ift, ein eingiges mit ber Sabres- zahl 1812. Es ift dies: „Klagelied“ 1) von Rodligz, eine Heine unbedeutende Compofition. Um fo reicher ift bie Kir⸗ Gens und Suftrumentalinufif *) vertreten.
Ueberſchaut man bie Thätigkeit bes in bas finfzehnte Lebensjahr eingetretenen Rnaben, fo liegt die Vermuthung nahe, bag er fic) in unb auger ben Gehulftunden mehr mit bem Defdreiben von Notenpapier, als mit den Vortragen ber Brofefforen und Ausarbeiten ber Penja befdhaftigt ba- ben mag. Dem war auc fo. Gr componirte heimlich in ber Schule und ſchrieb fiir bie Oonnerstags+Concerte der Zöglinge Ouverturen und Ginfonien fiir Orehefter, die gele- gentlich daſelbſt gefpielt wurden. Diefer feiner Verwendung
') Es ift in op. 131 enthalten. Ohne Bweifel bat Sh. auch in biefem Sabre noc) mehrere Lieder componirt, worllber bie Originalien Aufſchluß geben würden, da er auf allen feinen Compofitionen bas Jahr, — aud ben Monat und Tag, an dem er fie niedergeſchrieben, bei größeren Werken and ben Zeitpuntt bes Beginnes und ber Beendigung anzu⸗ merfen pflegte.
2) $n bem erwabuten Verzeichniß Ferd. Sdubert’s finden ſich auf⸗ geführt:
Gin Salve regina und Kyrie (im Stich erſchienen), eine Sonate für Clavier, Violine unb Cello, zwei Streichquartette (in B und C), eine Ouartett-Ouverture (inB), Andante und Variationen (in Es), eine One verture für Orcheſter (in D) und 30 fiir feinen Bruder Ignaz compos nirte Dtenuette mit Trios, weld) legtere bie Bewunderung bes Dr. Anton Schmidt, eines Freundes Mozart's und treffliden Violinſpielers,
13
wurde aud) in ben von ber Convictsvorftehung an bie Ober bebdrbe erftatteten Berichten nach beiden Seiten hin Erwäh⸗ mung gethan, unb wabrend feine mufifalifden Leiftungen darin anf bas beſte hervorgehoben erfdeinen, ift dies bezüglich feiner Fortſchritte in den eigentliden Fachgegenftanden nur in bee ſchränktem Maß der Fall gewefen *).
Hier möge vorerſt einiger, gum Theil nod am Leben bez findlicher Männer gedacht werden, die, obgleich an Sabren verfdieren , fic) mit Schubert zu gleider Zeit im Convict befanben, und bon welchen mehrere auch in ber Folgezeit ihre innigen Beziehungen zu bem mittlerweile berühmt geworbenen
m fo hobem Grab erregten, daß er fagte: „Wenn dieſe Stiide ein halbes Rind geidrieben bat, fo wird aus biefem nod ein Meifter hervorgeben, wie es wenige gegeben.” Diefe Menuette gingen fdon bamals durch Begleiben verloren, und Schubert fam ungeadtet wiederbolter Auffor⸗ berung nicht mehr baju, fie aus bem Gedächtniß wieder aufzuſchreiben.
) Nur im erften Jabrgange foll fig Sch. durchaus guter Zeugniſſe erftent baben; in ben folgenden Sabrgangen wurden Nadprilfungen noth- wendig. — Curator ber Anftalt war um jene Beit Joſef Carl Graf Dietrid feta. Den Unterricht ertheilten regulirte Prtefter des Prariften- Ordens. Director war ber Piarift Innocenz Lang, Doctor ber freien Kinfte, unb Rector ber alademifden Kirche. Das Vicedirectorat belleidete (ten 1811 an) Franz Schönberger; afademifde Prebdiger waren Narkus Haas, Andreas Plater (1812) und Georg Kugelmann; (1813) Ratedhet Cgid Weber und Joſef Tranz (von 1811 an). Jn ben zwei unteren Glaffen lebrten Pius Straud und Mathias Rebel; ta ten oberen Alois Vorſir; die iibrigen Profefjoren waren: Vincenz Rritid und Beneditt Lamb (Poetit), Amadäus Brizzi und Joſef Bald (Mathemati~f), Benedict Rittmannsberger (Geografie und Eeſchichte), Joſef Lehr (Ralligrafie), Leopold Baille und Carl Vers hard ‘franjofijde Sprache), Carl von Molira (italieniſch), Johann Setter und Böttner (Zeidnen). Als Inſpector fungirte Gottfried Lerſchbaumer.
14
Tondichter fortfegten. Diefe Convicts, wenn aud nidt Glaffengenoffen, waren: Sofef Spaun, Joſef Renner *), Leopold Ehner *), Joſef Kleind!*), Mar Weife *), Franj Müllner, Corl Rue sfafer’), der Dichter Johann Se nn, Benedict Randhartinger®), Boh. Baptiſt Wisgrill, Anton Holzapfel und Albert Stabler. Bon den eben Genannten fino Gpaun, Stadler, Genn und Holz— apfel als feine intimeren Freunde zu bezeichnen.
Joſef Spaun (derjeit Frh. v. Spaun, k.k. jubilirter Hofrath in Wien), damals ſchon und aud in fpadterer Zeit einer der wahrſten, uncigenniigigiten Freunde Gduberts, ver⸗ forgte ben (um neun Sabre jiingeren) Convictszögling mit Notenpapier und unterftiigte ihn auf mannigfadhe Weife 8). An Belge ſeiner Beamtenlaufbahn zu wiederholten Malen
') Kenner abſolvirte 1816 im Convict, wurde ſpäter Magiſtrats⸗ ralh in Wing und 1854 Bezirks⸗Vorſteher in Iſchl, wo er gegenwärtig in Wernflou lebt. Se war auch Belletriſt, und Schubert componirte mehrere ſeiner vieder.
2) Ebner lebt als jubil. Cameralrath in Innsébruck.
*) Kleindl, Rath bes oberſten Gerichtshofes in Wien.
*) Weiße, ber nachherige Profeffor und Abvocat.
) Rueskäfer, k. k. Unterftaats +» Secretir; derzeit Reidsrath in Wier.
9) Ranbdbhartinger, geb. 1302 zu Rupredhtshofen, ebenfalls ein Schüler Galiert’s, trat 1832 als Tenoriſt in bie Hofcapelle, wurde 1844 Vices Hofcapelmeifter und nad Afmayer’s Tob 1862 Hofcapellmeifter in Wien.
) Bisgrill, ber nadbherige Dr. Med. und Profeffor, geft. 1831.
*) Wie es in Spaun’s Aufzeichnungen heißt: „Der damals arme Schubert war turd Woden und Monate ber Galt eines Freunbdes im Wirthehaufe, und dieſer theilte oft Zimmer und Schlafftätte mit ihm, fo ift damit wohl Niemand anderer, alé eben Spaun gemeint.
15
tiumlid) bon ifm gefdieden, ftand er mit bem twunberbar fortſchreitenden Tondichter fortan in lebhaftem Verkehr und bewahrte ihm ſeine aufrichtige Neigung und Verehrung bis an deſſen Lebensende. Schubert war dieſem Mann — und es liegen viele Beweiſe dafür vor — auf das herzlichſte zu⸗ gethan 1).
Albert Stadler*) (geb. 1794 in Steyr, derzeit k.k. Statthaltercirath in Penfion in Wien) trat im Jahre 1812 aus bem Stifte Rremsmiinfter in bas Stadtconvict iiber, wo er bié 1815 blieb, und abfolvirte 1817 bie juridiſchen Stus tien. Gr hatte Neigung zur Muſik und Dichtkunſt?), fpielte Clavier, componirte aud, und war Zeuge bes Entſtehens und Vortrages faft aller in ber damaligen Zeit von Schubert aufgefdriebenen Compofitionen, bie er ſich auch fo ſchnell als moglid in Abſchrift angueignen wußte. Mad vollendeten Stutien prafticirte Stadler bet bem Kreisamt in Steyr und fam um Oſtern 1821 als Beamter zu der Landesregierung in Linz. Als Schubert in den Jahren 1819 und 1825 Ober ẽſterreich befuchte, fanden fic) die beiden Sugendfreunde in Steyr und Steveregg gufammen, wo fie, inébefonbere in tem Roller'jdhen und Paumgartner'ſchen Haufe fowie auf tem gräflich Weißenwolf'ſchen Schloß in Steveregg (bei Lins) genußreiche Stunden verlebten.
Anton Holzapfel befand fich bereits im Convict, als Statler in dasſelbe eintrat, und abfolvirte mit [egterem zu—
) Er bebicirte thm bie Gonate op. 78 und mebrere Lieder.
2) 3h verdanke thm die bier folgenden Mittheilungen.
") Von Stadler's Gedichten componirte Sdubert tas Singfpiel „Fernando“ (1815), das Lied: ,, Lich Minna” (1816), ein zweites Lied fit Jeſefine Roller (1820) unb eine Cantate zu Ehren Vogl's (1819).
a
gleich bie juririſchen Stutien. Er hatte, jewie and Schubert, urjpringlid einen Stiftplatz im Stadtcowict aus der ſoge⸗ naunten Ferdinandeiſchen Sãngertnaben⸗Stifting „am H of.” Helzapfel durfte ſich rühmen, ter iltefte Jugendfreund Schu⸗ berts zu ſein, und er war es, der ſich ſchen der Erſtlinge ven deſſen Liedern, als dieſe aber tie Schwelle tes Convicté nech nicht hinauẽgedrungen waren, mit jugendlicher Begeiſterung bemãchtigte. Gr galt als ein durchgebildeter Muſiker, war im Hejig einer hübſchen Tenorjtimme, jrielte aud bas Cello umd blieb Schubert fertan in treuefter Anhinglicdfeit ergeben ').
Johanu Midael Senn (geb. am 1. April 1795 3u Pfunds in Tirel), befant fic gleih anteren Séhnen von Tireler Fihrern bes Jahres 1209 gleichzeitig mit Shubert im Convict. Gr war ein begabter feuriger Singling *), verlor aber um bas Jahr 1814 eder 1815 jeinen Stijftplag, weil er an einer Gmeute ter Zöglinge, welche aus Anlag einer fiber einen Qameraten verhingten Carcerftrafe anébrad, iu herverragenter Weife theilgencmmen hatte. Ueberzeugt von ber Ungerechtigteit ter Strafe, unt unteugfamen Sinnes, 30g ex es vor, aus ter Anjtalt entlafjen zu werten, alé wegen feines Vergehens Abbitte zu leijten. Senn witmete fid um ras Sahr 1823 tem Webhrjtand und wurde Cjfizier bei bem
") Rad abfolvirten Stubien begann ec feine imtlide Laufbahn bei ten Lanbredten in Wien Geiner Baterſtadt), wurte fpater Magiftrats- rath unt lebt nun feit vielen Qabren al8 Penficnift in tem, nabe bei Wels gelegenen Schloß Aiftersbeim.
2) Die von L. Rupelwiejer entworfene Portrãtzeichnung Senn’ s getgt einen ſchönen intereffanten Kopf mit feinen Gefidts;igen. — Seun wat einige Zeit hindurd Lehrer bes Eduard von Sennleithuer , und aud) Inſtructor im Dr. Gredler'ſchen Hauſe in Bien.
17
Regiment ,,Liroler Kaiſerjäger“. Sein Leben geftaltete fid in fpateren Jahren gu einem diifteren Nachtſtück. Im Kampf mit ben Verhältniſſen, feiner Umgebung und der Cenfur, verbittert und menſchenſcheu geworden, obne Freunde und Stiige, ergab er fich gulegt bem Trunk und ftarb 1857 einfam md verlafjen im Militär⸗Spital zu Innsbruck. Won feinen Gedichten (die im Sabre 1838 daſelbſt bet Wagner erfdie- nen) componirte Gchubert das „Schwanenlied“. Senn wid⸗ mete bem {Freunde bas Gedidt: „An S., den Tondidter”, mb bem Didter 3. Mtaverhofer, deffen Verhältniß gu Schu⸗ bert nod) zur Sprache fommen wird, zwei Gonette mit ber Ueberſchrift: „Andenken an M., ben Dichter”. Cs fcheint übrigens, bag Genn nicht fdon im Convict, fondern erft fpater bei Gpaun oder Schober Schuberts nabere Befannts ſchaft gemacht bat.
Das muſikaliſche Treiben im Convict geſtaltete ſich da⸗ mals zu einem ungewöhnlich belebten.
Dr. Joſef Hauer (Fabriksarzt „in ber Oed“), der im Jahre 1816 in dasfelbe eintrat, ſpricht ſich darüber fol- gendermaßen aus: *)
„Mir war Sdubert, mit bem ich aber erft um bas Jahr 1825 perfinlid) befannt wurde, febr zugethan. Ich weiß nicht, ob dieje Geneigtheit meiner mufifalifden Befabi- gung oder vielmebr bem Umſtande zuzuſchreiben war, bag ich and im Stadtconvict alg Sängerknabe meine Bildung erhielt. Denn Hier war die praftifde Schule fiir Cchubert. Tags taglid murren ba bres Abends Ginfonien, Quartette und Gejangsftiide aufgeführt. Dazu fam nod die Vtitwirfung in ter claſſiſchen Kirchenmuſik. Ich erinnere mich, daß ich dafelbjt
') $n einem an mid geridteten Schreiben. ve. Rreigle, Frany Shubert.
18
nod Ouverturen und Ginfonieen von Schubert vorfanb, bie wir aufzuführen verfudten, wobei mir einjelne Stimmen als Schuberts Handfdrift vorgewiefen wurden. Ich felbjt ſchrieb mir einen Band feiner Lieder ab, unter denen einige waren, bie id) in ſpäteren Jahren weder geſtochen nod ges ſchrieben wieder vorfand. Leider ijt dieß alles verforen.”
Sn einem Aufſatz Renners!) findet fic) ebenfalls eine barauf Bezug habende Stelle. Da heift es: „In dem Clavierzimmer übten fich nad) dem Mittageſſen in freier Zeit Albert Stadler, felbjt Componift, und Anton Holzapfel, fein Claffengenoffe, im Vortrag Beethoven'ſcher und Zumſteg⸗ ſcher Compofitionen, wobei ich das ganze Bublicum vorftelite, benn bas Locale war nicht gebeizt und baber fchauerlich falt. Dann und wann fam aud Spaun, und nad feinem Aus- tritt aus bem Convict aud Gdubert dazu. Stadler ſchlug das Clavier, Holjavfel fang, hie und ba fete fic) Schubert an ben Flügel.“ Leopold Ebner lernte ben Componiſten erfi Fennen, nachdem bdiefer bas Convict ſchon verlajfen hatte; bent Schubert fam nod ein Paar Jahre hindurd von Zeit gu Beit im die Anftalt, um fetne Freunde gu befuchen und mit ihnen neue Lieder, Clavierſtücke u. ſ. w. durchzumachen.“ — Holzapfel und Stadler wirkten auch häufig in Vater Schuberts „Hausmuſiken“ mit. Sm Convictsorcdefter ſpielte Holzapfel das Cello, Kleindl und Spaun die Violine; Senn blies das Horn und Ranbdhartinger bearbeitete die Pauke.
Da Franz wahrend ber ConvictSzeit, wenigftens was bie materiellen Bedürfniſſe anbelangt, nicht auf Rofen ges bettet war, ergibt fic ans dem folgenden, vom 24. November
") Wurbe mir von Herrn Stabler mitgetheilt.
19
1812 datirten, an einen feinen Brüder (wahrſcheinlich an Ferdinand) gericteten Schreiben 1), welches durch feinen gee müthlich derben Inhalt zur Charakteriſtik des damals in das 16. Lebensjahr eingetretenen Jünglings immerhin Einiges beiträgt. Die Herzensergießung des armen Convictszöglings läuft in die folgende Bitte aus:
„Gleich heraus damit, was mir am Herzen liegt, und ſo komme ich eher zu meinem Zwecke, und Du wirſt nicht durch liebe Umſchweife lang aufgehalten. Schon lange habe ich über meine Lage nachgedacht und gefunden, daß ſie im Ganzen ge⸗ nommen zwar gut ſei, aber noch hie und da verbeſſert werden lẽnnte; Ou weißt aus Erfahrung, bag man bod manchmal eine Semmel und ein Paar Aepfel effen möchte, umfomebhr, wenn man nad einem mittelmagigen Mittagsmahle nad 8'/, Stunden erft ein armfeliges Nachtmabhl erwarten darf. Diefer icon oft fic) anfgedrungene Wunſch ftellt fic nun immer mehr ein, und ic) mufte nolens volens endlich eine Abs anterung treffen. Die paar Grofden, die id vom Herrn Later befomme, find in den erften Gagen beim T—, was foll im dann tie übrige Zeit thun?
» die auf dich hoffen, werden nicht zu Schanden werden. Matthius Cap. 2, V. 4." So dachte auch ich. — Was war’s rent aud, wenn Ou mir monatlich ein paar Kreuzer zukom⸗ men ließeſt. Ou würdeſt es nicht einmal fpiiren, indem id mid in meiner Rlaufe fiir glücklich hielte und gufrieden ſein würde. Wie gefagt, ic ftiige mich anf die Worte Apojtels Matthaus, rer ba fpricht: , Wer gwei Ride hat, der gebe
) Abgedrudt in Ferdinand Schubert's Auffagen: „Reliquien“. Reue Zeitſchrift für Mufil Jahrg. 1839.)
2*
20
einen ben Armen. ,, Sndeffen wünſche id, bag Ou der Stimme Gehör geben migeft, bie Dir unaufhörlich guruft, Deines Dich liebenden, armen hoffenden, und nodmalé armen Bruders Fran; zu erinnern.“
Mit dem väterlichen Hauſe blieb er während der Zeit ſeines Aufenthaltes im Convicte dadurch in Berührung, daß an Ferialtagen die von ihm componirten Streichquartette, oſt unmittelbar nach ihrem Entſtehen, in den dort üblichen Quartett-Uebungen +) ber Reihe nach aufgeführt wurden. Der alte Schubert pflegte dabei das Cello, Ferdinand die erſte, Ignaz die zweite Violine und Franz die Viola zu ſpielen. Da war nun der Jüngſte unter Allen der Empfind⸗ lichſte. Fiel wo immer ein Fehler vor, und war er noch ſo klein, ſo ſah er dem Fehlenden ernſthaft, zuweilen auch lächelnd ins Geſicht; fehlte der Vater, ſo ging er beim erſten Mal darüber hinaus; wiederholte ſich aber der Fehler, ſo ſagte er ganz ſchüchtern und lächelnd: „Herr Vater, da muß etwas gefehlt ſein,“ welche Belehrung dann ohne Widerrede hingenommen wurde. Den Mitſpielenden gewährten dieſe Uebungen große Genüſſe, dem Componiſten aber den Vor⸗ theil, ſich von der Wirkung, die ſeine Compoſitionen auf die Ausübenden und Zuhörenden hervorbrachten, ſogleich zu über⸗ zeugen.
On der Ferienzeit pflegte Franz aud) bas Theater zu befuchen. Von den vamals gegebenen Opern interefjirte thu ganz befonders Weigl's „Schweizerfamilie“, bie erfte Oper,
') Diefe fanden gewshnlid an den Gonntagen Nadmittags ftatt.
21
bie er tiberhaupt hörte, und in welder Vogl und die Milder?) fangen; bann Cherubini’s „Medea“, Boildieu’s ,, Sohann von Paris, „Aſchenbrödl“ von Iſouard, ganz befonders aber Glud’s „Iphigenia auf Tauris”, in welder die oben genannten Künſt⸗ ler ebenfall8 Vorzügliches leifteten. Diefe lestere Oper verſetzte ibn jedesmal in Entzücken und er 30g fie, ihrer edlen Einfachheit und Erhabenheit wegen ſchließlich allen itbrigen Opern vor 2).
Diefer Theaterbeſuch erflart auch einigermafen bie Thate jade, bag ver geniale Siingling fich alsbald mit ſtaunens⸗
) Anna Milder wurde am 31. December 1785 in Conftantinopel geboren, wo ihr Vater (Feliz', ein geborner Salzburger, bet bem öſterr. Geſandten Baron Herbert als Condifor in Dienften ftand. Um 1790 verließ bie Familte Conftantinope!, und begab ſich zunächſt nad Buta ref, bann aber, nad) Ausbrud bes Krieges gwifden Oefterreid und ber Pforte, nad Peft und endlid nach Wien. Dafelbft erhielt Anna von tem Dorfidulmeifter Tull in Hiltteldborf bie erfte Anleitung im Gee fang; ſpäter übernahm ©. Neufomm (aus Salzburg) ihre weitere Aus. tiftung, und madte fie and mit feinem Lebrer 9. Haydn befannt. Durch Sdifaneder gum Wuftreten anf der Bühne beftimmt, fang fie 1803 zuerſt bie Rolle ber Juno in Süßmayer's „Spiegel von Arladien” mit grofem Beifall. Cherubini componirte fiir fie bie „Faniska“, Beets beven ben „Fidelio“, Weigl bas „Waiſenhaus“ und „die Schweizer⸗ familie“. Ym Sabre 1810 verbeirathete fie fic) mit bem Suwelier Haupt- mann in Minden; 1812 unternahm fie ibre erfte Kunfireife und 1816 trat fie im ein feftes Engagement in Berlin, weldhes bis 1829 währte. Sen dieſer Beit an fang fie nur nod in Concerten in verfdiedenen großen Stadten; fo in Wien nok im Sabre 1836, wo fie Schubert's fier , Hermann und Chusnelba” vortrug. Während ihres Aufenthaltes m Berlin ftand fie mit Sdubert in brieflidem Verkehr, deffen nod emibnt werden wird. ,Suleifas (gweiter) Gefang” ift ihr gewidmet, mb bas Lied ,,Der Hirt auf bem Felfen” über ihre Befteung vow Shubert componirt. Milder ftarb im Sabre 1838 in Berlin.
2) Anus J. Spaun’s Aufzeichnungen.
werther Sicherheit in bramatifd- mufifalifden Arbeiten vere fudte, wie denn bereits im Sabre 1813 von ihm bie Com⸗ pofition ber Zauberoper von Rogebue: , Des Tenfels Luſtſchloß“ in Angriff genommen und im Sabre 1814 vollendet wurde, im Sabre 1815 aber mebrere Opern und Singſpiele entjtanden, von welchen an geeigneter Stelle die Rede fein wird.
Unter jenen Männern, weldhe auf Schubert's mufifalijde Bildung von Cinflug waren (wenn iiberhaupt bei Schubert bon einem anbdern als etwa Beethoven'ſchen Cinflug die Rede fein fann), mug ber damalige k. f. Hofcapellmeifter Anton Salieri in erfter Reihe genannt werden, ba er e8 war, der bas feltene Talent des Convictsziglings zuerſt erfannte und ibm mebrere Sabre hindurd in ber Compofition Unterridt ertheilte. Aufmerkſam gemacht burd bas Lied: ,,Hagar’s lage“ und einige Streichquartette, iibergab er ben jungen Componiften bem Muſikdirector Rucziczka zur Unterwei- fung im Generalbag. Als aber die Lectionen begannen, wies berbolte fid) bas ſchon friiher vorgefommene Schaufpiel: Der Lehrer erflirte nimlid, dak fein Schiller fon Alles wiffe. „Der,“ fagte er, „hat's vom lieben Gott gelernt.” Die Folge bavon war, bak fic) Salieri feiner noch warmer annahm unb bald barauf die meittere Wusbiloung dieſes un⸗ gewöhnlichen Talentes felbft gu leiten begann. Da Salieri in Schubert's Lebrjabren bie hervorragendjte Rolle fpielt, fo mige ein kurzer Lebensabriß desfelben bier feine Stelle fin- ben und fein Verhältniß ju Schubert naber beleuchtet werden.
Salieri (Antonio), im 3. 1750 in ber venetianifden Stadt und Feftung Legnago geboren, war ber Gohn eines wohlhabenden Raufmannes, der ihn frithzeitig bie lateinifden
23
Sdulen beſuchen und burch den alteften Gohn Franz in ber Muſik unterridten liek’). Im ſechszehnten Sabre traf ibn das traurige Schickſal, eine vater- und mutterlofe Waife zu werden. Gin Freund feiner Familie, Giovanni Mocenigo, nahm ihn zu fid nad BVenedig, wo er bie begonnenen Stu tien mit neuem Cifer fortfebte. Go fand ihn ber k. k. Hof- und Kammercapellmeiſter Florian Gagmann?), der nab Renetig gefommen war, um flix die Fenice eine neue Oper zu componiren. Gr nahm ibn gleidjam an Kindesſtatt an und wurbe fiir bie ganze Daner feines Lebens fein Freund md Woblthater. An Gagmann’s Seite fubr Salieri am 15. Sunt 1766 in Wien's Mauern ein, bie beinahe feds Decennien ſpäter thm die legte Rubeftitte gewähren follten.
') Ignaz Mofel: ,Leben Salieris”.
) Gafmann (Florian Leopold), geb. 1729 gu Brüx in Böhmen, zeichnete ſich als zwölfjähriger Knabe durch Gefang und Harfenfpiel aus. Um dem Krämerſtand zu entgehen, wozu ihn ſein Vater beſtimmt hatte, entfloh er in ſeinem dreizehnten Jahre aus dem väterlichen Hauſe, ging nach Carlsbad, wo er ſich als Muſilant in kurzer Zeit viel Geld ver⸗ diente, vom ba nad Venedig, um bei Pater Martini Mufifunterridt ju nebmen. ach zwei Sabren wurde er Organift in einem Nonnen⸗ tefter, und balb bemühten fic Kirchen und Theater um feine Compo- fitienen. 1763 folgte er einem Rufe nad Wien als Balletcomponift. 1766 febrte er mit Vewilligung bes Raifers, ber ihn zum Hof- und Sanmmerorganiften ernannt hatte, nad Venedig zurück, um dafelbft — mt and in Mailand — feine Opern aufzuführen. Von Venedig nahm ex ben jungen Galieri mit fid nad Wien. Ym Sabre 1771 wurde er ‘mad Renter's Tod) Hofcapellmeifter, und 1772 ftiftete er in Wien dre ned beftebente) Witwencaffe für inländiſche Tonkünſtler. G. ftarb in Helge eines Sturzes vom Wagen 1772 in Italien. Bon feinen Kirchen⸗ cempofitionen pflegte and Mozart mit Adtung yu fpreden.
— Da ging eS nun an ein eifriges Lernen. Gaßmann nahm mit ihm bie contrapunctifcben Studien nad) Joh. Sof. Fux's 1) »gradus ad Parnassum“ bor; ein anderer Lehrineifter unters ridtete ifn — allerdings mit kläglichem Crfolg — im Dente ſchen und Franzöſiſchen; lateiniſche und italieniſche Poefie, Declamation, Rhythmik und Proſodie bildeten die übrigen Lern— gegenſtände. So ausgerüſtet wurde er Kaiſer Joſef II. vorges ſtellt, wirkte ſofort in der kaiſerlichen Kammermuſik mit und be— ſchäftigte ſich alsbald mit der Compoſition von Gefangs- und Inſtrumentalſtücken, ſo wie von Kirchenmuſik jeder Gattung. Im J. 1770 componirte er ſeine erfte Oper: „Le donne letterate“, die ſich großen Beifalls erfreute. Dieſer folgten in den nächſten ſechs Jahren ein Dutzend anderer Opern und Operetten. Im J. 1778 ging er auf einige Zeit nach Stalien, wo er fiir bie Theater in Venedig, Mailand und Kom abermals fiinf Opern von Stapel lief. Sm J. 1781 ſchrieb ev im Auftrag bes Kaifers bie deutſche Oper: Der Rauchfangkehrer“, welche glänzenden Erfolg hatte. Auf Gluck's Empfehlung componirte er nun auch für Paris mehrere Dramen, die er daſelbſt perſönlich zur Aufführung brachte. Unter dieſen giltTarare,“ ſpäter als „Axur König non Ormus,“ fiir die italieniſche Bühne umgearbeitet und ar bald eine Zierde aller deutſchen Theater, für ſein Mei— ſterſtück. Es war dies eben jene Oper, welche auch Schu⸗ dert's Beifall hatte.
) Fur, geb. 1660 in Ober-Steiermark, wurde 1713 Hofcapell⸗ meiſter. Gr ſchrieb Rirdhen-, Kammer⸗ und dramatiſche Muſik, und if Verfaſſer des gradus ad Parnassum. Er ſtarb zu Wien 1741.
Rach dem Code bes Hofcapellmeifters Bono) riidte Salieri auf deffen Poften vor, bem er nun bis an fein Lee bensende mit gréftem Gifer vorjtand. Sm 3. 1789 dispen⸗ firte ifn Kaiſer Leopold II. von ber Operndirection, die fos fert dem Gapellmeifter Weigl iibertragen wurbe. Mit er- nevertem Gifer warf er fid) wieder auf bie Compofition von Cpern, Gantaten, Gefangftiiden, Rirdenmufil, Sinfonien, Concertftiiden n. f. w. Wm 16. Suni 1816 feierte er fein 50jãhriges Dienftjubilaum, an weldhem auch Franz Schubert Antheil nahm und wovon nod ausfithrlich die Rebe fein wird.
Von min an trat er nicht mehr als fchaffender Meifter cffentlid auf, ba er wobl fiiblte, wie weit ber Zeitgefdmad von jenem abzuweichen begann, den er für ben einjig ridti- gen gebalten atte. On feiner Eigenſchaft als Viceprajes teé Jnftitutes ber Tonkünſtler?) (deſſen Prafes im 3. 1818 Graf Quefftein, {pater Graf Moriz Dietricdftein war), dann als Oberleiter ber Gingfdule, womit von ber Gefellfdaft ter Déufiffreunde der Grund zur Errichtung bes vaterlan- tifden Confervatoriums gelegt wurde, hatte er noch immer em reiches Feld ber Thätigkeit vor fic, und es war ihm in ter That eine Art Befriedigung, mebrere Male in der Woche in ten Vormittagsftunden jungen Talenten beiderlei Geſchlech— tes unentgeltlichen Unterricht im Gefang, Generalbag und in ter Compoſition zu ertheilen.
) Bono, Hofcapellmeifter, geboren 1710 gu Wien, geftorben da⸗ jelbit 1788.
*) Secretär bes Ynftitutes war im Jahre 1824 ber Bice + Hof- capellmeifter Eybler, ber nad Salieri’s Penfionirung Hofcapellmeifter winte.
Seit feinem Eintritt in das fiebengzigfte Lebensjahr frinflid), bat er im Sabre 1824 um feine Penfionirung und ftarb am 7. Mai 1825 in Wien, wo er anc begraben liegt.
Salieri galt bet feinen Zeitgenofjen nicht nur als ein fleigiger'), melovienreider, warm fiihlender und tiefoenfender Meiſter, fonrern aud als ein höchſt liebenswürdiger Menſch. Freundlich, gefillig, woblwellend, lebensfroh, witzig, uner- ſchöpflich in Anecdoten und Citaten, ein feines, niedlich gebautes Mtinnden, mit feurig bligenden Augen, gebraunter Haut: farbe, immer nett und reinlid, [ebbaften Lemperamenteé, leicht aufbraufend, aber ebenjo leicht auc) zu verſöhnen, — fo fcilvert ihn Hofrath Friedrid v. Rodlig2), der im Sabre 1822 mit ihm in Wien zufammenfam. Die deutfde Sprade erlernte er nie; im Feuer ver Rede warf er fran- zöſiſche und italieniſche Wörter dazwifden und pflegte fid bamit 3u entfdhuldigen, dag er erft feit 50 Sabren fic in Deutfdland aufhalte.
Salieri wohnte im Innern ber Stadt, Geilergaffe im eigenen Haufe. Dahin wanderte nun (in ben Sabren 1813 bi8 1817) der junge Schubert, bie Notenhefte unter dem Arm, um dem Dtaeftro feine Ausarbeitungen vorjulegen und von biefem die Snftructionen zu empfangen, wie er e8 zu machen
') Ec ſchrieb an 40 Opern, 12 Oratorien, Cantaten, Meffen, ein Requiem, 4 Concerte für verfdhiedene Snftrumente, eine Sinfonie (1776), DOuverturen, Serenaden, Ballet⸗Muſik, endlich bramatifde Mufit in tragt- fem, tragifomifdem, heroiſchem, heroiſch⸗komiſchem und „akademiſchem“ Styl.
2) Jn bem Bud: „Für Freunde der Tontunft”, Leipzig 1832, IV. Bb. — Mozart gegenitber, deffen Ueberlegenheit S. inftinctartig fiblte, war er übrigens ſchlau und intriguant genug, um fein Emporfommen im Stillen gu hindern. (O. Jahn ,,- Mozart” II. Bd., S. 61 u. f. f.)
27
habe, wenn er ein guter Componiſt werden wolle!). Salieri mar mit Schuberts Compofitionsweife und namentlic) mit ben dichteriſchen Vorwürfen, die diefer fic wablte, um fie in Mufit zu fegen, nicht ganz einverftanden; er verlangte, daß Franz von feinen Verſuchen, Göthe'ſche und Schiller'ſche Verſe zu componiren, ablaſſe, mit ſeinen Melodien haushalte, bis er reifer ſein werde, und ſich dafür an italieniſchen Stanzen ibe*); er anerfannte aber das außerordentliche Talent ſeines Schülers, und als ibn dieſer wieder einmal mit verfdie- tenen Compofitionen überraſcht hatte *), rief er ans: „Der fann doch alles; er ift ein Genie! Gr componirt Lieder, Meſſen, Opern, Streichquartette, furz Wiles, was man will.” Welch freudigen Stolz er über Schubert’s erfte Mteffe (in F) empfumben, wird zur Stelle erwabnt werden.
Es unterliegt feinem Zweifel, daß Schubert aus Sa⸗ lieri’S Unterricht jenen Mugen gezogen bat, welden jeder hochbegabte Schüler aus ben praftifdhen Andeutungen eines im ter mufifalifden Runft feit einem halben Sabrhundert
1) Damals fdon fonnte man, wenn Salteri’s Unterridt vor abge- lantener Stunde beenbet war, den genialen cinen „guten Tropfen“ lieben⸗ ten Schüler in eine, der Behauſung bes Hofcapellmeifters gang nabe gelegene Weinhandlung hineinſchlüpfen fehen, wo er in Gefellfdaft eines eemaligen Gefpielen Franz Doppler (ber mir bies mittheilte) mand Stündchen vertranf und verplanderte.
2) Die Compofition einer folden Stange befigt A. Stabler in Wien. Sie tragt bas Datum 1813.
7) Als Suriofum diefer Art theilte mix Herr Joſef Hilttenbrenner mit, daß Edhubert, nachdem ibm Salieri gefagt hatte, er könne nun idon eine Oper fdretben, von dem Unterridjt mebrere Woden wegges Mieben fez, unb fodann bem überraſchten Meifter die fertige Partitur von tes Tenfels Luſtſchloß“ (1813—1814) zur Durchſicht vorgelegt habe.
28
berangebileeten und — felbftidaffenden Meiſters immerdar ſchoͤpfen wird. Aber bie Geiftes- und Geſchmadsrichtung des durch und durch an den Traditionen der alt⸗italieniſchen Schule feſthaltenden Lehrers unt jene ſeines Schülers, der, von dem Schwung ſeiner Phantaſie hingeriſſen, bereits anfing, das beflũgelte Rõoßlein im Land ter Romantit zu tummeln, war cine fo total verſchiedene, tag an ein längeres Zuſammen⸗ geben Beider nicht ju denken war. Schubert vertraute ſchon ber cigenen Kroft: ihm lag ber Weg Har vor Augen, den er zu ‘manteln batte, um jeine Miſſion zu erfüllen, und vor Salieri datte er eben fe wenig mehr zu lernen, al8 yor ibm Beerdeden. ter ja aud einige Zeit rahin in tie Schule gee garsea war. um dramatiſche Muſik zu ſtudiren t). Es ift —* sony sleicbgiltig, aus welchem ter verſchiedenen An: Isic, Die dea Zeitgeneſſen angegeben werden, Seubert fid tex Nest cine Wacjire ploglid) leégefagt hat*); per Brad meidlich unt bie gary natürliche Folge von Schu⸗ até in ben riejigiten Sagen fortſtürmender muſikaliſcher
— —TAnmuigqh ſagten Albrechtsberger, bei welchem Beethoven Gene⸗
gat Salieri, bei bem ev das Opernfach ftudiet batte, von ibrem ma, er werbe zu feinem Sdaben {pater lernen , was er fic) gee Sys auf iby Wort yu glauben.
t) Go führt 3. B. Here Doppler (Gefchaftsfibrer der Mufitalien- geciage Oandluug Spina) al Hauptmotiy yoy Sdubert's Bruch mit guiiei bas Faetum an, daß lebterer in der Schubert'ſchen B-Mefje ae Steller durchſtrich und corrigirte, die an Haydn oder Mozart er⸗ quarter. Schubert fei mit der conigirten Meffe gu ibm (Doppler) gee gaament, babe fie zornig auf ben Tiſch geworfen und erflart, er wolle gun von Salieri nichts mebr wiffen. — Andere meinen wieder, die Wuforderung an Sd, italieniſche Stanzen zu compouiren, babe dieſen aus G's. Nähe vertrieben.
Entwidiung. Des Schülers danfbares Gemüth hielt übrigens das Andenken des Lehrers bis an ſein Lebensende hoch in Ehren, was auch einige Aufzeichnungen in dem Tagebuch und das zu Ehren der Jubelfeier, von Schubert ſelbſt verfaßte Feſtgedicht bezeugen.
Was Schubert's muſikaliſche Thätigkeit anbelangt, ſo fallen in das Jahr 1813 die Anfänge einer Oper, eine Sinfonie, eine Cantate, wenige Lieder und eine un— verhältnißmäßig große Anzahl mehrſtimmiger canonartiger Geſänge.
Die Sinfonie in D, die erſte der von Schubert ganz ober zum Theil vollendeten acht Sinfonien'), ſollte die Na⸗ meng: over Geburtstagsfeier des Convicts-Directors Innocenz Yang verberrliden, und wurde von Zöglingen der Anftalt aufgeführt. Gie befteht aus vier Gagen 2) und ift nod une verfennbar im Stil ber alteren Meiſter gebalten. — Die Cantate enthalt nur ein Terzett (fiir 2 Lenore und 1 Bak) ,, Zur Ramensfeier res Vaters, die Worte gedicdtet und mit Gui- tarrebegleitung componirt von F. Gdubert am 27. Septem- hr 1813". Das Terjzett, ein einfach melodisfer Gefang, teginnt mit einem furzen Andante (A-dur 12) und ſchließt bewegter mit einem Allegretto (&), das den eigentlicden
) Ferbinanb Schubert erwähnt aud) ber Stizze einer neunten, he er 1846 an Mendelsſohn iibergeben haben will.
2, Cinleitung (Adagio) unb Allegro vivace 4, Andante G-Dur §, Renuett und Trio (Allegro D-Dur), finale (Allegro vivace D-Dur }). — Das Manujcript mit bem Datum 22. Oct. 1X13 befigt Dr. Schnei⸗ te in Bien. Am Schluß der Partitur ftehen die Worte: Finis et fine.
Guidaeunrid res Sohnes enthalt'). — Die Canons, zumeiſt anf Gedichtfragmente von Schiller compenirt, find als Studien in Ctefer Form, vielleicht aud fiir rie Rameraden im Convict gejchrieben 2). Sie fine faft durchweg dreiſtimmig und von Wearerftimmen vorjutragen. Cin ſchöner Gefang ift das cane canonartige) Terzett: „Todtengräberlied“ von Halty
% Pad Schubertſche Gedicht lantet:
yAndante) Crtine Lever Bur Feftesfeter. Apollo ſteig bernieder, Begeiſtre untere Lieder. (Allegretto) Lange lebe unſer Vater Franz. Lange wäbre feiner Tage Cher Unt in ewig ſchönem Flor Blübe feines Lebens Kranz.
Wonnelachend umſchwebe tie Freude
Seines zürnenden Glückes Laut,
Immer getrennt vent traucrntem Leite Nebm’ thn Eliſiums Scatten anf.
Endles wiedertöne belte Lever —
Rringt red Sabres Naum tie Zeit jurid — Sanit und icin an dieſes Tages Feier Ewig wäbre Vater Franzen's Glüd.
Das Antegraf des Terzettes mit rer Au'ſchriit: .Auf tie Namens⸗ feter meines Vaters, 27. Sept. 1813", beñtzt Dr. Schneider, deßgleichen ein zweites: „Namensifever“ betitelt (27. Sept. 1515°, beſtebend aus einem Gefangéftiid: .2u Erbabener“ u. i. w. (Adagio Es-Dur).
2) Die große Anjabl trefer nacheinander entitantenen Canons ers innert au Mezart, ter an Cinem Tag 2 Sept. 178s) deren zehn nieteridried. (OD. Jabn „Mezart“ III. Vr.) — Das Getidt von Schil⸗ ler: „Eliſium“ iſt fur ticle Canens beupriadlid amégebeutet, und gwar die 1. 2, 4. unb Iente Strevbe.
31
fix 2 Sop. und 1 Bag). Auch Streichquartette, drei Kyrie, brei Dtenuette mit Trio's fiir Ordefter, die dritte ,, Clavier: fantafie,” eine Fuge fiir Glavier ') und ein Octett *) fiir Olasinftrumente gehiren diefer Zeit an.
Und bier endet bereits die erfte Periode von Schubert's chen fo kurzer als frudtbarer Riinftlerlaufbahn. Es ift died eine Beit rajtlojen, faft unbewugten Schaffens, in welder ter faum nod an bas Siinglingsalter herangercifte Rnabe, einerfeitS bem reichen Spiel feiner Fantafie fic überlaſſend, anterjettS immerbin nod) an ben Formen ber vorausgegan⸗ gencen Meiſterwerke fefthaltend, in feinen Snftrumentalcompo- fitionen vorwiegend Rwittergebilve zu Cage förderte, die aller- tings auf eine ungewöhnliche Begabung fdliefen laffen, wab- rend in einigen feiner Lieder die Cigenthitmlicfeit feines Genius ſchon pragnanter zu Tage tritt.
Vie naidftfolgenden Jahre diirfen infoferne mit dem Namen „Schuberts Lernjahre“ bezeichnet werden, als er bei Salieri jiftematifden Unterridt in der Compofitionslehre nahm, unt fic nebenbet mit gewobnter Rührigkeit in ben verſchie— teniten Mtujifgattungen als ſchaffender Riinftler verfuchte. Dieſe Lernzeit läßt fid) allerdings nicht mit der ftrengen Zudt vergleichen, unter welcher andere große Meiſter — wie beiſpielsweiſe Mozart und Mendelsſohn — gefianden und
) Das Autograf derſelben beſitzt Herr Joſef Hüttenbrenner in Wien.
) Das Octett mit dem Datum 19. Sept. iſt fiir Clarinette, Fegett, Trompete und Horn gefdrieben, unb in Ferd. Schubert's berzeichniß als „Franz Schubert's Leidenfeier” eingetragen. Vielleicht vette es einen Bezug gu bem Leichenbegängniß von Sdubert’s Mutter. Ticie Cempofition iff mir nie yu Geſicht gefommen.
burd eine Reihe von Jahren in ftetem metherijdem Fort- ſchreiten ifre Geijtesfrajt harmonijd entwidelt haben; Schu⸗ bert’8 wunderbar raſche Entfaltung erinnert vielmehr an das Voranſtürmen ifm verwantterer Geifter, wie Beethoven und Schumann; — anverfeits widerlegt aber bie verbiirgte That: fache, tag Schubert damals fdon, und nad) feimem eigenen Reugnig aud fpiter in ter Inſtrumentalmuſik vem Sturium anerfannter Meijterwerfe mit allem Gifer obgelegen babe, ten vielverbreiteten Glauben, vag er im Grund nie etwas Redhtes gelernt habe und nur als ein hidjt genialer Naturalift anzuſehen fei. Im Lied trat allerdings in friihe- fter Zeit ſchon eine fo vollenbete Meifterjdaft unt Origina- litat gu Tage, daß Schubers künſtleriſche Crideinung nad biefer Seite bin geradezu ohne Gleichen ift.
IT.
(1814.)
Shubert’s Aufenthalt im Convict wahrte vom October 1808 bis zu Ende desfelben Mtonats 1813, mithin volle fünf Sahre. In dem Stimmorgan bes nun bald fiebenzehujabri- gen Siinglings war nämlich um dieſe Beit jene Wandelung eingetreten, welche man mit „Mutiren“ ber Stimme ju bee zeichnen pflegt, und er fonnte demnach als Gangerfnabe nicht mebr verwendet werden. Franz hatte zwar feine Studien tafelbft noch liber die erfte Humanitatsclaffe hinaus fortſetzen fennen, tenn der Raifer, welder von dem Berbhalten der Convictszöglinge fortan auf bas genauefte unterrichtet war, gejtattete fein ferneres Berbleiben darin'); er hatte aber feine Luſt noch weiter zu ftudiren, 3umal er fic) einer Wieders
‘» Died geſchah mit Entſchließung som 21. Oct. 1813 unter der Retingung, daß er bie 2. Fortgangsclafje wabrend ber Ferialjeit vere teere, daher bie Prüfung wiederhole. In dieſem Falle follte ibm ein isgenannter Merveldt'ſcher Stiftplats verlieben werden. (Nad einer Mit⸗ telung tes Herren Ferd. Luib.) — Die Behauptung eines nahen Freun- tee Schubert's, daß biejer aus bem Convict entwiden fei, wird von aiteren Zeitgenoſſen, namentlid) aud) von A. Stadler als irrig bee jichnet.
v. Lreißle, Frauz Schubert. 3
__ 34
holungSpriifung hatte unterjiehen miijjen, und verließ die An— ftalt, um zunächſt in bas väterliche Haus zurückzukehren ').
Nach einer Angabe Ferdinand Schubert's?) war die Aufforderung zum Militärdienſt, nach einer anderen Berfion aber das Beftreben des Vaters, ihn vom Componiren abzu⸗ halten und einer anderen Befdaftigung zuzuführen, die Urſache, bag Franz fic längere Beit hindurc bem Lehrfach widmen mufte. Während bes Schuljahres 1813—1814 ftubirte er zu diefem Ende bei St. Anna Padagogif und übernahm fo- dann in bes Vaters Schule das Amt eines Gebiilfen in der Vorbereitungsclaffe (ABC-Sehule), das er nun durch dret Sabre gwar mit innerlidhem Widerftreben, aber trogbem mit Pflichttreue und einem Eifer verfah, der fid) mitunter, wenn er e6 snit einem ftirrigen inde yu thun hatte, zu Ungeduld und Jähzorn fteigerte *).
Um fo erftaunlicer erfcbeint feine Productivitat, nament⸗ lid im Sabr 1815. Schon im Beginn ves Padagogenthums fand er Gelegenbeit, fic) burch eine Rirchencompofition bers vorzuthun, bie feinen Jtamen in weiteren Rreifen befannt machte und ihm die Anerfennung feiner mufifalifden Freunde, inSbefonbdere feines Lehrers Salieri, in hohem Grad eintrug. G8 war dies die Meſſe in F, welche er zur Feier des hun- bertjibrigen Jubiläums der Lichtenthaler Pfarrkirche ſchrieb, und deren Aufführung (am erften Gonntag nad dem Theres
") Dev Tag ſeines Anstrittes liegt zwiſchen bem 26. October und bem 6. November 1813.
2) Jn ben Auffagen: „Aus Franz Sch's Leben”.
*) Seine Schwefter Therefe theilte mir mit, daß Frang in ber Sule ftrenge unb jähzornig gemefen fei, und bie Kinder oft in bandgreife Tider Weife beftraft habe.
fentag) er unter Dtitwirfung Sofef Mayſeder's an der erſten Bioline in Perfon dirigirte. Die SGopranpartie fang The⸗ tefe Grob"), eine Lieblingsfangerin des Gomponiften und
') Therefe Grob war bie Todter des (um jene Zeit 1814 ſchon verftorbenen) Heinrid Grob und feiner Frau Thereſe, weld) legtere im Lidtenthal ein Seidenfabriksgeſchäft beſaß. Schubert fam in diefes Haus nad feinem Austritt aus bem Convict, ohne Zweifel angezoger durch bie ſchöne Stimme bes Mädchens Thereſe (damals beilaufig 15 Jahre alt) und bas mufifalifde Talent thres Bruders Heinrid, der Bioloncell und befonders gut Clavier fpielte. File Thereſe, deren giedenreine Stimme bis in bas hohe D reidte, ſchrieb Schubert ein Tantum ergo nub ein Salve regina. Heinrid G. dirigirte zu Schu⸗ bert’S Zeiten (und aud) {pater noch) mitunter bie Rirdhenmufif auf dem Lidhtenthaler Chor, während Sdubert fidh gewöhnlich unten in der Kirche aufbielt, um die Muſik beffer yu hören. Selbftverftindlid) wurbe in dieſem Familientreis viel muficict, und namentlih and Sdubert’s Meſſen für die Auffilbrungen tm Lidtenthal, in Gringing, Heiligenftadt u. f. w. unter bes Componiften Leitung einftudict. Schubert, der da⸗ felbjt wie ein Rind bes Hanfes aufgenommen twar, bradte feine Lieber mit (bad erfte, welches Therefe ju Geſicht bekam, war jenes: ,,Silfe beilige Natur”) und fdrieb unter anberem and fiir feinen Freund Heinrid G. (im Oct. 1816) ein ,,Adagio et Rondo concertant pour le Pianoforte avec accompagnement de Violine, Viola et Cello (im Be- fig des Herrn Spina). Sein Verkehr mit dem Grob’ {den Haus danerte bis beilaujig jum Jahr 1820, um welde Beit Therefe fid verheira⸗ tbete und der Tondichter in andere Kreiſe bineingejogen wurde. Um das Sabr 1837 iiberfiedelte Heinrich Grob mit feinem Geſchäft in dte innere Stabt, wo eS feit feinem im Sabr 1855 erfolgten Tob von feiner Rinve (einer gebornen Müllner, Holghaubdlerstodter) und ben zwei Sobnen terzeit nod betrieben wird. Therefe, welder id) diefe Dtit- theilungen verbante, feit mehr als zwanzig Jahren Witwe bes Bäcker⸗ meifters Bergmann, lebt nod, ald eine frifde und heitere Frau, in Rien. — Die Familie Grob fol nod unbelannte Compofitionen Ednubert’s befigen, deren Cinficht ich aber nicht erlangen fonnte.
3%
einer Familie angehirend, zu welder Schubert damals und bis gegen bas Jahr 1820 hin im freundfdaftliden Bezie⸗ bungen ftand. Galieri, hoch erfreut über bie Arbeit feines Zöglings, umarmte diefen am Schluß der Aufführung, indem er ihm jurief: „Franz, du bift mein Schüler, der mir nod viele Ehre machen wird” 1).
Die Meffe 2) wurde bald darauf in der Auguftinerfirche unter Umftinden wiederbolt, welche die Aufführung ju einem Familienfeſt geftalteten. Franz ftand am Divigentenpult, fein Bruder Ferdinand fpielte bie Orgel, ben Gopranpart trug wieder Therefe Grob vor und in die librigen Stimmen hats ten fich Freunde und Bekannte getheilt. Als regens chori fungirte Michael Holker. Der Vater befchenfte feinen Sohn Franz nad dbiefem Feft mit einem fiinfoctavigen Clavier *).
Aud ein Salve regina‘) fiir Tenor, ein Lied: „Wer ift wohl grog’ mit Chor und Ordhefterbegleitung, fünf Menuette und fehs Deutſche, fiir Streichquartett und
") Giner Mittheilung des Herrn Doppler entnommen, welder bei ber Auffibrung mitwirfte.
2) Wie auf bem, in Händen des Dr. Schneider in Wien befind- Lichen Autograf zu lefen lift, ſchrieb Ech. diefe Meſſe in ber Zeit vom 17. Mai bis 22, Juli 1814. Das Kyrie entftandb am 17. unb 18. Mai, bas Gloria am 21. und 22., das Gratias vom 25.—28., bas Quoniam am 28. Dtai, ba’ Credo vom 30. Mai bis 22. Suni, bas Sanctus und Benedictus am 2. und 3., ba8 Agnus Dei am 7. und ba8 Dona nobis pom 15,—22. Sulit. Die F-Meffe ift nicht im Stich erfdienen.
3) So erzablt Ferdinand Sd. in: „Aus Franz Sch's. Leben”. — Therefe Grob erinnert ſich nidt diefer gweiten Auffithrung.
*) Das Autograf befigt Dr. Schneider. Die Begleitung bes Salve regina bilden Bioline, Viola, Oboe, Fagott, Horn und Contrabaf.
— —
BWaldhdrner geſetzt, drei Streichquartette!) eine mäßige Anzahl Lieder (darunter zehn auf Gedichte von Mathiſſon) fallen in dieſe Zeit. Unter den letzteren befindet ſich eines: „Auf ben Sieg der Deutſchen“ betitelt, ein tanzartiges unbe- deutendes Strofenlied?) mit Begleitung oon Saiteninſtrumen⸗ ten, ohne Zweifel eine Gelegenheitscompoſition, die auf die glückliche Beendigung des Krieges gegen Frankreich Bezug hatte und vielleicht im Freundeskreis geſungen wurde. Endlich ift noch einer großen vierhändigen Sonate?) in C-Moll zu erwähnen, welche aber unvollendet geblieben iſt.
Am 15. Mai 1814 beendete Franz die im Jahre 1813 im Angriff genommene „natürliche Zauberoper“: Des Teu⸗ fels Luſtſchloß in drei Acten von Kotzebue. Das Stück
) 3n B- und D-Dur und in C-Moll. Jenes in B tourde in einer von Herrn Joſef Hellmesberger’s Quartettproductionen im Jahre 1862 — aber mit Kürzungen und Cinjdaltungen von Theilen aus anderen Quar⸗ tetter — zur Aufführung gebradht, unb ift in nenefter Zeit bei Spina, ter das Autograf davon befigt, in Stimmen im Stic erfdienen.
2) Die Textworte lauten:
Verſchwunden find die Schmerzen, Weil aus bellemmtem Herzen Kein Seufzer wiederhallt.
Drum jubelt hoch ihr Deutſche, Denn die verruchte Peitſche
Hat endlich ausgeknallt.
3) Das Clavierſtück beſteht aus einem Adagio, einem Andante amo- toso in B, einem Allegro in B und einem Adagio in Des. Das Autos grat Mefer etwas ungeflarten Arbeit befikt Herr Statthaltereirath Albert Ctabler im Wien.
) Die Original-Partitur befigt Dr. Schneider.
38
ift, fo weit eS ben mufifalifchen Theil betrifft, in gereimten Samben gefdrieben, enthalt aber viel gefprodenen Dialog.
Der Inhalt pesfelben ijt folgender: Oswald Ritter von Scharfeneck hat Luitgarde, die Nidte bes Grafen von Schwarz⸗ berg, ba biefer bie Verbindung beider nicht gugeben wollte, beimlid) aus des Obeims Schloß entfiibrt und gebeirathet. Nach längerer Abweſenheit fehrt er mit ihr in die Heimat guriid, um ſich auf feinem Befigthume niederzulaffen. (Hier beginnt bas Stitd.) Die Scene ftellt eine rauhe Ge- gend bar; ber Wagen bes Mitters ift eben auf dem ſchlech⸗ ten Wege entzwei gebrochen; Diener find um Luitgarde befdaf- tigt, unb Robert, Oswald's treuer Begleiter, eilt voraus, mm flir fie und das Gefolge Unterfunft zu fuchen, die er denn aud in einem naben Wirthshaufe findet. Oswald und Luit- garde folgen ihm nad. Die Wirthin begrüßt die beiden Fremdlinge und läßt fic) mit ihnen in ein Gefprad ein. Bald darauf tritt ein Bauer in vie Stube, um dem Ritter kundzuthun, dag die Gegend ringsumber unter bem Banne eines Zauberſchloſſes leide, welches, dem nächtlichen Spuk nad zu urtheilen, nur bes Teufels Schloß fein könne. Oswald bes fcbliegt, allen Warnungen zum Trok, den Bann zu brechen, und eilt mit Robert in das Schloß. Sie treten in einen fantaftifd aufgepugten, mit Statuen und einem Grabdenkmal geſchmückten Gaal. Alsbald beginnt der Zauberjpuf. Cine coloffale, aus ber Erde herausreichende Hand verfegt Robert einen Schlag und verſchwindet, worauf diefer eine ber Sta⸗ tuen gu Boden wirft und Oswald das Gleiche mit einer zweiten Statue verfuchen will. Diefe aber wirft ibm ihren Handſchuh gu Füßen, ben er aufhebt und mit ihr den Kampf beginnt, an welchem alSbald noch weitere vier Statuen
mit gezückten Gchwertern theilnehmen. Während bes Gee fetes fteigt eine ſchwarzgekleidete Amazone vom Grabbdent- mal herab und bietet bem Ritter Herz und Hand, mit dem Bedeuten, bak er fterben miiffe, wenn er fie nidt annebme. Oswald, eingedenf feiner Luitgarde, weift bas Anerbieter zurück, woranf ein aus bem Boden herauftauchender Rafig in umfängt und mit ihm verjinkt. — 3m gweiten Act finden wir Robert webeflagend auf ber Erde liegen und nad) feinem Gebieter rufen; zu ihm gefellt fich Luitgarde, die den Gat- ten fucht. Dtefen, ber in eine gräßliche Höhle hinabgefun- fen, ermartet tas Blutgericht. Cin türkiſcher Marſch ertint, weldem ein Chor ber Sungjrauen folgt. Die Amazone fudt ten Ritter abermals zu itberreben, aber aud) diesmal wider⸗ jteht er ihren Lodungen. Da erfchallt ber Ruf zur Race; Oswald fell vom Felfen geſtürzt werden. Die Todtenglode fautet, ein Trauermarſch fpielt und die Todtenbabre wird berbeigetradt. Männer und Sungfrauen fingen im Chor. Cin Rnappe ruft Oswald zu, der Gattin yu vergeffen; ein Sclave flitjtert ibm in's Obr, fic) zu verftellen und dem Wunſch ver Amazone nachzukommen, ba er nur fo fic retten finne. Der Verrath deS Sclaven aber wird entdedt und rem Ritter befohlen, gum RZeichen feiner Liebe fiir die Fürſtin ben Gclaven mit bem Schwerte yu durdbobren. Cr weigert fic) beffen, und mit ber Waffe, die man ihm in die Hand gegeben, bahnt er fic den Weg auf einen Felfen. Vert von allen Seiten angegriffen und nicht mehr im Stande zu witerfteben, wirft er die Waffe von fic) und ſtürzt fid ren der Qlippe in ben Abgrund.
3m dritten Act erfdeint Luitgarde, um ihren Gemabl trauernd. Robert tritt gu ihr. Da taucht aus ber Erde
40
Oswald’s Waffenriiftung herauf. Luitgarde eilt auf diefe gu; bie Trophie verſchwindet. Verzweifelnd an der Rettung des Gatten, befiehlt fie Robert, in feine Heimat zurückzukehren und fie Hier fterben gu laſſen. Robert aber erflart, bet ihr ausharren 3u wollen, und um feinen Muth gu zeigen, ſtürzt er fic) auf das in einer alten Mauer im Hintergrunde befind- lide gropfe Thor und führt gegen dasfelbe gewaltige Stöße. Das Chor fpringt frachend auf, die Mauer bricht zuſammen und man erblidt nun auf einem Felfen ben Knappen mit dem Beil, neben ibm den Blo. Cin gweiter Knappe verfiindet ber troftlojen Luitgarde, bag Oswald feit einer Stunde tort fei. Gntfcdloffen, ihrem Gatten in das Grab ju folgen, flimmt fie auf ben Felfen, legt thr Haupt auf den Blod und erwartet ben Todesſtreich.
Da wird Oswald, gefeſſelt und mit verbundenen Augen, daher gebracht. Man nimmt ihm die Binde weg, und als er Luitgilden erblickt, entwindet er ſich den Armen ſeiner Häſcher, eilt auf den Felſen, ſtürzt den Henker in die Tiefe und ſchließt ſein Weib in die Arme. — Die kaum Gerette⸗ ten ſehen fic neuen Gefahren preisgegeben. Bon allen Seis ten ergießen fid) Waſſerſtröme und drohen, fortan anſchwel⸗ fend, allem Lebenden ben Untergang. — Gin Donnerfdlag und bie Felfen ſtürzen zuſammen, an ihrer Stelle erfceinen Roſenbeete, die Wafer verlaufen fic. Nun erfdeint Graf Schwarzberg mit Gefolge und berubigt das vor feinem Ans bli guriidprallende Paar mit ber Erklärung, daß er felbft ben gangen Zauberſpuk erjfonnen und mittelft Dtafdinerien, unterirdifder Gange, Vermummungen feiner Leute u. f. f. burdgefiibrt habe, um Oswald und feiner Gattin Treue auf
41
tie Probe gu ftellen. Da diefe fich fo glänzend bewährt babe, fo fet ihnen auch ibr Vergehen verjzieben.
Der Oper geht eine Ouverture!) voraus, ein rafch das binbraufendes charalteriftifdhes Tonſtück von unverfennbar Schubert fdem Geprige. Der erfte Act beginnt mit einer Sntroduction, in welder Robert und die Bedienten des Grafen Oswald befchaftigt find. Sm weitern Verlauf gefellen fih einige Bauern dazu, und es entwicelt fic ein lebhaftes Enfemble, womit dieſes erfte Muſikſtück abſchließt. Die zweite Nummer ift ein in Strofenform gebaltenes Trinfs lied Robert's; dieſem folgt ein Duett zwiſchen Oswald md Luitgarde, eine Arie ber legteren, ein Quartett (Oswald, Robert, ein Bauer und die Wirthin), eine Ba f- arie bes Bauers, ein Terzett (Oswald, Robert und die Within), eine Arie ber Wirthin und ein Lied Oswald’s. Rad diefem beginnt ber Geifterfpul und ein Enfemble, an weldem fic Oswald, Robert, eine Amazone und vier Statuen betheiligen*). Die Scene verwandelt fic) fodann in ten antifen Tempel mit bem Grabmal, und eine Arie Ros bert's ſchließt den erjten ct >).
*) Diefe Ouverture wurde als Cinleitung gu Schuberts Operette: Der häusliche Krieg” (bie Verſchwornen) in einem Gefellfdaftscon- certe in Wien am 1. Marg 1861, wahrſcheinlich gum erften Male sffent- lich aufgeführt, und ift wobl bas eingige bis jest befannt gewordene Ruſikſtück viefer Oper.
2) Das Cingreifen ber Statuen in ben Gefang bezeichnet jedesmal dern⸗ und Pofaunenbegleitung.
3) Derfelbe wurbe am 11. Jänner 1814 beenbet.
42
Der gweite beginnt rer Situation gemäß mit einem dit- fteren Vorfpiel (Grave D-moll $). An dieſes reihen fic Recitativgefange Robert’s und Luitgarden’s und eine Arie bes erfteren an. Aus ber Ferne ertint fanfte Muſik '), die immer näher heranfommend in einen mit bem vollen Lärm⸗ apparat tiirfifdher Muſik ausgeftatteten Marſch übergeht. Sungfrauen erſcheinen mit Lauten, Flöten und Cimbeln, ihren Gefang (ein Strofenlied) begleitend. Bald aber ändert fic bie Gituation; bem Triumphmarſch folgt ein Trauermarſch, an welden fic ber Chor der Männer und Sungfrauen ane ſchließt. Ein Enfembleftid (Oswald, ber Knappe, die Schone, der Sclave und der Chor) beendet dieſen Act *).
Der dritte enthalt nur zwei Muſikſtücke: Cin Terzett (Oswald, Robert, Luitgarde) und einen S dh lugd or. Vollenvet wurde die Oper am 14. Mtai 1814. Bu öffentlicher Auf⸗ führung ift fie nie gelangt. Schubert bat iibrigens diefes Rauberfpiel in demfelben Sabr nod) einmal componirt, und foll dieſe zweite Bearbeitung eben jene gewefen fein, mit welder er feinen Lehrer Salieri itberrafdte?). Bon den
') Andante con moto F-Dur 4, von Oboe, Slarinette, Gorn und Fagott getragen.
2) Schubert vollendete die Gompofition am 16. Marz 1814.
3) Der erfte Act, in ber Originalpartitur 128 Seiten ausfüllend, wurbe am 3. Geptember, ber bdritte am 22. October 1814 bearbeitet. Ynwieweit bie zweite Bearbeitung fich von der erften unterſcheidet, bin id nicht im Stande anjugeben. Die Ouverture ift bet beiden diefelbe, nur ift im bie [pater entftandene als Mittelſatz (Largo) bite Mtufil gum Geifterfpuf aufgenommen. — Der mufifalifde Theil der beiden Beare beitungen ift mir nidt naber befannt geworben.
43
bret Acten find nur ber erfte und der legte erhalten, der jweite tft ber Vernidtung anheimgefallen *).
Sn den legten Tagen des Jahres 1814 madte Schubert bie Befanntfcdhaft eines Dtannes, gwifchen weldem und ihm fi balb barauf ein Verhältniß eigenthiimlicder Art bilben und befeftigen follte, welches, wenn man die beiden Perfinlid- feiten in Betracht zieht, in biefer Weife faum feines Gleiden gebabt bat. Sener Mann war der durd) feine poetifden Let- ſtungen und fein tragiſches Lebensende betannte Dichter Mahrbhofer.
Sobann Mahrhofer*) wurde am 3. November 1787 — mithin beinabe ein Decennium vor Gdubert — in Stadt Steyr in Oberöſterreich geboren. „Aus demfelben Füllhorn“, fagt Ernſt Freih. v. Feudtersleben, „welches jenes herr⸗ fide Land mit allen Reizen ber Natur überſchüttet hat, fielen and bie Blumen auf feine Wege, die fein Leben ſchmückten. Las Gefiihl fiir die Schinbheit ber Welt war feine eigent- lide Muſe, die ihn auf dem dunflen Lebenswege geleitete, femme erjte Grinnerung, und die ihm am längſten treu geblies fen ift. Gr abfolvirte die Ghmnafialftudien und fobann tie philejofijden im Lyceum zu Ling. Auf feines Baters Wunſch, rer ihn zur Theologie beftimmt hatte, trat er als Rlerifer in vas Stift Sct. Florian, wo er bret Sabre
*) Das Autograf befigt Herr Jofef Hikttenbrenner, dem es Schu⸗ bert an Zablungsftatt einer kleinen Geldſchuld als Cigenthum überließ. Rit tem 2. Act heizten bie Hauslente bes Herrn Hilittenbrenner im Jabr 1848 ben Rimmerofen!
2) Die hier folgente Schilberung Mayrhofers ift Mittheilungen ber Herren v. Feuchtersleben, Franz v. Schober unb v. Gaby ent- nenmen.
44
bindurd) verblieb und fic) wabrend diefer Zeit viel mit alten Spraden befdaftigte, deren Kenntniß ihm in feinen fpateren Beftrebungen ſehr zu Statten fam. Nachdem er bereits bas Moviziat abgelegt hatte, entſchloß er fich, feinem bisherigen Beruf zu entfagen und in Wien die Rechte gu ftudiren, die er denn aud, Dank der ibm eigenen Beharrlichkeit, mit beftem Erfolg abjolvirte. Hier nun war e8, wo fein Streben eine entjdiedenere Richtung und feine poetifdhe Productionstraft (ebendigere Smpulfe erbhielt. Dem bisher faft ausſchließlich nad innen gewendeten, einfamen Autodidakten that fic) eine bebeutende, reiche Außenwelt auf, die, in Verbindung mit bem ihm innewohnenden Ernſt und fittliden Gebalt, nur Er⸗ freuliches wirken fonnte. Bald ſchloß er fich ftrebenden, fribe licen und mannigfach begabten jungen Dtannern gefellig an, und es entwidelte fic) ba eine Geite feines Wefens, die frither bet einer Art jugendliden Cinfiedlerthums nie recht herausgetreten war, eine gemüthliche frohe Laune von der beften fernbaften SQualitat. Sie mar ein Clement in ber Gomplezion dieſer ernften tüchtigen Natur, und ift auch {pater nicht ganz von ihm gewicen, wenn fie fich gleich allmilig mehr verbarg und jenen minder ſchuldloſen Charafter annabm, ben er felbft als ka uſtiſch gu begeichnen pflegte. Wurde aber ber Wit in ihm feltener, fo wirlte er, wo er bhervorbrad, nur um fo ſchlagender.“
„Das in feinem Nachlaß vorgefuntene Gedicht „Mephi⸗ ſtofeles“ drückt dieſe gemüthliche Bitterkeit vollkommen aus. Es iſt die Stimmung, die einen tüchtigen Menſchen befällt, der gern mit andern des Lebens froh werden möchte, und nun ſehen muß, wie dieſe ſich das Leben verderben und ihm dazu. Für ſolche Stimmungen erfand er ſich eine Dichtungs⸗
45
form, bie er ,Germone” nannte, und worin er feine Galle fiber baSjenige ausließ, was an den Menſchen gemein und fiir ign verletzend war. Denn fo derb fein Charafter auf der einen Seite, fo fittlidh-gart bis zum Krankhaften war fein Gemiith auf ber anbern. Gr hatte barin eine grofe Aehnlichkeit mit bem Berfaffer von Dia-Na-Sore Wilhelm Mtehern'), der iberhaupt auf Mayrhofer am bleibendften einwirkte. Beide machten an die Welt und an fich felbft ibertriebene Anſprüche mb 3erfielen dadurch mit fic) unb ber Welt; beide waren gleich rechtlid) und gleich bypochondrifd, nur dag Mayrhofer fic) burch poetifde Geftaltung mit ben Dingen der Augenwelt eher abzufinden wußte“.
„Dieſen Vorzug verdankte er ganz hauptſächlich dem Cin- fluſſe Goethe's, der ihm in jener Epoche zum größten Heile gedieh. Er lebte noch jene Zeit mit, in welcher neue Werke des Dichterfürſten erſchienen und auf das Publicum wirkten. Ihm war übrigens dieſer gerade damals alles, als die Welt anfing, ſich vom Dichter abzuwenden, und der nicht mehr verſtandene Goethe intereſſirte ihn mehr als der allbewunderte. Ward ihm Goethe auf dieſem Wege nützlich, ſo war dagegen
1) Meyern (Wilhelm Friedrich), geb. 1762 zu Ansbach, ſtudirte in Altdorf die Rechte, verlegte ſich aber nebſtbei auf andere Wiſſenſchaften. Gr trat als Artillerie-ientenant in öſterreichiſche Dienſte, folgte 1807 der õoſterreichiſchen Gefandtidaft nad Gicilien, in fpaterer Zeit fener in Rom md Madrid und wurde ſchließlich der Bundes - Militar-Commiffion in Frankfurt amt Main beigegeben, wo er 1829 ftarb. Gr galt als ein Rann von Geift und feltenen Kenntniffen, ben jedod feine Abgefdloffen- eit und Unfähigkeit, and dem äußerlichen Leben einen Werth beizulegen, verhinderten, eine entipredbende Lebensſtellung einzunehmen. Gein wun⸗ derlicher Roman Dia-Na-Sore (1787—1791) fand großen Beifall.
46
Herders Art, Alles im Grofen und Ganjen angufdhauen und bie Clemente bes Weltalls in Cinem Glauben und Giner Religion verfdhnend gu einigen, feiner Denkart am anges meſſenſten“.
„Wird nun nod Feßler!) genannt, deſſen ahnungsvolle Betrachtungen über Muſik, Weiblichkeit, ethiſche und reli⸗ giöſe Simbolik in dem Buch: „Rückblick auf meine ſiebenzig⸗ jährige Pilgerfahrt“ wohl geeignet waren, ben eigenen Ans ſichten Mahrhofer's einen gewiſſen Nimbus gu verleihen, fo dürften die Hauptmomente angegeben ſein, welche in der erften Bildungsperiode entſcheidend auf Mayrhofer ein⸗ wirkten. Im Zug der letzten Denkreihen gelangte er dann bis zu den fabelhaften Büchern, die dem dreimal großen Hermes zugeſchrieben werden, und über deren Inhalt er ſich in den abenteuerlichſten Geſprächen ergehen konnte“.
') Feßler (Ignaz Aurelius), 1756 gu Czurendorf in Nieder⸗Ungarn geboren, trat 1773 in ben Kapuzinerorden, und wurde 1783 Profeſſor der orientaliſchen Sprachen an der Univerſität in Lemberg. Da er zu⸗ gleich Freimaurer geworden war, verließ er den Kapuzinerorden. Sein im Jahre 1787 in Lemberg aufgeführtes, als gottlos verſchrieenes Trauer⸗ ſpiel nöthigte thn zur Flucht nah Schleſien. 1791 trat er zum Prote⸗ ſtantismus über, lebte dann (1796) in Berlin, wo er mit Fichte die Humanitätsgeſellſchaft ſtiftete. Im Jahre 1806 verlor er das ihm ver⸗ liehene Amt eines Conſulenten für die katholiſchen Provinzen, und ging 1809 als Filoſofie⸗Profeſſor nach Petersburg. Des Atheismus beſchul⸗ digt und ſofort des Dienſtes entlaſſen, überſiedelte er nach Wolsk, um daſelbſt philantropiſche Ideen zu realiſiren. 1817 wendete er ſich nach Sarepta, dem Hauptſitz der Herrenhuter, wo er in ſeiner Weiſe wirkte. 1820 wurde er Superintendent, 1833 Kirchenrath in St. Peters⸗ burg, und ftarb bafelbft 1839. Gein abenteuerliches Leben beſchrieb ex in bem Bud: „Rücblick auf meine 70jährige Pilgerfdaft”. (1826.)
47
Solder Art war ber wunderlice Mann, der im Fabre 1814, alfo im 27. feines Lebens, gu dem damals achtzehn⸗ jabrigen Gchubert in ein geiftiges Verhältniß trat, bas in Mahyrhofers Leben den Mittelpunkt ausmachte, und mehr als alle anbderen Borfommniffe ben Dichter in ihm zur Reife brachte, — ein Verhältniß, welches, da Schubert ein mufi- kaliſches Genie war, in feiner Art eben einzig daftebt.
„Meine Bekanntſchaft mit Schubert,” fo erwähnt Mayr⸗ hofer in ſeinen Aufzeichnungen, „wurde dadurch eingeleitet, daß ihm ein Jugendfreund mein Gedicht: „Am See“ zur Compo⸗ fition übergab. An bes Freundes Hand betrat Schubert das Zimmer, welches wir fünf Sabre ſpäter (1819) gemeinſam be- wohnen follten. Es war in einer diiftern Gaffe. Haus und Ge- mad haben bie Macht der Zeit gefiihlt, bie Decke ziemlich ge- jenft, das Licht von einem grofen gegeniiberftehenden Gebäude beſchränkt, ein iiberfpieltes Clavier, eine ſchmale Bücherſtelle — fo war ber Raum, welcher mit den darin zugebrachten Stun- ben meiner Crinnerung nidt entfdwinden wird '). Wie ber
1) Das bier erwähnte Haus, in weldhem Mayrhofer und Schubert wwet Sabre hindurch zuſammen wobnten, ftand in ber Wipplingerftrafe mb trig bie Nummer 420. ,,Der Dichter und der Tonſetzer“ (wie die berden Muſenſöhne nad bem Titel einer damals beliebten Operette von ben Greunden genannt wurden) batten ihr Zimmer im britten Stod, mad waren Miethleute ber Fabaftrafifantin Sans ſouci, Witwe eines franzofifden Emigranten. Herr Sofef Hilttenbrenner wobhnte um diefelbe Ret in bem namliden Haus (bei einem gewiffen Irrſa) und bezog fpater bas von M. unb Sd. bewohnte Zimmer, dasfelbe, weldes Theodor Körner wibtend feines Aufentbaltes in Wien innegehabt hatte. Frau Sansfouci (um fpateren Gabren an ben Gefangnifwarter Jaworel verbeirathet) gab fidh viele Mühe, bie Wirthſchaft ihrer betben Zimmerberren in Orbnung
48
Friibling bie Erde erfchittert, um ihr Grin, Bliithen und milbe Liifte gu fpenden, fo erfdpiittert und beſchenkt den Men⸗ ſchen bas Gewabhrwerden feiner probductiver Kraft; denn nun gilt Goethe's:
Weit, hock, herrlid ber Blick
Rings in’s Leben hinetn,
Von Gebirg gu Gebirg
Schwebet ber ewige Geift
Ewigen Lebens abndevoll.
Diefes Grundgefiihl und die Liebe für Didtung und Tontunft machten unfer Verhältniß inniger; ich dichtete, er componirte was ic) gebdichtet, wovon vieles feinen Melodien Entſtehung, Fortbilbung und Verbreitung verdankte“.
Seon im Sabre 1815 wurde Mtayrhofer durch diefes gemeinfame Streben zu größeren dichteriſchen Verſuchen auf⸗ gemuntert. Er verfaßte zwei Opernterte, bon welchen Schubert den einen, „Die beiden Freunde von Salamanca“, in Mufilk ſetzte, der andere „Adraſt“, fic) im Nachlaß bes Dichters vorfand.
Sn den Jahren 1817 und 1818 verband ſich Mayr⸗ hofer mit einigen Freunden (Spaun, Renner, Ottenwald, Kreil') u. f. w.) gur Herausgabe einer Zeitſchrift, welche bie Förderung echt menfdliden und zugleich vaterlandifden Ginnes bei den Giingeren gum wed hatte, und bon welder unter bem Titel: ,Beitrage zur Bildung fiir Jünglinge“ (bet Harter in Wien) zwei Bände erjdienen.
gu halter. Das Haus Mr. 420 — aud barum merkwürdig, weil ein- ftens bie 8ufammentiinfte ber Sacobiner in demfelben ſtattfanden — hat in ben Bierjiger-Jabren einem Neubau Platz gemacht.
1) Von dew beiden Lewteren wird fpater (1819) bie Rebe fein.
49
Die Gefühle, welche in der kurz vorher abgeſchloſſenen denkwürdigen StriegSepoche jeden Deutſchen ergriffen, batten fi aud) Mtayrhefers bemachtigt. Patriotiſcher Sinn, der fic nit ten Strealen von Humanitit und Selbftbegliidung durch ten Glauben an eine in Natur und Gefdidte ſich offenbarende Berjehung verbant, fammelte feine Strablen gu bem letzten Gejtirn, bas von nun an die immer dunfler werbdenden Pjare res gemiithsfranfen Dichters noc erleuchtete.
Dem Studium ter Alten fag er mit Cifer ob. Bon emem Berfuch einer Ueberfegung Herodot’s fanden fich in bem Nachlaß Fragmente vor; auch an Horaz übte er feinen Geift, die Steifer aber blieben ihm Vorbild. Jemehr fich übrigens diefe und finlide Anſchauungen ber Gegenwart gegeniiberftellten, defto dichter woben fie ben Schleier, der feine Seele umfing. Das Eturinm ver Gefdidte, in welches er ſich durch thatige Theilnahme an den öſterreichiſchen Jahrbüchern und an Hors mapers Archiv verfenfte, mar der befte Wbleiter dafür; auc wufte ber tüchtige Dtann ben inneren Wirren einen fraftigen Lamm entgegenjuftellen — angeftrengte Beruftsthatigfeit. Rayrhojer wurte als Beamter bei der Cen fur behidrde m@ajejtellt und übte als Regierungs-Coucipift und Bücherrevi⸗ ft feine Pflicht mit fo ängſtlicher Gewiffenhaftigteit, daß es neh ſchien, er fuche den Zwieſpalt zwifden Sdeal und Leben, ten er früher in glücklichen Stunden turd poetifdes Schaffen @sinaleicen fähig war, nunmebr durch grillenbafte Bflidt- erfüllung zu befeitigen’).
Bauernfeld gibt (in bem „Buch von uns Wienern in luſtig⸗ge⸗ mbdliden Reimlein“ von Rusticocampius) folgendes Bild von bem Centering :
% Lreißle, Franz Schubert. 4
90
3m Sabre 1819 wurte er Schubert's Zimmergenoffe, bei Frau Sansfouci, und blieb es bis in bas Jahr 1821, in weldem
Halbvergeffen ift aud jener Miener Didter, hieß Mayrhofer; Viele feiner Poefien
Componirte fein Freund Schubert. Eo bie ziimende Tiana
Philoftet und mande andre; Waren tief ideenreich
Aber ſchroff, — ſowie ber Dichter. Kränklich war er und verbrieflid, Floh ber heitern Rretie Umgang, Nur mit Stutien beſchäftigt; Abends labte ibn tas Whifiſpiel. Go mit lteren Herren ſaß er,
1: Mit Beamten, mit Pbiliftern, Selbft Veamter, Vider-Cenfor Unb ter firengfte, mie es bieg. Ernſt tar feine Miene, fteinern, Riemals lächelt' over ſcherzt' er. HleHt uns lofem Volt Refpelt ein, Go fein Wefen unt fein Wiffen. Wenig fprac er, — was er fagte, War betentend; allem Tändeln War er abgencigt, ten Weibern Wie der leichten Belletriftit.
Nur Muſik fonnt’ ibn bisweilen Aus ter fiumpfen Starrbheit löſen, Und bei ſeines Schuberts Liedern Da verklärte ſich ſein Weſen. Seinem Freund zu Liebe ließ er Sn Geſellſchaft aud ſich locken, Wenn wir Poſſen trieben, ſab ihn Stumm dort in der Ecke bocken.
51
legterer aus dieſer Wohnung fort in Schobers nahegelegene Be⸗ hauſung (Landskrongaſſe) überſiedelte. „Während unſeres Zu- ſammenſeins,“ ſagt Mayrhofer in einem Tagebuchsaufſatz *), „konnte es nicht fehlen, dag Eigenheiten ſich kundgaben; mm waren wir jeder in dieſer Beziehung reichlich bedacht, und die selgen blieben nicht aus. Wir nedten einander auf manderlei Art und wendeten unfere Kanten zur Crbheiterung und zum Beha⸗ gen einanbder 3u*). Seine frohe gemiithlihe Sinnlichkeit und mein in fic) abgefdlofjenes Wefen traten ſchärfer hervor und gaben Anlaß, uns mit entfpredenden Namen 3u bezeichnen, als ipielten wir bejtimmte Rollen. Es war leider meine eigene, die id ſpielte.“
3m Jahre 1824 gab Mayrhofer auf Drängen jfeiner areunve (bet Bolle in Wien) im GSubjfcriptionswege ein Bändchen Gericdte heraus, die jedod) bet den damaligen der vorif, zumal der dfterreichifden, ungiinjtigen Gerbhaltnijjen nar geringen Wnflang fanren®).
t In Hormayer’s „Archiv“ abgedrudt.
71 Ein Lieblingsfder; Mayrhofer's beftand darin, daß er plötzlich mit zuounetartig gefälltem Stod auf Sdubdert logging, diefem mit fatyrifchem vite und im oberöſterreichiſchen Dialect surufend: „Was halt mic penn c:, du floaner Raker” — worauf ibn Sch. mit ben Worten: „Waldl, wilder der añer!“ — zurückwies. Gahy war mehrmals Zeuge diejer Scenen.
»Unter den Subjcribenten finden ſich bie Namen: Juſtina v. zrüchmann, Endres, Gaby, Groß, Hölzl, Hönig, Hittten- erenner, Renner, Kreil, Sophie Linhart, Ottenwalt, Caroline Bidter, Pinteries, Sansſoueci, Freih. v. Schlechta, von Sroder, Moritz Schwindt, v. Sonleithner, Spaun, Vogl, Settereth und Witteczek; — Perfonen, die auch mit Schubert mekx eder mentger tn Verbindung ftanben. — Sn der alten Ausgabe te Mayrboferſchen Gedichte find bie von Sch. componirten durchweg
eaibalten, wabrenb fie in ber neuen Ausgabe, mit weniger Ausnabmen, ieblen. 4*
52
Von Schubert trennte ihn in den folgenden Jahren „der Strom der Verhältniſſe und der Geſellſchaft, Krankheit und geänderte Anſchauung des Lebens. Doch was einmal war, ließ ſich ſein Recht nicht nehmen.“ Nach Schubert's Tod betrat er an dem Tag, an welchem für dieſen das Requiem abgehalten wurde, wieder jenes Haus, in welchem er in frü⸗ heren Jahren ben Freund fo oft aufgeſucht hatte. Bu dich⸗ teriſcher Production regte es ihn ſeit bem Hingang des lies derreichen Sängers immer weniger an. Dazu kam noch die Aufopferung an das reale Leben, die ihn der Muſe für lange Beit entfremdete. Bei Goethe's Tod erklangen die ver⸗ ſtummten Saiten noch einmal wieder.
Im Jahr 1835 unternahm er einen Ausflug nad Salz⸗ burg, Gaſtein und in bas Fuſcher-Bad, und kehrte aus die⸗ fem fo geftarft zurück, daß er ben Blan zu einem epifder Gedicht ) entwarf. Das Leben fchien ifm nocd einmal wie- derkehren 3u wollen. Es war aber nur das legte Aufflackern der jterbenden Flamme. Der alte Dämon des unglitdliden Mannes, die Hypochondrie, nahm wieter Befig von dem Dafein, bas ihm verfallen war, und führte am 5. Februar 1836 3u jener Ratajtrofe, welde den Faden feines Cebens gewaltfam entzweiriß 7).
) , Der Bogelfteller”, in ber neuen Ausgabe ber Gedichte enthalten.
2) Ginmal fam er frühen Morgens Ins Bureau, begann 31 ſchreiben Stanb bann wieder auf — die Unruh Ließ ibn nicht im Bimmer bleiben. Durch die düſtern Gange ſchritt er Starr und fangfam, wie in Träumen Der Collegen Gruß nicht achtend
53
Bur Vervollftändigung von Mayrhofer's Charakteriſtik möge noch Folgendes dienen. Sogenannte Litteraten vermied er auf's aͤngſtlichſte. Der unbefangene, geſunde, kräftige Naturmenſch war ihm der liebſte. Die Späße eines derartigen witzigen Menſchen, der einer luſtigen Abendgeſellſchaft angehörte, trug er des Morgens darauf in ſein Tagebuch ein, wo ſie unter Young’s „Nachtgedanken“ und Herme’s „Trismegiſtos“ ihren Platz fanden. Seine Haushaltung war höchſt einfach, an Mäßigleit und Entſagung glich er einem Stoiker. Einige
Stieg er nach ben obern Raͤumen.
Steht, und ſtiert durchs offne Fenſter.
Draußen wehen Frühlingslüfte,
Doch den Mann, der finſter brütet,
Haucht es an, wie Grabesdüfte.
An dem offnen Fenſter kreiſelt
Sonnenſtaub im Morgenſchein,
Und der Mann lag auf der Straße
Mit zerſchmettertem Gebein. (Rusticocampius.)
Nach einer Mittheilung von M's. damaligem Amtsvorſtand (dem derzeit penſ. Herrn Regierungsrath Hölzl), hatte ſich De. ſchon früher einmal in einem Anfall von Schwermuth in bie Donan geſtürzt, war aber herausgegogen und bem Leben wiedergegeben worden. Den Freun⸗ bn, die ibm Vorwürfe machten, antwortete er apathiſch: er hatte nicht gedacht, daß bas Donauwaffer fo wenig falt fei. — Unmittelbar vor ber fe Sten Rataftrofe fam er frithzeitig in bas Amt, trat fodann gu einem Seamten, ben er um eine Prife Tabak erſuchte, und begab ſich in bae obere Stockwerk bes Amtsgebaubdes (am Laurengerbergl), von wo er fid herabftiirgte. Gr brad bas Genid, lebte aber nocd 40 Stunden. Uebri- gen@ bat ibn damals nicht Lebensüberdruß, fonbern die fortwabrenbe Angft vor ber Cholera gu bem verzweifelten Schritt getrieben. So wenigftens bebaupten Herr Hölzl und der Kunſthändler Herr M. Beer Mann in Wien.
54
Bücher, eine Guitarre und bie Pfeife bildeten ſeinen Haus- ſchmuck, ein furjer Schlaf nad Lifd und ein Spagiergang feine Geniijfe. Einfach bis yur Vernachläſſigung war fein Anzug. Seine Beſchäftigungen fehrten Cag fiir Lag in ders felben Ordnung und mit derfelben Pünktlichkeit wieder. Seine äußere Reprafentation hatte etwas Starres, wie dies Einſamen oft eigen iff. Unbeugfamer Ernft wurde von grel- lem Lachen unterbroden. Gein Gang war feft, feine Hand⸗ ſchrift ftellte in jedem Buchftaben einen Lanzenſchaft vor. Sein Körperbau war getrungen, mittelgroß, feine Geficdhts- formen wenig bedeutend, cher gemein; nur ver Mund verzog ſich gerne gu cinem bebdententen ſarkaſtiſchen Lacheln; bas Auge bligte ſcharf und weitaus mit Adlerblid. Stolz hegte er nur in feinem Onnern, andere Menſchen überſchätzte er. Beifall war ihm gleichgültig, und wer ihm iiber feine Ge- dichte Schönheiten fagte, beleivigte ibn.
Nad dieſem, von einer glitigen Freundeshand') ents worfenen Bild war Mayrhofer eine ernfte, titchtige, durch und burch jittlide Natur, welche aber von einer nicht gerins gen Dofis von Pedantismus und Sdwerfalligheit eingefdrantt und niedergebalten wurde. Cin Vergleich mit dem Naturell Schubert's, welches im Verlauf diefer Oarftellung gefdildert werden wird, ligt auf ben erften Blick die Cigenfdaften ers fennen, welche fie gemeinjdaftlich batten, fomie aud) bie ges genfeitigen Ranten, die fic) bei ihrer Berührung reiben und abftofen muften. Wie fehr fid) Schubert von ben poetifden Gebilben Mayrhofer's angezogen fühlte, bezeugen die vielen
) Feudtersleben. Vorrede zur neuen Ausgabe von Mtayrbofer’s Gedicdten.
55
mb größtentheils bedeutenden Lieder, bie er auf deſſen Gee dichte componirt bat. Dariiber, bag fic) beide werthſchätzten, fann fein Zweifel fein; ebenfo verbiirgt ift es aber auch, daß Franz nicht gerne längere Zeit hindurcdh mit Mayhrhofer allein gu fein liebte, weil diefer, mit beiteren Neckereien beginnend, im weiteren Verlauf zu Reibungen Anlag gab, welche Schu⸗ bert belaftigten.
Mayrhofer hat feinen Gefithlen fiir den gu frith ibm Cntriffenen in mehreren Gedicdten Ausdrud gegeben '); dies fem aber war es befchieren, fo manches poetifche Gebilde des Greundes in Tönen 3u verklären, unb das vergdnglichere Bort bes Dichters in feftem Bund mit feinem uuvergangs lihen Lied ber fernen Nachwelt gu überliefern.
1) „Geheimniß“, „Nachgefühl an Franz Sd.” (19. Mov. 1828) mb ,An Franz”, von welchen das erfte und bie gweite Strofe bes gue legt genannten, diefes unter bem Titel: Heliopolis”, von Gd. come pouirt, im Stich erſchienen iff.
III.
(1815.)
Wir treten in das Sabr 1815, Schubert’s achtzehntes Lebensjahr. Dasfelbe erfdeint, was die Zahl der in diefem Reitraum entftandenen Compofitionen anbelangt, als das reidfte. Ueber hundert Lieder, ein halbes Dutzend Opern und Sings fpiele, Ginfonien, Kirchen-, Rammer- und Claviermufif brangen fich ba gufammen, und e8 ijt geradezu unbegreiflid, wober ber in ber Schule und bei Salieri Vielbeſchäftigte bie fififde Beit genommen bat, eine folche Maſſe von Noten⸗ zeichen anf tas Papier binguzaubern.
Unbefiimmert um Form, inneren Gebalt, Lange ober Kürze der Gedichte griff er fiir feine Lieder und Gefange bald nad) umfangreidhen Balladen von Goethe, Sciller, Hilty, Bertrand, Korner, bald nach furjen Strofenliedern ber damals beliebten Dichter Schulze, Rofegarten, Mathiſſon, Klopſtock, Fellinger, Stollberg u. f. f., oder nad ben Gee fingen Ojfian’s, nie verlegen um bas mufifalifde Gewand, in welches er diefelben kleiden wollte. Einige von ben in biefe Zeit fallenden Liedern reihen fich ſchon dem Beften an, was Schubert anf diefem Gebiet gefdaffen; dagegen finden fie unter ber grofen Maſſe aud) folche, bie einen verbalt.
57
nißmäßig geringen Werth haben '). Mit beſonderer Vorliebe wendete er ſich damals der Compoſition großer Balladen zu, mb ,€mma und Adelwold“ — von Bertrand*) — ift wohl bas umfangreichſte Gefangftiid, bas Schubert je niebergefdrieben hat.
Der Reitfolge nach ift pie Ballade ,Mtinona” von Bertrand (componirt am 8. Februar) bie erjte. Oieje Com- Pefition ift ſchon unverfennbar von Schubert'ſchem Geift durchweht und erinnert, namentlich in ber Clavierbegleitung, | an bie Oſſian'ſchen Gefange, von welden einige gu eben biefer Reit entftanden find. Noch mehr ift dies der Fall mit „Amphyaraos“ von Theodor Karner, weldhes große Ge- tidt er in ber unglaublich furzen Beit von fiinf Stunden (wie auf dem Original bemerft ift) in Dtufif fegte. Die Compofition ift bedeutend und verfebhlt nicht pes Cindruces, berm fie von einem tüchtigen Ginger ausdrucksvoll vorge- tragen wird.
Am 7. Suni nahm er Bertrand’s Ballade: ,, Emma und Adelwold” in Angriff. Die gu diefem Gedicht geſchriebene
") Herr Spina befigt bie Autografe von fieben Liebdern, die an em nnd bemfelben Tag (15. Oct.1815) componirt wurden; am 19. Oct. felgten abermals vier Lieder.
2) Wer her Verfaffer ber obengenannten Valladen (Bertrand) ſeinem Etante nach gewefen, und wie Sdubert auf diefe, wie es fdeint, nie im Drud erſchienenen Gedichte verfallen fein mochte, darüber ift mir fetne Eiderbeit geworden. Möglich, daß es Anton Frang Bertrand war, ber bas Duodrama: ,,Pyramus und Thesbe” (Galle 1787) fiir ben Com- peniſten Benda ſchrieb. Die Autografe ber Balladen: „Emma und Abel- welt’, „Minona“, ,bie Nonne”, und „Amphiaraos“ befigt die Ver⸗ lagthandlung Spina.
38
Muſik fillt nicht weniger als fiinfundfiinfzig Seiten im Ma⸗ nufcript aus. Die Compofition zerfallt in viele, durch Tonart unt Rhythmus getrennte Cheile, ijt ftellenweife bedeutend und zeichnet fich durch jene pragnante Charafteriftif aus, bie bet Schubert's Tondichtungen aus diefer eit itberhaupt {chor bervortritt. GCinmal im Bug mit ben Balladen, componirte er (am 16. Suni) die befannte Schauergeſchichte von Hölty: „Die Nonne“;
Es lebt in Welſchland irgendwo
Ein ſchöner junger Ritter, u. ſ. w.
Auch dieſes ausgedehnte Geſangsſtück beſteht aus meh—⸗ reren Theiler, Vor⸗ und Nachſpielen, Recitativen u. ſ. f. und ift mit einer Sicherheit und Freiheit in der Sing- und Bes gleitungsſtimme componirt, welche den Meiſter nicht vers kennen läßt ").
Nach einer Mittheilung des Frh. Joſef v. Spaun fällt in die letzten Tage dieſes Jahres, oder ſpäteſtens in
") Nebſt ben erwähnten Balladen gehören noch „die Bürgſchaft“ (von Schiller), „Die Spinnerin“, „Der Singer”, „Der Rattenfänger“ (von Goethe) und „Der Liedler“ (von Kenner) dieſem Jahre an. — Unter ben anderen (im Gefammt ⸗Verzeichniß enthaltenen) Liedern bee finbdet ſich „Punſchlied“ «von Schiller), deffen Schluß mit jenem in „Lodas Geſpenſt“ ein und derfelbe ift; ferner , Mignon’ Gefang” mit Nr. 4 bezeichnet; Schubert hat nämlich dieſes Gedidt vier Mal als Lieb, außerdem ein Mal als Duett unb ein Mal als Ouintett, componirt; fobann „Der Kampf” (,„Freigeiſterei ber Leidenſchaft“ von Schiller), von weldem nur ein Paar Strofen in Muſik gefest find, und eine ,Smprovifation” von Schiller:
Es ift fo angenebm, fo fif,
Um einen lieben Mann gu fpielen, Entziidenb wie im Paradies
Des Mannes Zauberfraft gu fühlen.
a9
ben Beginn des Jahres 18161) auc nod die Compofition des „Erlkönig“, jenes nächſt dem bald darauf entftandenen „Wanderer“ populärſten Liedes von Schubert, welches ſechs Sabre ſpäter den Ruf desſelben zuerſt begründete und in furzer Beit Gemeingut rer ganzen mufifalifden Welt wurde. Schubert ſchrieb diefes Lied an einem Nachmittag auf ſeinem Zimmer in tem viterliden Haus am Himmelpfortgrund. Spaun fam eben baju, als fein Freund fic) in Mitte der Arbeit befand. Er hatte das Gedicht in fteigender Aufregung cin Baar Mal durchgelefen, und ba während biefer Beſchäf⸗ tigung auch ter muſikaliſche Inhalt yu vollfommener Klärung gelangt war, withlte er das Yied in jener Spanne Beit auf tas Papier hin, bie eben zur Vollbringung der nur mehr nod mechanifden Arbeit erforderlich) war. Die fertige Com- peſition wurde am Abend desfelben Gages in bas Convict getracht, wo fie Schubert und nach ibm Holzapfel den Freuns ben vorfang?). Da diefe bei der Stelle: „Mein Vater, jest fagt er mid) an“, bedenkliche Gefichter ſchnitten, übernahm es rer Muſikmeiſter Ruczizka, fie über die Zuläſſigkeit der mujifalijden Diſſonanz (die heut gu Tage ſich ganz harmlos augnimmt) aufzuklären und zu bernhigen. Als Vogl mit Schubert bekannt wurde, bemächtigte er ſich ſogleich dieſes fir ihn wie geſchaffenen Liedes und fang es häufig in
— — — —
1) Das Datum iſt ohne Zweifel anf bem Manuſcript angegeben. Dieſes deſitzt Frau Clara Schumann. Das Lied ift übrigens von €&. zweimal componirt worden, bas zweite Mal mit ber, auch in ben Etich übergegangenen Triolen begleitung.
2) Damit entfallen bie mannigfaden Ausſchmückungen, mit welden bie geichäftige Fantaſie die Genefis des „Erlkönig“ zu umgeben wufte.
Privatcirfen, bis er endlich im Jahre 1821 bet Gelegendeit einer im Operntheater veranjtalteten Afaremie ten „Erlkönig“ in bie Cejfjentlichteit einführte ').
) Nad tem Grideinen ted .Griferig* im Std wurde bie Cem⸗ peſitien ur veridietener Weiſe ausgenũtzt Se idrieh Anfelm Hitt en- trenner .Erlféenig- Balzer’, wher welde Krejanirung Schubert etwas nagebalten mur, ant die in ter Muñtzeitung tes befannten Ton dichters unt Schritſtellers Frietrid Anguak Kanne darũber ers ſchienenen Diſticha KH derausichrieb, um fie Herra Ici. Hüttenbrenner, wabrẽcheinlich zur weiteren Witthetlumy an Anielm, ju ñbergeben. Dre Diſtich lanteten :
1. Dae Gefübl. Frege Sug mix, trẽmnt das GerBbl der jerigen Welt aur tem Bem jn? Aatwert: Set th die Meniden geichrürt. fates Me Oerzes binab 2 Reiter. Fragen Sage air. treditder Roz; wad ſtebdu in den Verken des Geethe? Antrwert: Zirelden De ich arc awh: — Exieary — Derrde. ab πα.
X PretsSeelsresece
Retwert: Sure mer mkt wetnged Led sajez ber feat Wei?
Bx Bercheremger der Sdheherthes Ballet or Ecaercenfeos, fer Oubeiee wet az mummies Trarkcipeceer Vhs ef mbt. — Tad Bher Dem Werth ted Reder mace weiictties, eet meer? of tee exe yam Qui exdeter, wecate cur Sere ce tee ob yeur. woot! Seresizer Sumy, chet wot der Siew Wye. eK memes. Nor Inver Went:
b wer Qeanfon im ben. digester Bomex tet Suoccé decter werte.
61
Von mehrftimmigen Gefingen find „Der Morgen⸗ ftern”, „Jägerlied“ und „Lützow's wilbe Jagd“ — (von Th. Rirner) — fowie zwei Dtailieder von Halty, als folde ju erwähnen, welche fiir zwei Singftimmen ober gwei Wald⸗ hör ner componirt find. Aud) dreijtimmige Gefange finden fic ver, wogegen das Vocalquartett beinahe gar nicht vertreten ift. Von ben Lietern aus diefem Jahr iſt beilaufig ein balbes Huntert unveriffentlidt und unbefannt; die bedeutendften ter biefen find jebdenfalls die frither erwabnten Balladen.
Welche erftaunlidben Fortſchritte Schubert's muſikaliſche Entwicklung ſchon um dieſe Zeit gemacht hatte, bezeugen einige Lieder (Oſſian's Geſänge, Mignonlieder), die den Etempel ter Meiſterſchaft an fic) tragen, vor allem aber die Meffe in G, von ibm im März 1815 fiir ben Lichtenthaler pfarrchor, und ,,infonderbeit fiir jene feiner mufifalifden Suz gentfreunte gefdjrieben, tie ebenfalls Schüler des regens chori Holzer gewefen waren“1). „Es ijt dieſe Meſſe eines der getiegenften Kirchenwerke und namentlid) bas Kyrie, Credo unt Agnus Dei von tiefer Conception. 3m grogen Ganzen wurde jie felbjt von den fpdter entftandenen Rirdencompo- fitionen Schubert's nicht mehr iibertroffen. Und dieſes Meifter- werk ijt tie Arbeit eines achtzehnjährigen Siinglings — ter freilid) ein Genie war. Cine gweite Meffe Cin B) *), das erfte Stabat mater (in B) *), ein großes Magnificat
— — — — —
') Rach einer Mittheilung bes Herrn Doppler.
7) Sie ift als op. 141 bet HaSlinger im Stich erfdienen, und wird m Rien ofter als andere Meffen Sch's. aufgefithrt.
) Slr gemifdhten Chor mit Vegleitung von Streid- und Blasi frumenter unb Orgel.
62
und ein Paar fleinere firchlide Diufifitiide’) gehören eben: falls biefer Zeit an. Sm Gebiet ver Kammermuſik {dried er für bie ,Hausmufifanten” ein Streichquartett in G-moll, von weldem ber erſte und der legte Sa fowie ber erfte Theil bes Scherzo reizend, ftellenweife bedeutend gehalten, bie Schubert'ſche Cigenart unverfennbar zur Anſchauung bringen, während der zweite Gag und bas Trio bes britten fic) nod) in ben von Haven beliebten Formen bewegen *).
Die Claviermufif reprafentiren unter anderem *) aud. zwei Sonaten (in C und F), wie es ſcheint, die erjten grad - feren Verſuche in diefer Muſikgattuna, welden aber nad einer furjen Gpanne Zeit eine Reihe fchiner gediegener Com⸗ pofitionen folgte, al8 fpredende Zeugen ber Energie und hoger Begabung, mit welder Schubert auch auf diefem Feld voran- ſchreiten follte.
Damit war aber die Thätigkeit des raftlos ſchaffenden Tondichters nod nicht abgeſchloſſen. Auch die Orcheſtermuſik und die Oper wollten ihren Theil abbefommen, und Schubert fand ned) Diufe, in viefem Jahr zwei Cinfonien und feds
') Es find dies ein Salve regina, ein Offertorium und das zweite Dona nobis 3u ber F-Meſſe (1814). — Das Autograf des erftgenannten (mit bem Datum 5. Juli) befigt Dr. Schneider in Wien.
2) Das Scherzo erinnert in Geftalt und Aushrud an ben energiſch gebaltenen erften Theil bes Scherzo ber G-Moll Ginfonie von Mozart, fiir welche Sch. groge Vorliebe hegte. — Das Mtanufcript des Ouar- tettes befigt der Dtufifoerein in Wien. Herr Joſef Hellmesberger bat es im Sabre 1863 aufgefitbrt.
3) 12 Deutſche mit Coda, 10 Bariationen und CEcoffaijen (Fri. Maria Spaun gewibdmet).
63
Singfpiele, darunter eines in bret und eines in zwei Acten, zu vollenden.
Die Sinfonien find jene in B und D'). Die erjtere ſcheint niemals ju öffent licher Aufführung gelangt 3u fein; von jener in D wurde der letzte Satz in einem Geſellſchafts⸗ concert in Wien (am 2. Dec. 1860) als „ſinfoniſches Frag⸗ ment“ zuerſt aufgeführt und erfreute in hohem Grade durch ſeine Originalität, Friſche und Formvollendung?).
Die Opern und Singſpiele ſind der Zeit der Ent— ftehung nach folgende: Der vierjährige Poſten“ (Mai), „Fernando“ (Juli), „Claudine von Villabella (Juli und Auguſt) und „Die beiden Freunde von Sala— manfa (November und December). Auch ,Der Spie— gelritter”, „Der Mtinnefanger"’*) und „Adraſt“
1) Die Sinfonte in B wurde, wie auf dem, in Hanbden bes Herrn Dr. Schneider befindliden Manuſcript gu erfeben ift, am 10. Decem⸗ ber 1814 begonnen und am 24. März 1815 beendet. Sie beftebt ans ter Sagen: Cinem Largo 4, als Cinlettung zu etuem Allegro vivace, emem Andante in Es 3, einem Menuet mit Trio in Es} und bem finale: Presto vivace in B-Dur 3; die Ginfonie in D (mit bem Datum 24. Mai 1815 auf der Originals Partitur) hat ebenfalls vier Gage: ein Adagio macstoso }, ein Allegro con brio übergehend, ein Allegretto, einen Menuet mit Trio (Allegro vivace D-Dur 3) und das Finale (Presto vivace D-Dur &).
2) Die übrigen Fragmente bilbeten: der erfte und gweite Saw der tragifden Sinfonie in C-Moll (1816) und ba8 Scherzo ber fed8ten in C (comp. 1818).
4) Jn ©. M. v. Webers Biografie (von Max Weber) wird einer Operette gleichen Namens erwabnt.
64
(welche beide legteren fic) aber bis jet nicht vorgefunden haben) dürften in eben dieſe Periode fallen.
„Der vierjabrige Poften", Operette in einem Act von Theodor Korner, wurde am 13. Mai beendet"). Der Inhalt des Stückes ift folgender: Duval war als Feind mit feinem Regimente in ein deutſches Grengdorf gefommen und hatte auf einem naben Hiigel die Wache bezogen. Als bas Regiment weiter marfdirte, vergaß man ihn abzulöſen. Müde vom langen Wachſtehen, fteigt er Abends in bas Dorf herab und vernimmt, dag feine Cameraden bereits fortgezogen feten. Er beſchließt im Dorfe zu bleiben, lernt Käthchen, bie Tochter bes Dorfridters Walther, fennen und heirathet fie. Der Bufall will, pag pasfelbe Regiment nach vier Jahren wieder burd) bas Dorf marfdirt — und damit beginnt das Stück. Duval — befürchtend, bag er alS Ausreigfer vor ein Kriegs⸗ gericht geftellt werden könnte, erfinnt folgende Lift: Gr ftellt fic in feiner Uniform wieder anf jenen Poften, von weldem er nicht abgeldjt worden war, und ta ber Hauptmann, der ign erfennt, ben Goldaten befiehlt, ibn als Deferteur gefans gen zu nebmen, droht Duval, ſich auf das Recht ber Wache ftiigend, jeden, der ihm nabe fommen würde, zu erſchießen.
") Die Original-Partitur ift im Befig des Herrn Dr. Schneider. — Anf bem Titelblatt bes Körner'ſchen Singfpieles findet fich folgende VBemertung: „Die Abfidht bes Didhters war, daß diefes Sing {piel burdgangig wie cin Finale componirt werden follte. Auf dieſe Art ift e8 von Steinafer in Dtufit gefest nnd im Cheater an ber Wier aufgefithrt worden.” — Steinafer (Carl), 1785 in Leipzig geboren, ſtudirte in Wien und fdrich mehrere Operetten, barunter ,Die Be bette’. Er madte, wie Rorner, den Befreinngokrieg mit und ſtarb 1815.
65
Während dieſes Wortwedfels mit dem Hauptmann und der Goldaten erfdeint der General, der, von bem ganzen Her⸗ gang in Kenntniß gefegt, dem vierjahrigen Poften Bardon extheilt unb ihm einen ebrenvollen Abſchied ausftellen läßt.
Das Stiid, gum Cheil in Profa, gum Theil in ge- reimten Verfen verfagt, enthalt neun Gcenen, und Gdhubert’s Mufif dazu, nebſt der ziemlich umfangreiden (56 Seiten im Manufcript augfillenden) Ouverture, acht Nummern. Die Luverture (comp. 13—16. Mai) beginnt mit einem Larghetto (D-Dur §) al8 Ginleitung gu einem lebbaften Gag, welder bis gum Schluß ohne Unterbrechung fortbraujt. Die Ine troduction (Allegretto con moto B-Dur &, comp. 8. Mai) beſteht aus einem Chor ber Candleute, an weldem Kathe (Sopran), Duval (Tenor) und Walter (Bak) im Soloterzett theifnehmen. Auf diefen felgt ein Duett zwiſchen Duval md Käthchen; forann ein Vocalterzett diefer beiden und BWalthers, ein kurzes Recitativ Veit's und eine grofe Gebet-Arie Rathdens!), Cin Marfa, aus der Ferne erténend, und der damit zuſammenhängende Goldatendor (tempo di marcia B-Dur 4, begleitet von Oboe, Clarinette, Hagett, Horn und Trompeten), fodann ein Enfemble und nr Shlug dor mit Soloquartett bilden die noch übrigen Muſikſtücke ber Operette, in welder der gefprodene Dialog cme bedeutende Rolle ſpielt.
‘> Der erſte Theil ber Arie (Adagio Es-Dur 2) iſt von Clarinette, Sern und Fagott begleitet; in dem Allegro affettuoso (E-Moll 2), meldhes mit ben Worten beginnt: ,, Nein, das fannft bu nicdt gebteten”, mtt tie volle Ordhefterbegleitung ein. Die Arie liegt ſehr hod und in idwiertg auszuführen.
v. Kreißle, Franz Schubert. 5
66
Zur Auffithrung im Theater ijt as Singfpiel nie gelangt; ber Golbdatend or, ein munteres, charakteriſtiſches Muſik— ftiid, wurbe im Sabre 1860 in einer Abendunterhaltung bes Wiener ,, Singvereins” mit Beifall zu Gehör gebracht').
Zu Schubert's Convictgenoffen zählte, wie bereits er- wähnt worden, aud Albert Stadler, welder nach bes Erfteren Austritt aus der Anftalt noch in derfelben verblieb und im Sabre 1815 bas gweite Sabr der juridifden Studien abjolvirte. Gr fam mit bem damaligen Licdtenthaler Schul⸗ gebiilfen öfters zuſammen, und ba diefer um jene Zeit von. einer wabren eidenfdaft, Opern zu componiren, befefjen war, und in ber Bhat aud) eine Oper nach ber anbdern in Angriff nahm, machte fid) Stadler anbheifdig, fiir ihn ein fleines Drama zu verfaffen, welches Anerbieten Schubert mit Freuden aufnahm. Go entftand Fernando, ein Sth, in welchem (wie der Verfaffer desfelben jetzt daritber urtheilt) „dem Blig und Donner, Schmerz und Thränen, als Lieb- lingsvorwürfen ſchwärmeriſcher Jugend,“ eine Hauptrofle jus gedacht iſt. Die Muſik dazu wurde innerhalb feds Ta— gen componirt. Schubert erſchien bet Stadler mit der fer—⸗ tigen Partitur?), bie fie denn auch fogleid) durchnahmen.
') Das mufifalifhe Detail der tm Sabre 1815 componirten Sing: fpiele ift mir, eintge Dtufifftiide ausgenommen, nidt befannt geworben. — Die Operette: „Der vierjibrige Poften” ift aud) von Reineke com: pouirt.
2) Auf der Original-Partitur (im Beſitz des Herrn Dr. Schneider)
ftebt gefdrieber : Hernando,
ein Singſpiel in Cinem Aufzug won A.... St... Die Muſik ift vow Franz; Schubert, Schüler bes Herrn Salieri. Cen 3. Juli 1815 angefangen. ren 9. Juli geendigt.
67
Dann ward die Arbeit bei Seite gelegt und weder Dichter not Componift haben fic) mehr darum bekümmert.
Die in vem Gingfpiele (verfakt im Wpril 1815) vor⸗ fommenbden Perſonen find: Fernando be la Porta, Cleonore jeine Gattin, Filipp deren zwölfjähriger Gobn, ein Bauer, ein Sager und ein Köhler.
Die Handlung fpielt in einer rauhen Gegend der Byres naen in ber Nachtzeit und währt bis gum anbrechenden Mergen.
Der Inhalt des Stückes, in welchem ibrigens ber gee fprechene Dialog ') einen viel gréferen Raum einnimmt, alé ver gefangliche Theil, ift folgender: Fernando be la Porta bat den Bruder feines Weibes erjchlagen, weil diefer ihn verfimmberifder Weiſe eines Verbrechens angeflagt hatte, ue ift nach Geriibung dieſer That entflohen. Das Inqui- fitionégerict verurtheilte ten Mörder zum Tod und fegte einen Preis auf feinen Kopf. Cinflugreiche Freunde erwirkten jrater (nach Anfhebung ter Snquifition) feine Begnadigung, wovon aber Fernando, ter fid) in die Pyrenäen guriidgezogen hat und Port als remit verfleibet lebt, feine Runde zuge— tommen ijt. Eleonore, die, überzeugt von ber Unfduld ihres Yatten, ibm bas an dent Bruder im Jähzorn verithte BVer- brechen verziehen, macht fid) mit ihrem Sohne auf, um Fer- nante zu fucben und ihn feiner Familie wiederzugeben. In ter Nabe der Klausner-Hiitte angelangt, werden fie von einem Gewitter iiberfallen; Filipp, im Dunkel fic) verirrend, ver- ett teine Deutter aus den Augen und ruft wehklagend ihren
—
) Das Tertbuch umfagt 42 vollgefdriebene Seiten. 5*
68
Namen. (Beginn des Singfpieles). Oa erblidt er im Hinters grunde einen Wolf fic zwiſchen ben Baumen durchſchleichen unb mit einem Angſtſchrei läuft er davon.
Das Gewitter verzieht ſich; Fernando, als Eremit ge- fleidet, tritt aus der Klauſe. Von Gewijfensbiffen gefoltert, wiederholt er fic) bie legten Worte, welche das Opfer feiner Rache ihm gugerufen. Filipp tritt zu ihm, erzählt ihm fein Scidjal und bittet ihn um Schutz und Hiilfe. In der Ferne fallt ein Schuß. Fernando verjpridt dem Knaben, ihm in feinem Unglück beiguftehen; als er ihn aber weiter um bas Ziel feiner und feiner Mutter Reife befragt, fingt ihm Filipp ein Lied vor, Das er von feiner Mutter gehört, und weldes die von Sernando veriibte Mtordthat zum Gegenftand bat. Diefer erblagt, Filipp aber theilt ifm mit, dag die Mutter dem Mörder vergeben habe, und daß deffen Begnadigung mittler- weile erwirft worden fei. Oa fommt ein Bauer mit einem blutbefledten Tuch, bas er im Geftripp gefunden. Filipp und Fernando ergreift Entfegen, benn fie abnen, daß Eleonore die Beute jenes reigenden Thieres geworden fei, welches fich kurz vorher im Dickicht gejeigt hatte; ber Bauer entfernt fich, Fernando hilt nun mit feiuem Geheimniß nicht linger mehr zurück und gibt fic) feinem Gobne zu erfennen. Beide beflagen Leonorens Tod. Da erfcheint diefe, von einem Jäger und einem Köhler gefiibrt. Fernando gebietet bem Sohne Schweigen; biefer ftiirzt in bie Arme feiner Mutter. Der Kohler, der Sager und Eleonore erzablen nun abwechſelnd, wie der Wolf ſchon barangewefen, Cleonoren zu zerreißen, als er durch die Kugel bes Badgers getroffen und von des Köhlers Art vollends getödtet worden fei. Diefe beiden entfernen fic. Fernando fragt Leonoren, weld) ein Geſchick fie hieher getrieben habe,
und alg er aus ihrem eigenen Munde vernimmt, daß fie dent Mörder vergiehen Habe, eilt er in feine Klauſe, um bald barauf in fpanifder Tracht aus derfelben hervorzutreten. Cleonore, die bereits von Filipp erfabren, dag ber Gres mit Fernando fet, wiederholt das Wort Verzeihung, und em allgemeiner Freudengeſang ſchließt bas harmloſe, faſt klindiſche Textbuch.
Der muſikaliſche Theil des Singſpieles beginnt mit einer Introduction (Largo D-moll 4, nad 12 Tacten in Presto gehend), während welder (im 30. Tact) ber Vorhang empors rollt. Diefe Cinleitung, ein immer heftiger werdendes Gewitter barjtellend, enbdet mit bem Recitativ Filipp’s (Sopran), ter in Klagetönen nach feiner Mutter ruft. Auf diefes folgt eine Ut von Gebet mit Harmoniebegleitung, fodann eine Arie gernanto’s, eine Romanze:) Filipp’s, ein Ouett swifdher Fernanbo und Filipp, eine Arie der Cleenore, ein Duett zwiſchen Fernanto und Cleonore und das Finale, beginnend mit einem Duett zwiſchen ben gulegt Genannten, an welches fid ein Enſemble (Cleonore, Filipp, Fernando, Bauer, Kohler und Sager) anſchließt. Mit einem die Gattenliebe preifenden allgemeinen Freudengeſang endet das Singfpiel.
Aud ,, Fernando” ift nod nie auf einer Bühne aufge- fubrt worden; bas Finale brachte Ferdinand Schubert wenige Sabre nad) Franzens Tod in einem feiner Concerte mit nod) andern Schubert'ſchen Opern-Brudftiiden zu Gehör.
Das dritte, für die Bühne beſtimmte Stück iſt Clau⸗ dine von Villabella, Singſpiel in drei Acten von Goethe.
') Die NRomanze als Strofengeſang fehlt beinahe in keiner ber Sdubert'idden Opern.
710
Der Irhalt desſelben faßt ſich, foweit er den noch erbaltenen expen: Act cer Partitur betrijft, in Folgendem zufammen: Die beidea Brũder Carles und Pedro von Cajtellvedio hatten von threm Sater eine fehr ungleiche Behandlung erfahren. Carlos, ter altere, murte nãmlich feiner rauhen Gemiithsart wegen von dieſem verſteßen, unt treibt fich feit längerer Zeit unter dem Ramen Rugantino als Anfiihrer einer Rauberbande in ten ſiziliſchen Gebirgen herum; Pedro hat nach ves Vaters 2ct ten Alleintejig ver Giiter iibernommen, welcen er germe mit jeinem Bruder theilen wiirde, fobale er ihn mur amsfintig gemacht bitte. Verlebt mit Claudinen, per Tochter Alonzo's, Perm von Billabella, auf welchem Schloß er eben einige Zeit zugebracht Nat &rabichiedet ſich Pedro, da fet Urlaub zu Cade, don Nv Ramilie, um ſeinen Verpflid: tungen am Lofe dot NSrant Rodyulonumen. (Anfang des Sing: fpielet.) Rugantino dat ſeinerſeits einen Anſchlag anf das Schloß von Bada very, aus weldem er Alonzo's fine Nichte Lucinde mit Gewalt ju entführen gerenft. Gin Theil der Vagadunden Halt ju ihm, andere ſchließen fic dem Spießgeſellen Nugautino’s, Bosfo an, um auf Beute an- derer Art audzugehen. (Schluß ves erjten Actes.)
Schubert bat alle dret Acte diefes Gingfpiels in Muſik gejegt. Leirer aber find dem Eigenthümer ver Original: Par: titur) Herrn Joſef Huttenbrenner in Wien, vie legten
') Das Manuſeript trägt ebenfalls tie Aufſchrift: Die Muſik ft vou F. Schubert. Shiller bes Herrn von Salieri, 1815. — Der erfte Act Hat bas Datum 26. Yuli und 5. Auguft als Zeitpunct der Inan⸗ griffnahme und Beendigung desſelben. Schubert componirte daber denfelben in 11 Tagen. — Johann Andra in Offenbach, ber Freund Boetbe's, hat basfelbe Singfpiel 1774 im Muſik gefest. (O. abn
71
zwei Acte anf gleich troftlofe Art mie jene gu „des Tenfels Luſtſchloß“ abhanden gefommen, fo daß man fie als fiir immer verforen anfehen mug '). Oie Muſik bes nod) erbalte- nen Bruchftiides ift zwar liedartig, aber reizend und carats teriftifd gebalten, und bie verloren gegangenen Theile, in weldhen bem Gomponiften mehr Spielraum jur CEntfaltung dramatiſch⸗muſikaliſcher Behandlung geboten ijt, als in dent erften Act, werden fich ohne Zweifel auf gleicher Hobe bes hauptet haben. Schubert felbft bielt etwas auf dieſe Com⸗ pofition, bie er in bem Reitraum von ein paar Monaten amps Papter hinwarf, denn ſchon im November war er mit ter 3weiactigen Oper: ,, Die beiden Freunde von Galamanta” beſchãftigt.
Dem Singſpiel „Claudine“ geht eine Ouverture?) (E-Dur 4) voraus, mit einem Adagio beginnend, das fos tam in einen frifdben Gas (Allegro vivace 4) iibergebt.
Die Introduction bildet ein Terzett zwiſchen Lu- zinde, Alonzo und Pedro von Rovero, an welche fich ein Ch or ter Lanbleute anveiht. Auf dieſen folgt eine von Streich⸗ inftrumenten begleitete Wriette der Luzinde, fodann eine Arie Claudinen’s, eine Arie des Pedro (Tenor), eine Ariette
Mozart ITT. Band S. 79.) Auch Joſ. Dressler (1823 — 1829), Rapellmeifter in bem Leopoldftadter Theater, componirte es.
1) Mit ben beiben Acten ift namlidh, nad Herrn Hiittenbrenners Rittheilung, während feiner Abwefenheit von Wien im Jahre 1848, ten feinen Hansgenoffen eingebeizt worden. Aud die. angefertigte Ropie ift auf diefe Weife zu Grunde gegangen.
*) Cine Copie ber Ouverture befigt Herr Wigendorf in Wien. — Son Reineke eriftirt ebenfalls eine Ouverture zu _,, Claudine”.
ö— — re i ree Rugannne mi Cf
— st is To tie Sermrecttel izitcen :
. wee —— — es - teteer Stor rec im set 8
— os eee Ss nme — 7e cetestre Serre. *
— ee PT, me? se torr cod 1
ö. St So DS I a TST S SSS wt eee
— — — — ae e ay @ — ” ee ~- ..T — © . . ae @& f —_ trintre t . -_-=- Pieermaes = 1 — — ro! Soret tch = . ry . . :_ Be sabewte => = ob he .- Bene . es © Ge. L*y
— oe T 2 Becett tS Vtestise tet > leete
=) Pe | 2 — — ⸗ = . ag - Ep > * - = = oh =, stone ~—~— = aie Oe obs — wb — 2M 3 = —_ - 7 oe . 3 tae eee — a — “1a 49 | — — ——— = ~ — — 2 - ata . — _& “am = See ‘ee eee - — — 2s FR tan = “ms ms = — — —— — = — a Uhdbs —_— - - - — —— © om . — Been *. - ee ee eee - ee — ey «. — = = — — ——— — BPO ere ® — - — a —_— —_ se 2 — —— — © eo @e ote —X "aw = we — — Me were = = =P q — = Sey Oe es -_ e+ om Yes ooh v9 _ - = —— ees eee — ⸗ . » = = - — eee — Pe mrtio rer 8 ⸗— — — — — ewes —R — — = a neat se -~ — — eo Oe 222 te 2 ™= - P . — ⸗ ⸗ te Se ~~. =“ ee - . aL7= - ~~ oo es Pel tee — .- = ant te 2 - ~~ Di “sg SSM ee OL em oz oceter 7”~ — Se OTT Om TCXC. 72c X 2 —8 Tr — —— & = +o 22 — © = . dow ene 24 = — — — oben «ine — — ⸗2 © een. Shee ee — —X e - — ⸗ cr —— — = ad =p & * ee oe ae =. — wi AXA z te . om oe — = cresl NSTI. 2 etmntr wm swumismins wa 2 TT: ~- F — FT — — ae sor Se — - . .-: =~ =e — . =~ “eee Ete ease” = mee — — + 427 watt EE . — 27 — * 2 OT Ler eee Sam 6;EGDOC ) . Omar mrar ex ted 2 es — — = ae _e =e 77 . M 8 —F = . Seems ee tat ahe ih — SS > 22 Sonn =r IABe — = ä . tro. ms AV xmmaer So - _ =. - — = — — ot? — —.. OT ETS TE OO C ate Ore Of
0 et X ots own Secs sci we ved
13:
brit. Don Alonfo haßt den Grafen, und um ihm Olivia’s Beſitz ftreitig gu machen, beftimmt er feinen Sugendfreund Fi- delio zur Ausfihrung folgenden Planes: Diego, beider Freund, foll auf die Grafin fdeinbar einen Raubanfall ausfiibren, Ulenfo und Fidelio wiirden bann zu Hilfe eilen und fic auf tiefe Weife bet Olivia einfithren.
Da nun diefe, don unbeftimmter Sehnſucht getrieben, an cinem einfamen Orte, „wo der Giesbach über Felfen ſchäumt, en tiefes Roth bie Beeren faumt, und holder find der Blu- men Sterne”, umber wanbelt, iiberfallt fie Diego; auf ihrer Hiljeruf ftiirzen bie beiden Freunde herbei, Diego entfpringt, Llivia’s Leute fommen heran; Cufebia, die Vertraute der Grafin, erfennt in Gidelio ihren Geliebten; alles zieht in Subel auf das nabegelegene Schloß. Olivia verliebt ſich in ihren Retter, verzeiht ihm nach erfolgter Aufflarung die Angft, im bie er fie durch ben von ihm veranftalteten Ueberfall ge- fest bat, und beibe werden ein Paar.
Graf Tormes wird von Fidelio zu Cufebia gefiihrt, die et fiir Clivia Halt, und um deren Hand er fic nun bewirbt. Cujebia, in bas Geheimniß eingeweiht, gibt fic nicht gu ers fennen, bis endlich Olivia felbft fommt und Tormes erfabrt, tag er getäuſcht worden fei.
Nebenbei bewirbt fic) Diego, ein junger Juriſt, um des Alkalden Tochter Laura. Diefer iibertragt ihm, nachdem er te Priifung aus ben Digeften gut tiberftanden, mit Cinwil- ligung ver Grafin feine Richterftelle und gibt feine Cinwilligung ju ber gewünſchten Heirath. Wlonfo geht allenthalben leer aus.
Der Oper geht eine Ouverture voraus und biefer felgen achtzehn Geſangsſtücke. Der erfte Act enthalt deren fieben: Cine Introduction alé Ginleitung gu einem Tergett
74
zwiſchen Alenic (Tenor), Diego (Tenor) und Fidelio (Bag); eme Arie des legteren, ein Quartett (die Vorigen und Termes), eine Arie ter Clivia (Sopran), ein Terzett (Olivia, Eujebia unt ein Bauer), ein Duett (Alonfo und Diege und das Finale, ein Enfembleftid, an weldem anger ten Genannten and ver Alcalbe, Laura, der Chor per WRineer und rer Frauen theilnehmen.
Per zweite Act beginnt in anmuthig beiterer Weife. e2 it Beinleie; Binzer mt Vingerinnen find, mit dem Gin: iammmeia ter 2rauhen Lejdhitigt, des Feſtes gewärtig, das ihrer mob ovr Sréva darrt. 2 ad Orcheſter!) jpielt eine Sntroduction um lianidwa Sof Allegretto F-Dur 3.) Der Schaffner tritt unter das BSixzerreſt. um ef zur Arbeit aufzumuntern.
sage max Aes leichciertige Weſen, Succes Die Tranben gelefen, Rat eT nv Suites, Set Kiitern unt Miiien? crit co fem Uütcitern zu: dieſe anhworten im Chor: Weke ſtampfen wit bie Beeren, ‘Gee Het mas gihren, reretein und jum Wein, a= fagen Vinte roth und rein u. ſ. w iner Cbor, ber gum Feſte ruft, ſchließt bie ——— muioliſch alla Pastorale gehaltene Scene. Hot ichſte Muſilſtück ijt ein national⸗charakteriſtiſches ier cdare Guerillas (Bag): Suerias zieht durch Feld und Wald In rauher Kriegesluft u. f. w., getpet nad bem Pinjutreten eines zweiten Guerillas pon dedden wiederholt wird. Darauf folgt cine Arie peg
—ñNN“ s rͤ r ') Bioline, Viola, Cello, Oboe, Fagott und Bag,
19
Zormes, eine Arie des Xilo (Bak), ein Ouett zwiſchen tiefem und Tormes, ein Duett gwifden Diego und Laura, eme Arie der Olivia, ein Duett zwifdhen ihr und Alonfo, cme Rom anze bes Diego, ein Terzett gwifden bem Al- calben, Laura und Diego, eine Arie der Laura und endlid més Finale, an welchem alle Perfonen bes Stückes theil- nebmen.
Auch diefe Oper, in welder übrigens Schubert, ohne ſeine Eigenthümlichkeit völlig gu verleugnen, im Ganzen fic terwiegend bem Stil des Singfpieles ber alteren Come poniften anſchließt, rubt bis 3u dieſer Stunde ungefannt in te@ Tondichters mufifalifcdem Nachlaß.
Nebft ben oben genannten Opern und SGingfpielen find nech: Die Minnefanger", „Adraſt“ und, Her Spies gelritter’ zu ermabnen. Dag Schubert das Singfpiel: Ler Dtinnefinger” (wahrſcheinlich jenes von Rogebue) in Muſik gejegt hat, wird mit Beftimmtbheit verficert'); auc ten ter Oper ,,Adraft*) von Mayrhofer foll Cinzelnes com- renirt fein, es feblt aber bis jest jede Gpur davon. Die treiactige Oper von Rogebue „Der Sypiegelritter mite er rollftindig in Muſik gefegt haben. Bon diefer bat itch ein Bruchſtück vorgefunden?). Der Operntert mthilt Arien, Duette, Cnfembleftiide und Chore, und ift derwiegend von pofjenbaftem Charakter. Der Inhalt des
') werd. Schubert und Vauernfeld erwähnen diefer Oper.
7; Wahbrſcheinlich der Peripathetifer und muſibkaliſche Schriftfteller Mraftrus von Pbilipoppolis. Herr Joſ. Hilttenbrenner bebauptet, daß Coubert einen Chor taraus componirt babe.
*, Ber Ferd. Sdhubert’s Familie. Dasfelbe befigt jest ber Wiener Rujttoerein.
76
Singfpieles, foweit er das mufifalifhe Bruchſtück anbe- langt, fagt fic in Folgendem zuſammen: Pring Almabor, Sohn des Königs von Dummiſtan, bisher in iippigem Hof- leben aufgewadfen, wird von feinem Vater auf Reifen und Abentener gefenvet, auf daß er fich gum Deanne bilbe und Rubmesthaten vollbringe, Schmurzo, bas Stichblatt des Wikes bei Hof, foll ihn begleiten. Als Sinnbild und Wahl: ſpruch iiberreicht ber Zauberer Burrudufafuffi dem Pringen einen blauen Gchild, worauf ein Spiegel mit den Worten: „Der Tugend treu.” Das Spiegelglas hat rie Eigenſchaft, bei drohenden Gefabren ju erbleichen; das Gebeimnif, dak, wenn feine Strablen das Bild Milnis, ber verzauberten Königin der ſchwarzen Snfeln, zurückwerfen follten, diefe von bem auf ihr laftenden Fluch ewigen Hungers erldft werden wilrde, bleibt bem Ritter verborgen. Almador und Schmurzo treten die Reiſe an.
Das aufgefundene Bruchſtück enthalt die Arie des Kö— nigs ), ein humoriſtiſches Quintett des Schmurzo und der ibn neckenden und verfpottenden Damen *); eine Arie*) des Prinzen (Lenor), ein DOuett*) der Eltern bes Pringen (Gos pran und Tenor), ein Enſembleſtück“) mit Chor, eine
) Arie fiir Bag mn C-Dur }:
Der Gonneftrabl tft warm, Dod warmer ift Mutterliebe u. ſ. w.
2) Wir gratuliren Dummfopf u. f. w.
3) Ad eS ift ſchön, frembe Lander gu ſeh'n u. f. w.
*) Wohl ift nur halbe Freube, die Vaterland nicht gab, u. f. w. *) Gin Sinnbild auf bem blanten Schild, u. f. w.
77
Yrie") des Pringen, eine Wrie*) des Zauberers mit Chor ub ein Fragment der Arie bes Prinzen.
Ueber die Entftehung und das Schickſal diefer Oper iſt nichts weiter bekannt geworden.
Alle dieſe in raſcher Aufeinanderfolge entſtandenen Sing⸗ ſpiele ſind in erſter Linie als Verſuche Schubert's anzuſehen, ſich bie dramatiſch⸗muſikaliſchen Formen in kleinerem Rahmen durch Selbſtſchaffen eigen zu machen. Nebſtdem unterliegt feinem Zweifel, bag der Drang, Opernmuſik zu ſchreiben, welchen wir bei fo vielen großen Meiſtern ſchon in früheſter Zeit erwachen feben, auch bet Schubert unwiderfteblich zum Durchbruch gefommen ift, ber freilid) einem derartigen Ver- langen nach feiner Weife burch Mtaffenproduction Geniige zu leiften wußte. Oer muſikaliſche Gehalt diefer Operetten reiht fid wohl nicht bem Bebeutenderen an, was Schubert über⸗ baupt gefchaffen, auch würden diefelben, als Theaterſtücke gefeben, von ber Bühne herab der jegigen Geſchmacksweiſe wabrideinlicd) nicht mebr zuſagen, gumal wenn man die Nate vetat einiger ter benützten Textbücher in Betracht zieht >); antererfeitS aber wire es ein Srrthum, wollte man glau- ben, bag in dieſen Critlingen der dramatifden Muſe Schu⸗ bertS nur tie Schülerhaftigkeit eines — allerdings hoch⸗ begabten — Anfängers zu Tage trete; denn der in Melo⸗
') Shweigt, haltet graues Haar in Ehren, u. f. w. 2) So nimm, du junger Held, Den Spiegel tm blauen Feld. 3) An läppiſchen Opernterten feblt es gwar aud jest nit; aber be Metbode, nad) welder in Unfinn gemacht wird, ift eine andere, — jelgemife geworden.
78
bien unerſchöpfliche, mit ben Gefegen ber Harmonie und ber Kunſt der Snftrumentirung vollkommen vertraute Tondidter, welcher um jene Zeit ſchon mebrere feiner ſchönſten Lieder gefdrieben und bas Zeug in fic) hatte, ein Werk, wie es bie G-Meffe ift, gu ſchaffen, bewegt fic) auch in diefen dra- matiſch⸗muſikaliſchen Arbeiten mit einer Leidtigfett und Si- cherheit in ber Behandlung des vocalen und inftrumentalen Theiles, bak ba von ſchülerhaften BVerfuchen nicht die Reve fein fann '). Gine Auffiihrung ves mufifalifden Theiles der Operetten im kleinen Concertraum würde mand)’ reizendes Stück ju Tage fördern.
Die Luft Opern yu ſchreiben Hat übrigens Schubert mie- verlaffen. Es trat wohl bie und ba eine längere Paufe etn, im Ganjen genommen ijt aber feine Thatigkeit auf diefem Felde eine iiberrafdend fruchtbare, und trogdem, daß in ſpä⸗ terer Beit bie Ungunft ber Theaterverhaltniffe feinen zwei grageren Bühnenwerken die ihnen gewiffermagen ſchon zuge- ficherte Aufnahme in das Repertoir verwehrte, fehen wir bod) den Unermiidlichen noch am Ende feiner Cage abermals mit bem Gedanten an eine neue Oper befchiftigt.
Was von Schubert’s dramatiſch-muſikaliſchen Arbeiten wihrend feiner Yebzeiten auf der Bühne zur Auffithrung gelangte, gehdrt ausjdlieplich dem Melodram und der mujis kaliſchen Poſſe ar.
1) Aus einigen Bruchſtücken, welche mir bekannt geworden find, läßt ſich — bei Schubert — wohl auf das Ganze ſchließen.
— ſ — — — —
IV.
(1816.)
Much bas Sabr 1816 repräſentirt in Franz Schubert's furzem Erdenwallen eine Zeit raftlofen, durch feinen wid tigen Zwifdenfall unterbrocenenen Schaffens, nur dak Hier neben der immer mehr anfdwellenden Liedermaffe an Stelle ter per (welde nur durdh ein Bruchſtück vertreten ijt) tie Cantate, und gwar in der Geftalt dreier ,, Gelegenheits- compofitionen”, in den Bordergrund tritt, von welchen der auf einen poetiſchen Text in Muſik gefegte , Prometheus” uber vie beiben anderen wenig bebdeutenden entfchieden bin- ausragt.
Ler Zeitfolge nad) ijt unter den Cantaten jene als rie erſte vorzuführen, welche Schubert anläßlich des Jubiläums⸗ jeſtes res Hofcapellmeiſters Salieri ſelbſtdichtend in harmloſe Reime brachte und ebenſo anſpruchslos mit Tönen umkleidete.
Am 16. Juni 1816 beging Antonio Salieri den fünf— zigſten Jahrestag ſeines Eintrittes in den kaiſerlichen Dienſt. Dem bevorſtehenden Jubelfeſt hatten er und ſeine Familie ſden lange mit Freuden entgegengeſehen und beſchloſſen, es Mt einer angemeſſenen Feier zu begehen; dieſe jedoch auf
80
eine den Berdienften des Subilaré entipredende Weife gu erhöhen, war fein Monarch ſelbſt bedacht *),
Am frithen Morgen des 16. Suni, desfelben Tages, an welchem Raifer Franz von feiner Reife nad Stalien (zunächſt von dem Schloß Basfenbeng) nak Schönbrunn juriidfebrte, begab fic) Salieri, eingedenf bes erjten Ganges, welchen er am 16. Suni 1766 mit feinem (mittlermeile verftorbenen) Meifter Gaßmann durd) die Stragen der Reſidenz gemadt hatte, begleitet von feinen vier Töchtern, yu einem Dante gebet in die italienijcbe Rirde. Um 10 Uhr Vormittags fand fic) vor feinem Haus (in ber Spiegelgafje Mr. 1154) ein Hofwagen ein, der ihu in bas Hotel bes Oberſthofmei⸗ fters Fürſten gu Trauttmannsdorf-Weinsberg führte. Diefer erfdien mit bem Hofmufifgrafen von Ruefftein im Borfaal und führte Salieri in ein gur Feierlichkeit beftimmtes Gemad, wo ihm nach kurzer Anfprade in Gegenwart ves im Mreife aufgefteliten Hofmufif- Perfonales die große goldene Givil- Ghren-Medaille mit Kette umgehangt wurde. Salieri dantte fiir bie ihm gu Theil gewordene Auszeichnung und ben vers fammelten Künſtlern für ihren Eifer, und nachdem er hulbdvoll entlaſſen worden, fuhr er, da eben Sonntag war, in die Hofcapelle, um dort ſeinen gewöhnlichen Dienſt zu verſehen und die Muſik des Hochamtes (diesmal eine ſeiner Meſſen) zu leiten.
Die Mittagsſtunden füllte ein fröhliches Mahl im Kreiſe ſeiner Kinder und einiger vertrauten Freunde aus. Gegen 6 Uhr Abends verſammelten ſich, einer vorläufig an fie ers gangenen Cinladung jufolge, feine fammtlicen ebemaligen
) ſ. 3. Mofel: „Salieri's Leben.” — Wiener Zeitung 19. Juni 1816.
81
und wirfliden Schiller und Schillerinnen in feiner Wobhnung. Graf Quefftein beehrte die Gefelljdaft mit feincr Gegenwart. Sobald Alles verfammelt war, begann bie muſikaliſche Feier. Galiert, von feinen vier gleichgefleideten Töchtern umgeben, nahm am Clavier Plag. Zur Redhten in einem Halbkreiſe fagen vierzehn theils ehemalige theils noch wirkliche Schülerinnen, näm⸗ id bie Damen: Rofenbaum und Fur (beide geborne Ga fe mann), Correga, Flamm, Kliber, Shik, Milant, Habnel, Canzi, Francdhetti, Teyber, Ferh, Weiß mb Mathes; zur Linken zwölf ebenfalls theils ſchon abfolvirte theilé noch wirflide Schüler, und gwar Sdiller’in der Com- pofition '): Carl Freiherr von Doblhoff, Joſef Weigl, Stunz, Aßmahr und Fran; Schubert. Hummel und Mofdeles, eben auf Kunftreifen abwefend, beſchränkten fid tarauf, ihre Compofitionen eingufenden. Als Schiller im Gee fang erfchienen: Mozatti, Fröhlich, Plager und Gal} mann. Dent Subelgreife gegeniiber waren zwei ausgezeich— nete Plage fiir die beiten oben erwähnten Vorgefesten be- teitet, im Mitte derfelben aber die Büſte Raifer Joſef IL, jeines erjten ,Gebieters und Wohlthäters“, aufgeftellt. Als Serermann feinen Platz eingenommen, fprad Salieri den WAn- wefenden feinen Dank aus, worauf ein die Gefiihle gegen Gott, Laiſer, Baterland, Familie und Freunde austriidender Chor (Text und Muſik von Salieri) gefungen wurde. Gofort began nen feine Schüler in ber Compofition, von dem Siingften anges fangen, einer nach bem anbern, bie von ihnen filr biefe Gelegen= hit componirten Gefangsftiide vorzutragen, nad) welden die Rempojitionen von Hummel und Moſcheles an die Reihe famen.
') Aud ein Lißt findet fidh unter den Schillern aufgeführt. Franz Lift ftand bamals im fedsten Lebensjabr.
r. Rreigle, Franz Sdubert. 6
82
Schubert fand fich zu diefer Feier, wie bereits erwähnt, mit einer von ibm gedichteten und in Muſik gefegten Cantate ein, die er als „Beiträge gur fünfzigjährigen Jubelfeier bes k. k. erſten Hoffapellmeifters Anton Salieri von feinem Schiller Franz Schubert” — bezeichnete.
Die Compofition befteht aus einem Vocalquartett fir vier Männerſtimmen (Adagio B-dur $) auf die Worte :
Giitigfter, Befter!
Weifefter, Größter!
Go lange ih Thränen habe
Unb an ber Kunft mid labe,
Sei beibes Dir gebracht, (geweibht ?) Der beides mir verleibt.
An dieſes ſchließt fic eine Arie mit Clavierbegleitung (Andantino G-dur 3):
So Gut al8 Weisheit firdme mild Von Dir, o Gottes Chenbild. Engel bift Du mir anf Erden, Gern’ midt’ ich Dir danfbar werden,
worauf ein bdreiftimmiger Canon (Moderato G-dur ?) Unfer aller Grogpapa Bleibe nod redt lange da! bie Gantate') abſchließt, welche mehr durch die Gelegenheit, ber fie ibre Entſtehung verdanfte, als burch ihren mufifa- liſchen Werth Intereſſe gu erregen geeignet iſt.
') Die Compofition findet fidh in Abſchrift bet Fof. von Spaun, bet bem Mufifalienbandler Hrn. Wikendorf unb bei Frau Dr. Lampe in Wien. Legtere befigt auch ein Terzett mit Clavierbegleitung auf biefelben Worte, und ebenfalls componirt im Suni 1816, bas von bem obigen Quartett gwar nidt wefentlid, aber bod in Einigem abmeidt.
83
Ungleich bedentender als diefe war eine kurz darauf entftandene, bei Schubert beftellte Compofition, welde vor ben noch lebenden Zeugen ihrer Aufführung einjtimmig als ein ſchönes Werk gepriefen wird, und auch dem befdeidenen Tondichter, der ihr den Empfang des erjten Honorars gu danken batte "), ſolche Befriedigung gewährte, dak er fie, meh⸗ tere Sabre fpiter, 3u sffentlider Aufführung bringen wollte.
Es ijt dies die Eingangs erwähnte Cantate: ,, Brome theus” fiir Goloftimmen, Chor und Ordefter. Mehrere Hirer ber Rechte, unter diefen Graf Conjftantin Widenburg (oſterr. Handelsminifter a. D.) und als Hauptveranftalter Herr v. Managetta) beſchloſſen, den Profeffor der polt- tijden Wiſſenſchaften, Heinrih Watteroth*), an feinem Ramenstag (12. Juli) mit einer muſikaliſchen Feier gu über⸗ raſchen, welche in bem gu feinem Wohnhaus in der Vorftadt Croberg gebsrigen Garten ftattfinden follte. Oer Studirende Filipp Dräxler von Carin (derjeit Hofrath und Kanzlei⸗ Livector des k. k. Oberithofmeifteramtes) dichtete auf Crfu- den mebrerer Collegen während eines Spazierganges durch tie Gebirgsthiler von Baden die Cantate , Prometheus", welche fofort bem ihm perſönlich ganz unbefannten Schubert zur Compofition libergeben wurde. Die Proben fiir bie Aufe führung fanbden in bem Gonfiftorial-Gaal ber Univerfitat ftatt
") Franz erbielt bafitr 40 fl. C. M. (S. Tagebuch.)
2) Vermuthlid der vor Kurzem verftorbene Hofrath Filipp v. Ranagetta.
3) Batteroth war ber Schwiegervater bed beLannten Schubertfreun des v. Bitteczel.
6 *
84
und wurden dafelbft eifrig betrieben. Die Auffiihrung, des ungiinftigen Wetters wegen gu wiederholten Malen verſcho⸗ ben, fonnte endlid am 24. Suli vor fic) geben.
Srl. Maria Lagufius (fpater verehelichte Griefinger, geft. 1861) und Sofef Goetz batten die Solopartien der ,, Gea” und bes ,, Prometheus” iibernommen; Studirende wirkten im Chor und Orchefter mit. Die Anrede an den Gefeierten bielt Graf Widenburg; anf diefe folgte bie Cantate und nod andere Wtufifftiide. Die Aufführung fcheint eine gelungene gewefern gu fein, und ber Gindrud, welchen das originelle, fin inftrumentirte Werk zurückließ, war ein entſchieden giinftiger'). Der bedeutenden Muſik wegen fdlug es Dr.
') In ber Theaterzeitung erſchien wenige Lage barauf folgendes Gedicht von Herr F. v. Schlechta (derzeit jubil. Sectionsdef bes k. k. Finanz⸗Miniſteriums):
An Franz Schubert, als ſeine Cantate „Prometheus“ gegeben wurde. In der Töne tiefem Leben, Wie die Saiten jubelnd klangen, Iſt ein unbekanntes Leben In der Bruſt mir aufgegangen.
In dem Sturmeston der Lieder Klagt die Menſchheit jammernd Ach, Kämpfend ſteigt Prometheus nieder, Und bas ſchwere Dunkel brad.
Mid hat's wunderbar erhoben, Und ber Wehmuth neue Luft
Wie ein fchimmernd Licht von oben Kam in die bewegte Bruft.
Und in Thranen und Entzücken Fühlte id) mein Herz zerſtücken, Jauchzend hatte id) mein Leben Wie Prometheus hingegeben.
85
Leop. v. Sonnleithner fiir bie Concerte des Muſikvereins ver, brang aber mit feinem Antrag nicht durd, ba man „von einem fo jungen, nod nicht anerfannten Tonſetzer“ nichts wiffen wollte. In Gebubert’s letzten Lebensjabren wurde es mehrfach verlangt, fo aud von bem Stift Gitt- weih, wobin aud die Partitur und die von Schubert felbft herausgeſchriebenen Stimmen gefendet wurden. Von dort auf Schubert's Verlangen zuriidgeftellt, da man e8 anderswo hendthigte, wurbe die Cantate in feine Wohnung (damals anf ber Wieden Mr. 694) gebracht, aus welder fie um die Zeit von Schubert's Tod verſchwand und bis jest nicht wie- ter zum Borfdein gefommen ift').
') Aud bas Gedicht ift nicht mebr aufzufinden. — Im Sabre 1842 erließ Herr Alois Fuchs in der Wiener Muſikzeitung einen Auf. mf um Nachricht iiber bie verloren gegangene Compofition, ber aber tefultatlos blieb. Gn ber „Neue Reitichrift fiir Muſik“ Mr. 8 anus bem Sabre 1842 wurbe dieſer Anfruf begogen und baran bie Bemerfung geknũpft: „Wenn bod Me wirkltd vorbanbdenen, nod ungebdrudten Cempefitionen Schubert's erft an's Tageslidt gebracht würden! Go hegt in ber Bibliothek in Berlin eine grofe Oper (Alfonfo und Eſtrella) ven ibmt und in Wien über 50 größere Werle. Es geſchieht nidts vor felbR; bie es angebt follten fic) barum befiimmern, daß die Welt end- hd zur vollen Wiirdigung Schubert's gelange.” — Die Buriidftellung des Prometheus” von Göttweih vermittelte Herr Frühwald, und Dr. Yeop. v. Gonnleithner (welchem id) dieſe Notiz verdanke) ſchickte bie pᷣartitur an Schubert, ber ihn in einem Zettel, ben Frühwald über— trabte, darum erfudt batte. Leiber wurde die Cantate, von welder Schubert felbft bie Stimmen herausgeſchrieben hatte, nicht copirt. Aud tu Innsbruck mar fie gefendet und daſelbſt vom Capellmerfter Ginsbacher zur Aufführung gebradht worden. Im J. 1819 wurde ber Prometheus” im Sonnleithner'ſchen Hauſe gegeben, wobet Dr. Ignaz >. Eonnieithner ben Prometheus fang. Seubert war im Jahre 1816
86
Cine dritte Compofition gleidher Gattung ift die gu Ehren bes Schuloberauffehers Sofef Spendou!) auf Tertworte von Hocheifel fiir Soli, gemiſchten Chor und Orcheſter componirte, unter ber Wuffdrift: Empfindungsdugerungen des Witwmen-Inftitutes ber Schullehrer Wiens fir den Stifter und BVorfteher desfelben (Bofef Spendon) veröffentlichte Cantate 7).
Die Compofition befteht aus Recitativen (fiir Bag), einer Arie, einem Duett und mehreren Chiren.
Das erfte Bagrecitativ (Grave G-Moll 4) ,,Da liegt er ftarr vom Tode hingeſtreckt“ ſchildert, auf den tobten Vater hindeutend, in kurzen fraftigen Sätzen die traurige Lage ber verwaisten Kinder. An dasfelbe reiht ſich der Rlagegefang ber Witwe und der diefen begleitende Chor der fie tröſtenden Kinder (Andante F-Moll 4). Gin zweites Bafrecitativ zeigt auf ben Retter hin, welden das nun folgende Duett der Witwe und Ciner Waifen (Allegro mod. B-Dur 32) al8 ſolchen begrüßt. Folgt abermals eine Recs tativftelle (Andante molto $); auf dieſes ein Chor der
und aud diesmal bet der Aufführung antwefend, und die Zeugen jener Probuctionen, Dr. Leopold v. S., Albert Stabler, ber nachbherige Oberfinanzrath Ant. Müllner, v. Schlechta und Herr Joſ. Hiitt en- brenner wwirften (legterer im 3. 1819) im Chor mit. Im 3. 1820 wollte Sdubert bie Cantate im Augarten aufführen, fam aber davon gurild, ba bie Probe nidt gut gufammenging. Die Auffibrung ber Cantate wabrte beildufig 2 Ciner Stunde.
) Spenbou war Domfcolafticus, Dr. ber Theologie, Regierungs- rath, Mitglied der Stubdien-Hofcommiffion in Wngelegenbeiten der deut⸗ fer Schule, infulicter Prälat und Sduloberanffeber.
2) Die Cantate ift als op. 128 in bem von Ferd. Schubert vere faßten Clavierauszug im Stich erfcienen.
87
Ritwen und Waifen (Allegro maestoso D-Dur 4) 3um Lob md Preis Spendou’s, und endlich ein furjes Baßſolo (Ada- gio con moto D-Dur 4), weldes in den Schlußchor (B-Dur $) lettet, ber mit einem Quartett (Gattin, Waife, Cenor und Bag) beginnend, ben Gologefang bes Goprans (Gattin) bis zu Ende begleitet.
Die Recitative find in diefer Cantate ſchön und aus- drucksvoll behandelt; die ibrigen Geſangsſtücke — ohne Zwei⸗ fel auf ben Bortrag durch die Waifentinder berechnet — bemegen fic) im ſchön dabinfliefenden Wtelodien. Der haus- badene Gefangstert war nicht geeignet, den Tondichter gu ſchwungvoller muſikaliſcher Darftellung einguladen; der Swed aber, den Woblthater der Witwen und Waifen durch ange- mefjenen Gefang zu ebren, diirfte bet Aufführung der Can- tate vollftanbig erreicht worden fein.
Die Kirchenmuſik ijt durch die Meffe in C+), ein ver- baltnifmagig weniger hervorragendes Werk, durch das grofe Magnificat®) in C, eine fogenannte D uett- Arie?) fiir
') G6 tft dies Schubert’s vierte Meſſe (anf dem Titelblatt ale tritte bezeichnet). Sie ift für vier Singſtimmen mit Orchefterbeglei- ting gefdrieben, Herrn Holger „zur freundlicden Crinnerung” gewidmet md als op. 48 bei Diabelli im Stich erfchienen.
2) Das Magnificat ift fiir Solo unb gemijdten Chor mit Inſtru⸗ mentafbegleitung (Bioline, Viola, Oboe, Fagott, Trompete, Paufe) unt Orgel componirt. Es beginnt mit einem Chor (Allegro maestoso 4) Magnificat anima mea Dominum etc., auf Ddiefen folgt ein Golo- quartett (Andante ?) Deposuit potentes de sede etc. und auf dasfelbe als Shing etn Shor gemifdter Stimmen mit Soloquartett (Allegro tivace ) Gloria patri et filio et spiritui sancto Amen. Da8 Auto graf mit dem Datum 25. Sept. 1816 befibt Herr Spina.
3) Diefer umfangreidhe Doppelgefang (Moderato G-Dur }) ift von Vieline, Biola, Oboe, Fagott, Cello und Contrabaß begleitet. Die
88
Sopran und Tenor, bas Fragment eines Requiems') und das Stabat mater — nach ber deutſchen Nachbildung bon Rlopftod — endlich durch ein Paar fleinere Ginlagen *) reichlich vertreten.
Unter diefen Rirchencompofitionen ift bas Stabat mater fiir Goli, Chor und Ordefter?) die umfangreidfte und uns ftreitig auc) bebentendfte. Es befteht aus vier Arien (je eine fiir Gopran und Bak und zwei fiir Cenor), einem Duett fiir Sopran und Tenor, zwei Lerjetten fiir Gopran, Tenor und Bak, wovon das cine mit Chorbegleitung und aus fünf Chören flix gemiſchte Stimmen. Diefe letzteren bilden auch die ges {ungenjten Theile des ganzen Werkes, und ift namentlich der Doppelchor (Mr 5), ein Weebhjelgefang von Frauens und Méannerftimmen — von fdinem Ausdrud. Auch bas So—⸗ pranfolo (Ir. 2) und bas Terzett (Mr. 10) find in edlem, echt kirchlichem Styl gebalten, und das erſtere von ergreis fender Wirfung. Die Baarie könnte aud) von Mozart fein, fo febr ift fie bem Styl diefes Meiſters nachgebildet.
Tertworte lauten: Auguste jam coelestium Divis recepte sedibus dignare te colestium piis adesse mentibus. Omnem per orbem glo- riae tuae eriguutur simbola. Per te impetratae gloriae ubique stant insignia. — Das Autograf befist Herr Spina.
') Das Requiem reidt bid (einſchließlich) zur Fuge bes Kyrie.
2) Ropftods Halleluja (breiftimmig) in Lief. 41 enthalten, und ein Salve regina.
5) Das Stabat mater tragt bas Datum Februar 1816. Die In⸗ firumentalbegleitung beftebt aué Biolinen, Viola, Oboe, Pofaunen und Contrabaß. — Im Jahre 1841 wurde ¢8 in Wien im Muſikvereins⸗ faal aufgeführt, wobei Staudigl, Lug und Fri. Tuczek bie Solo fan-
89
Den im vorausgegangenen Fabre entftandenen zwei Sin⸗ fonien (in B und D) folgten in diefem Sabre abermals zwei ſinfoniſche Werke: bie Sinfonie in C-Moll *) (vie fogenannte tragifce) und eine gweite in B-Dur. Won den zwei Gins fenien in B ift die eine befannt als ,,Ginfonie of ne Cro me reten und Pauken“, was vielleicht darin feinen Grund hatte, daß in jener Gefellfdaft von Dilettanten, fiir welche damals Schubert feine Kammer- und Ordeftermufif zu come reniren pflegte, fic) damals webder ein Trompeter noc ein Paukenſchläger vorfand.
Der Fleine Kreis von Freunden und Befannten, welche fid nach und nach ben ſchon erwabnten, bet Vater Schubert abgebaltenen Streichquartett - Uebungen angeſchloſſen batten, erweiterte ſich nämlich allmilig derart, bag Haydn's Sinfo- nien in Quartettauszügen mit doppelter Beſetzung aufgefiihrt werden fonnten. Zu den Theilnehinern zählten Hr. Bofef Loppler (Gefchaftsfibrer der Hofmufifalienbandlung C. A. Spina), welder mit Franz fon von den Kinderjahren ber
cen. Im Gabre 1858 bradte bie Wiener Singafademie bas Terzett mt Chor 3u Gebor; am 3. April 1863 fam e8 in ber Altlerchenfelder- fide in Wien vollftandig zur Auffiibrung.
') Die C-Moll-Sinfonie, componirt im April, beftebt aus vier Eigen: einer Cinleitung Adagio molto 3 mit darau ſich ſchließendem Allegro, einem Andante (As-Dur 3), einem Menuett mit Trio (Allegro vivace Es-Dur }) unb tem Finale (Allegro C-Moll 4); jene in B bat ebenfall8 wier Gate: ein Largo und Allegro, ein Andante, Rennett und Finale. — Der zweite Sats ber C-Moll-Ginfonie fam am 2 Sec. 1860 in einem Gefellidaftsconcert in Wien als finfonifdes Fragment gur Aufführung. — Cine Copie ber B-Ginfonie befigt der Biener Mufifverein, eine Abfdrift von jener in C-Moll Dr. Schneider.
90
befannt war, die Violoncelliften Ramauf und Wittmann und ber Contrabaffpieler Redlpacher.
Als Vater Schubert's Wohnung fiir diefe Zufammen- flinfte nicht mebr ausreichte, nahm der Handelsmann Franz Friſchling die Mufifer in feiner Wohnung (Dorotheergaffe Nr. 1105) bereitwilligit auf. Der Beitritt mebrerer neuer Mitglieder bewirfte, dag im Herbſt 1815 ſchon kleinere Sins fonien (von Pleyel, Rofetti, Haydn, Mozart) aufgeführt werden fonnten, und einige Zuhörer fic) einfanben.
DOer Raum wurde abermals gu enge, und fo iberfie- delte die Gefellfdhaft 32 Ende des Jahres 1815 in die Wohnung des Otto Hatwig (vordem Mitglied des Burg: theater-Orchefters) im Schottenhof, und im Frühjahr 1818 in desfelben neue Bebhaufung im Gundelhof. Fortwährende regelmäßige Uebungen und das Hinzutreten tiichtiger Dtufifer ermiglichten die Wufflibrung der größeren Ginfonien von Haydn, Mozart, Krommer, Romberg und der beiden erjter bon Beethoven, fowie der Ouverturen von Cherubini, Spon⸗ tini, CAtel, Mehul, Boildieu, Weigh, Winter u. f. w. Für dieſe Gefellfdaft nun ſchrieb Schubert die beiden erwähn⸗ ten Ginfonien und im Sabre 1818 die Sinfonie in C, fowie aud) 1817 die Ouverturen im italieniſchen Stil, von meld legteren nod) die Rede fein wird, und eine Ouverture in B *) (comp. im Geptember 1816). Die Uebungen währten bié in den Herbft 1820, wo fie wegen Mangels einer geeigneten Localität eingeftellt und nicht wieder aufgenommen wurden *).
1) Das Autograf der B-Ouverture befigt Dr. Schneider in Wien. 2) Von Hatwig iiberfiedelte bie Gefellfdaft nod in bie Wohnung bes Spebiteurs Anton Pettenfoffer (am Bauernmarft). Als diefer Wien verließ und fein geeignetes Locale unentgeltlid) zur Berfiigung
91
Auch zur Gompofition einer bdreiactigen Oper: Die Bürgſchafti) nahm Schubert einen ernſten Anlauf, ohne aber damit zu Ende yu fommen. Diefe Oper, mit bem Datum 2. Mai auf der Original: Partitur, enthalt zwei vollftins big auSgearbeitete Acte, und von dem dritten eine Avie mit Chor, im Ganzen 15 Muſikſtücke. Der Verfaſſer bes Text⸗ budes ift nicht angegeben, und das Libretto aufzufinbden ift mir bis jest nicht gelungen. Einer miindlicden Mittheilung zufolge foll e8 von einem Studioſus herrithren?). Die Verfe md bie in denfelben entbaltenen Ausdrücke entjiehen fic ſtellenweiſe jeder Kritik und bilden ben ſchlagendſten Beweis fir tie Unbefangenbheit, mit welder Schubert an die Compofi- tion von Opernterten ging. Gefiel ihm nur die Idee bes Ganzen me fanb er barin einige Anhaltspunkte fiir dramatiſche Ent⸗ faltung der Muſik, fo fete er fic) liber andere Gebrechen mit unglaublicber Leichtigkeit hinweg. Was ihn von der Vol- lentung der Oper abgehalten (vielleicht doch auch des Dich- ters Machwerk), ift mir nicht befannt geworden. Die Hand-
geſtellt wurde, [dfte fic) ber Verein auf. — Bu den ftandigen Mitglie— dern zählten tm ben Sabren 1815— 1818 aud Gerdinand und Fran Schubert (lesterer als Altviolafpteler) und Iofef Doppler (GFagott); werk. Bogner (Flite) wirkte hie und ba mit, desgleichen betheilig- tea fi als Gefangsfoliften: ». Gymnich, Goetz, Tieze und Fri. Aciefine unb Babette Fröhlich. — S. Aufſätze über das muſi— laliſche Altwien von Dr. &. v. Gonnleithner in ben ,,Recenfionen” Jahr⸗ gang 1862.
') Das Autegraf befist Dr. Schneider.
2) In demfelben Jahre (1816) erjdienen: Die Freunde zu Sy— tatné, neues Schauſpiel in Samben und 5 Acten, von Clife Viirger geb. Habn), von weldem Proben in der Wiener Theaterzettung (Sept. 1816) abgebrudt fib.
lung ift ber Schiller'ſchen Ballade nachgebildet, welche Schu⸗ bert um diefe Beit als folche ebenfalls componirt bat.
Die Oper beginnt mit einem Chor des um Rettung aus Noth und Thrannei flehenden Volfes (ALL mod. C-moll #, von Violinen, Viola, Cello, Fagott, Horn, Pofaunen und Bak bes gleitet). Moeros (Bag) tritt gu bem verfammelten Volkshaufen und gibt feinen Rachegedanken in einer Wrie') (All. agitato F-moll 4) Ausdrud. Hierauf ftimmt der Chor einen wilds aratteriftifden Gefang an, der den flammenden Ctna und ben ,,meuterifden Thor", ber heute nod das Kreuz zieren werbde, gum Gegenftande hat?). Der Tyrann von Syratus
1) Moers fingt u. a. folgende Verfe:
Muß ich fliblen in tiefer Bruft'
Tiefes Elend, tiefe Schmach,
Und mit biefer Radeluft!
Und id bin fo flein und ſchwach!
Feſte gibt es heute wieder
Bei bem Konig an bem Hof,
Uebermuth fingt üpp'ge Lieber
Bei den Praffern zu bem Goff u. f. w.
2) Der Chor gibt nadftebenden Unfinn zum Veften: Auf löſcht ihm (bem Etna) die ſchmachtende Qual, Erfriſcht ihm den brändigen glithenden Dtund Mit purpurner Welle bts auf ben Grunt. Gr labe bie brennende Gonne etnmal Und finge bachantiſche Lieder. —
Es lebe der meuter'ſche Thor,
Gr zieret bas Kreuz mit dem ſchönen Leib, Gr ftellet bie Fülle vor;
Und Ianget unb preffet dad liifterne Web, Sie möchte ibn gerne fiir fic) befreten;
gewährt bem Meuchler einen Tag Frift zur Ordnung feiner Ungelegenheiten. Diefer dant ihm fiir bie Gnade in einer Arie') (Moderato D-moll 4), Dionifos aber fpridt feinen Rweifel fiber deſſen Riidtehr in einem Recitativ *) aus. Die Scene verwandelt fich in das Innere des Hauſes des Theages. Sein Weib Anna fingt eine Romanze von einem verloren gegangenen und als Schäfchen auf ber Weide wiedergefunbdenen Rinde. Die beiden Kinder des Theages, Julus und Is mene, wiederholen jebesmal mit der Mutter den Schlußvers. Auf dieſes reizende Muſikſtück folgt ein Zwiegeſang der beiden Kinder: — die Erzählung eines Märchens. — Die nächſte Nummer iſt ein Duett zwiſchen Anna und Theages. Dieſer, der ſich fiir Moeros verbürgt, jell, ta letzterer nicht zurückkehrt, in den Kerker geworfen werden. Anna wehklagt, Theages ſucht fie gu tröſten?). Der
Er lebe geſund und ſtark, der Blüten nur ſchmauſet, Nicht Krankheit und Peſt. Er muß ſich dem Henkertod weih'n. Er ſei ihm ein Opfer, ein herrliches Feſt. Wir ſchauen's noch heute am Kreuze vollbracht. 5 Diefe Gnade dank’ ich dir, Werd' fie ftets dir dbeulen, * Und ic etle froh von bier, Mein Geſchäft yu lenken. J Ob er wohl zurückkehrt? Ich kann es nicht glauben, Die That wär unerhört, Sie iſt gar nicht zu glauben. Anna. Du gehſt in Kerker — du, Du eilſt in Kerker — du,
94
Chor der Wade fordert Theages auf, ihm gu folgen'), und e8 entwidelt fic) nun ein Enfembleftid (Anna, ulus, Ismene, Theages und Chor), mit weldem der erfte Act ſchließt.
Der gweite ift von diefem durch eine Ouverture getrennt, bie (mit einem Andante C-dur $ beginnend, fodann in Allegro agitato übergehend) in eine Arie bes auf der Rück tehr begriffenen Moeros hinitberleitet, in welder er, feine Rettung aus den Fluthen erzahlend, den Göttern dankt.
Die Scene verwandell fic in Anna’s Zimmer. Diefe, bon einem Traum itber ihres Mannes Geſchick aufgeſchreckt, fpridt ihre Angſt und Seelenypein in ſtürmiſch bewegten Re: citativen ans. ulus und Ismene verfucen es, fie zu tröſten. Shr Zwiegefang endet mit einem Tergett, an weldem Anna fid betheiligt 2).
Bur finftern RKerfersnadt binab, Das geht nimmer rechtlich gu. Sheages. Geliebtes Weib gib did in Ruh! Soh geh in den Kerker, dod) nicht gum Grab. Anna. Nein, nein, das war nod nicht erbort, Das geht nicht an, bu bürgſt ibn nidt u. f. w. ') Anna fagt bet diefer Gelegenbeit: Die rauben Danner fiibren ibn
Bum finftern RKerfersort, Gr flirrt in Ketten fort,
2) Ja fo find wir ganz verfaffen, Statt bes Freundes muß er fterben, Herzlich muß id Moeros haffen, Da wir alle nun verderben.
9
Philoftratus, der Freund des Hauſes, tritt ein und fudt bas gefunfene Vertrauen in Moeros Treue wieder auf- pridten. Anna antwortet ihm berubigter, es folgt ein Duett beider. Philoftratus ſchließt dieſe Scene mit folgenden Worten:
Liebet unbefdreiblid ibn, Er gibt zehnmal fein Leben bin, Um Freundes Leben zu erretten, Wenn nur von traurigen Ketten, weld hehren Spruch Anna und die beiden Kinder wiebders bolen.
Der Schauplatz verwandelt fid in eine Waldgegend. Ranber lauern auf Beute und fingen ein charafteriftifdes Luartett (Strofenlied). Das Orcheſter fallt in ein Allegro farioso ein, Dtoeros’ Kampf mit ben Wegelagerern darftel- lent. Folgen nun mebrere Recitativftellen; Moeros befiegt bie Rauber, findet fodann die labende Quelle und danft den alles vermigenden „Schöpfern“. Forteilend ruft er noc aus:
Wenn ih verbliebe! Mitleibiger Gott! Cohn’ Erbarmen — war’ er todt. Und mir wintt ein Biel, Heiliger Andacht großes Gefiibl. damit ſchließt ber gweite Act.
Ver britte enthalt nur mehr zwei ausgearbeitete Muſik— inde. Gr beginnt mit einem Chor des vor dem Richtplag rerjammelten Boles, welcher von einem kurzen Vorfpiel (Andante H-moll 3) eingeleitet wird. Der Chor läßt ſich alſe vernehmen:
Der Abend rückt heran,
Du büßt für deinen Wahn; Man führt ſogleich did fort Bum ftrengen Kerkerort.
Darauf antwortet Theages :
Schweigt, Shr feib im Wahn Durch Cud fpridt der Tyrann, Gud wurmt mein fefter Muth, Mein hohes Glaubensgut.
Nun folgt nod eine interefjante mufifalifdhe Stelle.
Theages, gum Tod bereit, ruft ber Menge gu: Cin böſer Geifterdor, Der fid vol Zweifel feitwarts ſteckt; Nun fdweigt, id laf mid tédten, Unb werd’ thn fo erretten, während dieſe gleidseitig in fpottenter, von bem Componiften charakteriſtiſch wiedergegebener Weife ihm eriwidert : Die Sonne fintt, nun gute Nacht, Du baft’s gebiift, tu baft’s vollbradt, Das Haft fiir beinen Glauten, Den bir fein Menſch fann rauben. Sebt, wie ber Freund zu löſen eilt, Und feinem Freund tie Wunden beilt, Da ibn die Stunden ſchlugen, .Die fie jufammentrugen.
Von riefer Stelle an erjdeint tas Solo und ber Chor, ted chne Lert, durch fünf Seiten ter Rartitur weitergefiihrt, bann felgt nec eine kurze Gefangsitelle tes Theages:
Wenn dreimal ſich ter Abend neiget, Unt er nd noch nicht fintet, Meint ifr, ter Glaube ſchwindet?
Dieſer Solegeſang laut nech curd ſechs Seiten ohne Text weiter, und damit jdlieft tie unrellenrete Cryer, von wel- der wehl mie irgend ein Theil in vie Ceffentlidfeit ge⸗ trungen ijt.
97
And an Injtrumentalcompofitionen anderer als der ſchon ermabnten Art (Clavier- und Kammermuſik) fehlt es nicht; ein großer Theil derfelben ift nod) unverdffentlidt'). Von mehr⸗ Rimmigen, ebenfalls wenig oder gar nicht gefannten Gefangs- ftiden find gu ermabnen: „An die Sonne’, ein umfang- reiches, in religidfem Styl gehaltenes Quartett fiir gemifdten Chor mit Glavierbegleitung; „Das Grab" von Salis (Vo⸗ calquartett fiir Männerſtimmen); ,@hor der Engel*)” aus Goethes Fauft, fir gemifhte Stimmen; „Trinkliede)“ (fir Tenorjolo und Männerchor mit Clavierbegleitung); „der Gei- ftertan;" von Mathiſſon (Quartett fiir Mannerftimmen) und ein Vocalterzett: , Wm Geegeftare” *).
) Dabin gehören: Cin Streidquartett in F, cin Streidtrio, ein Siclinconcert in D, ein Rondo fiir die Violine in A, eine Claviers fenate in F, ein Adagio unb Rondo concertant fiir Pianoforte, der erfte Satz und ber Anfang eines Allegro einer Clavierfonate in E, zwei Riaride fiir Pianoforte in E-Dur und H-Moll, Märſche mit Frio in E-Dur, wel} Deutſche mit Coda und feds Ecoffaifen. Auf ben letsteren findet fid, von Schubert s Hanb gefcrieben, bie Bemerfung: Als Arreftant in meinem Zimmer in Erbberg componirt. Mai. Am Schluß ftehen te Rorte: Gott fet Dank! — Da BWitteczel, Mayrhofer und Spaun emige Zeit bindurd in Erdberg wobnten, fo hängt dte UArreftanten- zeſchichte wahrſcheinlich mit einem Scherz zuſammen, den diefe fic) mit Gan; erlaubten, als er bet ihnen gu Gefuc war. — Ferd. Sdubert, mtefien Aufzeichnungen die bier genannten Compofitionen fic) vor- taten, erwähnt aud einer Sinfonie in C (componirt int Geptember), ten welder aber feine Spur vorhanden ift. Dte dret Gonatinen ſür Nheier unb Bioline (op. 137) gehdren ebenfalls dieſer Beit an.
2, Erfdien im J. 1839 als Beilage der „Neue Zeitſchrift fiir Muſik.“
) Das „Trinklied“ erfdien ime Jahre 1844 bet Mtecchetti als Bei— hye ter Wiener Muſikzeitung.
*; Tie Autografe von „Geiſtertanz“ unb „Am Seegeftade” befist
dr A. Stadler in Wien.
d. Lreißle, Frany Seubert. 7
98
Was bie Anzahl der Lieber betvrifft, fo reiht ſich das Jahr 1816 auc in diefer Beziehung dem unmittelbar vor- ausgegangenen an, und ftellen fic) dieſe beiden Rettpertoden iiberhaupt als bie liederreichften bar. Es finden fid) dar⸗ unter die „Geſänge bes Harfner’, „Der Wanderer ‘)", „Fragment aus bem Aeſchylus“, „An Schwager Kronos” 2c., durchweg Compofitionen, bie von der vollendeten Reife des neunzehnjährigen Tondichters im Liederfach lautſprechendes Zeugniß geben. Ein ſchönes (nicht veröffentlichtes) Lied iſt: „Abſchied“?), von Mayrhofer, nad) einer Wallfahrts⸗
1) Das Original des „Wanderer“ iſt in Händen des Dr. Carl Enderes in Wien. Es trägt das Datum October 1816. Der Tag der Compoſition iſt, wie es ſcheint von Schubert, durchſtrichen; ebenſo find in ber Clavierbegleitung einige Stellen durch dicke Stride unfenntli§ gemadt, und an ibrer Statt von Schubert eine andere Vegleitung bei gefiigt worden. Auf bas Gebidt des Lübeckers Georg Filipp Schmidt (geb. 1766, geft. 1849) machte ibn ber Geiftlide Gorni in Wien aufmerffam, ber e8 wahrſcheinlich in den, von Deinbartftein im Jahre 1815 beranégegebenen „Dichtungen für Kunſtredner“ vorfand, wo es als „Der Ungliidlide” von Werner bejzeidhnet ift, baber Schubert anf bas Original ſchrieb: Von Zacharias Werner.
2) Das Gedidt ift Lunz — ber Mame cines in Niederöſterreich im Oetidergebiet gelegenen Ortes — überſchrieben und beginnt:
Ueber die Berge
Zieht ibr fort,
Kommt an manden @riinen Ort;
Muh zuriide
Ganz allen,
Lebet wohl,
Gs mui fo fein u. f. w.
melodie — alfo im Volkston — mit Clavierbegleitung bearbeitet.
Gs gilt als eine unbeftrittene Thatſache, daß Briefe, Tageblidher und andere Aufzeidhnungen, wenn fie in größerer Anzahl vorhanden und burd langere Reit fortgefegt, in einen inneren Zuſammenhang gebradt werden finnen, ganz haupt⸗ fadlich geeignet find, bie Kenntniß des Chavalters einer bes ſtimmten Perſon gu fördern und gu erweitern. Der reiche Briefſchatz, welchen wir von ben Mozart's beſitzen, und dte jimgft veröffentlichten Briefe Feliz Mtendelsfohns gewähren einen tieferen Ginblid in bas Denken und Fühlen dtefer Qinftlernaturen, als die Darftellung ihres äußeren bewegten Lebens gu bieten vermag, und während fie nicht felten daé Verftandnif und die Wiirdigung ihrer Werke erleichtern, find fie bem Biografen ein wichtiger Bebelf fiir das Ents werfen eines getrenen Bildes deffen, der gefdilbert werden fol. Bon Schubert find bis jet wenige Briefe befannt geworden, vielleicht weil er nicht ſchreibſelig war (wofür übri⸗ gens fein Beweis vorliegt), vielleicht auch, weil Briefe ver⸗ loren gegangen, oder aus falſcher Scheu mit der Veröffent⸗ lichung derſelben zurückgehalten wird.
Von Tagebuchnotizen liegen nur einige aus den Jahren 1816 und 1824 vor, welche bier und im weiteren Verlauf ihre Stelle finden. Ob Franz langere Zeit hindurdh Aufs idteibungen gefithrt, fonnte ich nicht ermitteln'). Weder diefe ned) bie Briefe find geeignet, durch ihren Snbalt an fid
') Der befannte Autografenfammiler Alois Fuchs bemerft in fete net Schubertiana: Sor einigen Sabren fand ic jufallig bet einem 7*
100
bas Qntereffe des Lefers in höherem Grad in Anfprucd ye nehmen, ba Schubert fic) faft nie veranlaft fand, von feinem reichen inneren Leben felbjt feinen vertrauteften Freunden Gunde zu geben; nachdem aber die Quellen iiber feine äußere Exiſtenz ohnehin nur ſpärlich fliegen, mug es dem Biografer wohl geftattet fein, alle Bebelfe, beren er habhaft geworbden, und wären diefe nod) fo unbedeutend, wo miglich unverkürzt mitzutheilen, da fie im Ganzen immerhin Streiflicter auf bas zu ſchildernde Sndividuum werfen, bes äußerlichen Mo⸗ mentes nicht 3u gebdenfen, daß derlei kleine Cpifoben bie Dto- notonie ber Aufzählung von Schubert's Compofitionen, weld’ fegtere immerbar den hauptſächlichen Theil ſeiner Lebensge- ſchichte bilben wird, in erwünſchter Weife unterbreden.
Die vorgefundenen Fragmente aus Schubert's Tagebuch vom Sabre 1816 umfaffen nur die Cage vom 13. bis eine ſchließlich 16. Suni, und find folgenden Inbaltes:
713. Suni 1816. Gin eller, lichter, fchiner Gag wird diefer durd) mein ganzes Leben bleiben. Wie von ferne, leiſe ballen mir noch bie Zaubertine von Mozart's Muſik. Wie unglaublid) fraftig und wieder fo fanft ward's durch
Autografenfammler in Wien bas Fragment eines von Franz Schubert eigenhändig gefibrten Tagebudes, woran aber bereits meh⸗ rere Blatter feblten. Wuf meine Frage, wobhin bas Mangelnde gekom⸗ men fet, ertwiderte mir ber ungliidlide Beſitzer diefer Reliquie, bak ex bereits feit geraumer Beit eingelne Blatter diefer Handſchrift aw Sdubertianer oder Autografenfammler vertheilt habe. Nachdem ih liber diefen Vandalismus meine Entrilftung gedupert, war id) bemitht, ben Reft im folgenden Blättchen gu falviren. — Das Autograf des Ragebudfragmentes befist Herr G. Petter in Wien.
101
Sdlefinger’s *) meifterhaftes Spiel, in’S Herz tief, tief ein⸗ georiidt. Go bleiben uns dieſe ſchönen Abdrücke in der Seele, welche feine Zeit, feine Umſtände verwifden und wohl⸗ thitig auf unfer Dafein wirfen. Sie zeigen uns in den Finſterniſſen dieſes Lebens eine lichte, Helle, ſchöne Ferne, woranf wir mit Zuverfidt hoffen. O Mozart, unfterblider Mozart! wie viele und wie unendlich viele folde wobhlthatige Abdrücke eines lidten befferen Lebens Haft bu in unfere Seele gepragt. Diefes Ouintett ift fo zu ſagen eines feiner größten fleineren Werke. Auch ich mußte mid produciren bei viefer Gelegenbeit. Sch fpielte Variationen von Beetho⸗ ven, fang Goethe’s ,,raftlofe Liebe" und Schiller's ,, Amalia.” Ungetheilter Beifall ward jenem, biefem minderer. Obwohl ih felbft meine ,,raftlofe Liebe” fiir gelungener alte, als „Amalia“, fo fann man bod nicht läugnen, daß Goethe's mujifalifdes Dichtergenie viel gum Beifall wirkte. Auch lente ih Mtad Jennyh, eine auferordentlid) gelaufige Cla- tierfpielerin, fennen; body fcheint ihr ber wahre reine Aus⸗ trud einigermafgen ju feblen.
pam 14. Suni 1816. Nach einigen Monaten madte th wieter einmal einen Abendfpaziergang. Ctwas angeneb- meres wird e8 wobl ſchwerlich geben, als fic) nach einem beißen GSommertage Abends im Griinen zu ergeben, woz te Felver gwifdhen Währing und Déabling eigens gefdaffer ideinen. Im gweifelhaften Dämmerſchein in Begleitung
—
') Martin Schleſinger, geb. 1751 zu Wildenſchwert in Böhmen, geſt. @ Bien am 12. Auguſt 1818, war ein vortrefflicher Violinſpieler. Bon
ſenen Compofitionen find wenige, und zwar unbebdentende im Druck Cidtonen
102
meines Bruders Carl ward mir fo wohl um's Herz. Wie ſchön, dacht’ ich und rief ich und blieb ergdgt ftehen. Die Mahe bes Gottesacters erinnerte uns an unfere gute Mutter. Go famen wir unter traurig traulichen Geſprächen auf den Puntt, wo fid bie Odblinger Strage theilt. Unb wie aus himmliſcher Heimat hörte ich von einer haltenden Chaiſe herab eine bekannte Stimme. Ich ſchaute auf und es war Herr Weinmüller!), welder eben ausſtieg und fic) in ſeinem herzlichen, biederen Sone empfahl. Gleich wandte fic unfer Geſpräch auf die äußere Herglichfeit in Ton und Sprache ber Mtenfchen. Wie mancher bemiiht fic, fein redliches Ge- müth vergebens in ebenfo herzlicher biederer Sprache zu zei⸗ gen; wie mancher wilrde barum gum Geladter ber Menſchen bienen. Man kann ſolches nicht als ein erftrebtes Gut, fon: bern nur als Naturgabe anfehen.
„15. Suni 1816. Gewöhnlich iſt's, dag man fich von zu Grwartendem zu grofe BVorftellungen mat. So ging es aud mir, als ic die bei St. Anna gebaltene Ausftellung vaterlindifder Gemälde jah. Unter allen Gemalden fprad mid) ein Dtadonnenbild mit einem Rind von Abel am meis ften an. Gebr getdufdt wurde ich burch den Gammtmantel eines Fürſten. Uebrigens fehe ich ein, daß man dergleiden
') Weinmiiller (Carl), wurde 1765 in ber Nahe von Augsburg ge boren. Anfangs mit wanbernden Cheatergefellfdaften herumziehend, liek ex fid) um 1795 bleibend in Wien nieder, wo er, von Stufe zu Stufe fteigenb, balb der auserforne Liebling bes Publifumé wurde. Er war im Beſitz einer herrlichen Baßſtimme, und feelenvoller, gum Herzen drin⸗ gender Dellamation. Auch als Hofcapellfinger excellirte er. Um 1825 trat er in Penfton und ftarb int März 1828 tn feiner Villa in Ddbling.
|
1 i
108
Sachen sfter und (anger fehen mug, um den gehörigen Aus⸗ brud und Eindruck ju finten und gu erbalten.”
Die nun folgenden mitunter etwas verworrenen Bemerkun⸗ gen find am 16. Suni 1816 Abends, nachdem Sdubert von Gas fieri’8 Subelfeter nad Hauſe gefommen war, niedergefcdrieben:
„Schön und erquidend mug e8 dem Künſtler fein,
feine Schiller alle um fich verfammelt zu feben, wie jeder ſich ftrebt, zu feiner Subelfeier das Befte gu leiſten; in allen diefen Compofitionen bloße Natur mit ihrem Ausdrud, fret von aller Bizarrerie ju hören, welde bei den meiften Tonfegern jest zu herrſchen pflegt und einem unferer größten beutfden Künſtler beinahe alfein zu verdanfen ijt; von biefer Bijarrerie, welche tas Tragiſche mit dem Romifden, das Angenehme mit dem Bitrigen, tas Heroifde mit Heulerei, das Heiligite mit dem Harlequino vereint, verwedfelt, nicht unterfdeidet, die Menſchen in Raferei verſetzt, ftatt in Liebe aufldft, gum Lachen reizt, an⸗ ftatt 3 Gott zu erheben. Diefes Bizarre, aus dem Birkel feiner Schüler verbannt, um dann auf die reine heilige Natur gu Miden, mug das höchſte Vergniigen bem Künſtler fein, der ten einem Gluck geleitet, die Natur kennen lernt, und fie trog ter unnatürlichſten Umgebungen unferer Zeit erhalten bat.
„Herr Salieri feierte, nachbem er 50 Sabre in Wien mb beinabe eben fo flange in faiferliden Dienften gewefen, fein Subelfeft, wurde von Gr. Majeſtät mit einer goldenen Meraille belohnt, ladete viele feiner Schüler und Schülerinnen ein. Lie dazu verfertigten Compofitionen feiner Compoft- tioné(diiler wurden nad ber Ordnung, in welder fie bei im eintraten, von Oben nach Unten, producirt. Das Ganze rar bon einem Chor aus bem Oratorium ,,Jesu al limbo*?),
4 Refus in ber Vorhölle.
104
beides von Salieri eingefdloffen. Das Oratorium edt Gluckiſch gearbeitet ; die Unterhaltung war fiir jeden ins tereffant.
yan dtefem Lage componirte ich das erfte Mal fiir Geld. Nämlich eine Cantate 1) fiir die Namensfeter bes Herrn Profeffors Watteroth von Dräxler. Das Honorar iſt 100 fl. BW. BW.
„Der Menſch gleicht einem Ball, mit dem Bufall und Leidenſchaften . . .
nod hörte oft von Sebriftitellern fagen : Die Welt gleidt einer Schaubühne, wo jeder Menſch feine Rolle fpielt. Beis fall und Tadel folgt in der andern Welt. Cine Rolle aber ift aufgegeben, alfo ift aud) unfere Rolle anfgegeben und wer fann fagen, ob er fie gut ober ſchlecht gefpielt bat? Gin ſchlechter Theater⸗Regiſſeur, welder feinen Individuen folde Rollen gibt, die fie nicht gu fpielen im Stande find. Nad): lajfigfeit (apt fic) bier nicht denfen. Die Welt hat fein Bei⸗ foiel, bag ein Acteur wegen fdlechten Recitirens verabſchiedet worden fei. Gobald er eine ihm angemeffene Rolle befommt, wird er fie gut fpielen. Grbalt er Beifall oder nicht, dies hängt bon einem tanfendfaltig geftimmten Publifum ab. Oriiben hängt der Beifall oder Cadel von dem Weltregiffeur ab. Der adel hebt fich alfo auf.
„Naturanlage und Crziehung beftimmen des Menſchen Geift und Herz. Das Herz ift Herrſcher, der Geift foll es fein.
„Nehmt bie Menſchen, wie fie find, nicht mie fie fein follen.
") Prometheus.
103
„Glücklich, der einen wahren Freund findet; glidlider, ber in feinem Weibe eine wahre Freunbdin findet. Cin ſchrecken⸗ ber Gebanfe ift bem freien Manne in diefer Reit die Che; ex vertanfdt fie entwebder mit Trübſinn oder grober Ginn: lichkeit.
„Monarchen dieſer Zeit, ihr ſeht dies und ſchweiget! ober febt ihr's nicht? — Dann, o Gott! umfdlei’re ung Sinn und Gefühl mit Dumpfheit! bod nimm den Schleier einmal wieter ohne Rückſchade!
„Der Mann trägt Ungliid ohne Klage, boc fühlt er es deſto ſchmerzlicher. — Wozu gab uns Gott Mitempfindung?
„Leichter Sinn, leichtes Herz :< gu leichter Ginn birgt meiſtens etm gu fdweres Herz. —
„Ein maidtiger Antipode der Aufrictigfeit ber Menſchen gegeneinander ift bie ſtädtiſche Hoflicfeit. Das größte Un- glid des Weifen und das größte Glück des Thoren griindet fih auf bie Gonvenien;.
„Der edle Ungliidlice fühlt bie Tiefe feines Ungliids und Glids, ebenfo der edle Glückliche fein Glic und fein Unglück.
„Nun weiß ic nights mehr! Morgen weig ih gewif tieter Etwas! Woher fommt bas? Bit mein Geift heute ſiumpfer als morgen? Weil id voll und ſchläfrig bin? Warum tenft mein Geift nicht, wenn ber Körper fchlaft? Er gebt gewiß ſpazieren. Schlafen fann er ja nidt!
Gonberbare Fragen!
Hor’ th alle ſagen;
Ge läßt fic bier nichts wagen, Wir milffen’s dulbend tragen.
Nun gute Nacht Bis ihr erwadt.“
106
Wie ſchon erwähnt, verfah Franz feit bem Sabre 1814 bas Amt eines Gebiilfen in des Vater’ Schulhaus. Rad breijabriger Qual unerhdrter Selbſtverleugnung, und ba fid ibm feine Ausſicht auf baldige Befretung aus feiner pein: lichen Lage eröffnete, beſchloß er, ſelbſt um den Preis, Wien verlajjen zu miiffen, fic) um eine mufifalifde Anjtellung gu bewerben, wozu fic) eben vie Gelegenbeit parbot.
Vie ramalige Central-Organifirungé-Commiffion hatte uimlid) im December 1815 vie Errichtung einer dffentlichen Muſikſchule an ver deutſchen Normaljdul-Anjtalt in Laibad bewilligt. Bezüglich rer Lehrerjtelle, mit welder ein Gehalt ren 450 fl. W. W. und eine Remuneration von 50 fl. vers bunten war, wurte ter Concurd ausgefdrieben, und der Sermin sur Cinbringung ber Gejude, rer in Niederöſter⸗ reich) befintliden Competenten, bei ter Lanteéregierung, anf ten 15. März 1815 feitgefegt.
Unter ten Ajpicanten befant ſich auch Fran; Sdubert, tejjen Cingabe felgentes Attejt!) Salieri's beilag:
Io qui Sottoscritto affermo, quanto nella supplica di Francesco Schubert in riguardo al posto musi- eale di Lubiana sta esposto.
Vienna, 9 Aprile 1816.
Antonio Salieri, primo maestro di cappella della Corte Imp. reale.
** Tat Driginal dieſes Arrettes in im memem Relig; tie übrigen Daten ſind Actenitücken der ebemaligen a. ẽ. Negiermmy entnemmen, welche mtr ven bem Herru Starhalrerer Sceprafiterten Riedl ven Rie- Dewan freamMich® mitgetdetl: rurtem_
107
Die Gefuche wurden durch die damalige Stadthaupt- mannfdaft!) in Wien der n. ö. Regierung übermittelt, und jenes des Schubert an diefelbe in nachſtehender Weife ein- begleitet :
„Das antliegende Gefud des Franz Schubert um die Ptufifdirectorsjtelle in Laibach wird ver hohen Landesftelle nachträglich gum bierortigen Berichte vom 3. April 1816 liber die gleiclautenden Gefuche des Hanslifdef und Wop überreicht.
Man hat den Bittſteller aus dem Grunde nicht erſt zu einer neuerlichen Prüfung ſeiner muſikaliſchen Fähig— leiten angehalten, weil er ein Zeugniß ddo. 9. April 1816 bes k. k. Hofkapellmeiſters Anton Salieri ſeinem Geſuche beilegte, welches ihn zu der angeſuchten Stelle fähig erkläret.
Da eben Salieri es iſt, welcher auch die übrigen Bittwerber um dieſe Stelle prüfte, ſo iſt deſſen ausge— ſprochenes Urtheil für Schubert ſehr rühmlich.
Nicht minder empfehlenswerth lautet die Aeußerung tes Regierungsraths und deutſchen Schul⸗Oberaufſehers Domherrn Joſef Spendou?), über des Bittſtellers Methode in Behandlung der Jugend.
Da Schubert ein Zögling des k. k. Convicts iſt und Singerknabe an der k. k. Hofcapelle war, derzeit now als Schulgehülfe am Himmelpfortgrund dienet, ſo dürften auch dieſe Umſtände nach hierortigem Ermeſſen demſelben zum Verdienſte und Vorzuge angerechnet werden.
Wien, am 14. April 1816.
Mertens m. p. Freih. v. Haan m. p. Unger m. p.“
1) Eine Art Kreisamt; wurde 1819 aufgelöſt. 2) Deſſen bereits ermabnt wurde.
108
Schubert's Bewerbung blieb erfolglos; die Stelle wurde einem Anderen verliehen'), und der Schulgebitlfe fab fic vor- laufig bem Druck beengender Verhaltniffe abermals iberante wortet.
Die Stunde der Erlöſung ließ übrigens nicht Lange mehr auf fic) marten. Zu Ende 1815 war nämlich rer damals achtzehnjährige Studiofus Franz von Schober nad Wien gefommen, um feine Studien an der Univerfitit daſelbſt fortzuſetzen. Sm Sabre 1798 zu Torup in Schweden geboren, two fein (um 1784 dabin ausgewanderter) Water bas Amt eines Giiterdirectors bekleidete, fehrte Franz von Schober nad) bem im 3. 1802 erfolgten Tode des Vaters, mit feiner Mutter Katharine (geb. Derffel aus Wien) und feinen Gefdwiftern zunächſt nach Deutſchland guriid, begann um 1808 feine Studien in bem Stift Rrems- miinjter, und begab fic) nad) Beendigung verfelben aus Ober- Bfterreidh nad) Wien, wo er für lange Zeit feinen bleibene pen Mufenthalt nahm. Er fand ſchon im 3. 1813 im Spaun⸗ ſchen Hauſe in Linz Gelegenheit, einige Lieder Schubert's, welche Joſef Spaun von Wien aus dahin mitgebracht hatte, zu hören, und das hohe Intereſſe, welches ihm die ſchönen eigenthümlichen Melodien einflößten, trieb ihn, den Com⸗ poniſten ſelbſt aufzuſuchen. Er fand ihn im väterlichen Hauſe Schulaufgaben corrigirend und mit Geſchäften derart iiber- häuft, daß es unbegreiflich ſcheint, wie er gerade um jene Zeit ſo maſſenhaft produciren konnte. Was Schober da von
) Salieri ſchlug einen gewiſſen Jacob Schaufl als ben fitr bie Laibader Lehrerſtelle geeignetiten vor.
109
Schubert's Compofitionen hörte, war nur geeignet, feine Bes wunderung fiir ben jungen Tondichter gu fteigern. Ueber- jeugt, bag diefer, um feinem Beruf leben zu können, ans ber geijttddtenden Lage in des Baters Schule heraus- gerifjer werden müſſe, fagte er ben Gedanfen, Schubert gu fih 3u nehmen. Gr erwirfte dafür bie Cinwilligung feiner (Schobers) Mutter, und nachdem ſich auch der alte Schubert bamit einverftanbden erflart hatte), 30g Franz in Schober's Wohnung, bamals in ber „Landskrongaſſe“ gelegen. Dort blieb er etwas über ein halbes Bahr, fo lange namlid, bis em Bruder des Legteren, öſterreichiſcher OHufaren + Officier, mit Urlaub nach Wien fam, und bas eingig verfiigbar ges wejene Zimmer in Befdlag nahm, wo fodann wegen Schu⸗ bert’S Unterbringung auf nenen Rath gejonnen werden mufte. Joſef Spaun nahm fick der Gade an, und bewirlte, daß Schubert ſchließlich zu Mayrhofer jog, der in der Wipp⸗ lingerſtraße wohnte, und nun ſeine Behauſung zwei Jahre hindurch mit Schubert theilen follte 2).
) In Mr. 42 Jahrgang 1847 ber Wiener „Sonntagsblätter“ er⸗ ble Ferd. Nic. Schmidtler ein Gefdhidtdhen aus bem Lidtenthal, wernad Schubert in Folge einer tüchtigen Obrfeige, bie er einem etwas begriffftützigen Schulmädchen applicirt, mit dem darüber ungebaltenen Suter eine heftige Scene beftanden, und von dieſem endlid die licentia abeundi erhalten babe, worauf Franz bas Lebramt aufgab. Ob und re viel an der Erzählung Wahres, ift mir nicht befannt geworden.
2) Obige Daten verdanke id) einer Mittheilung des Herrn von Cocker. — Da Schubert ſich im Schuljahr 1816 (laut Regierungs- Aneft: nod in bes Vaters Dienft befunden, Herr vom Schober das Jahr 1817 in Schweden zugebradht, und Mayrhofer erft im Sabre 1819 gemeinſchaftlich mit bem Tondidter gewohnt bat, fo erſcheinen Scho⸗ kre Angaten, infomweit fie beftimmte Beitabfdnitte be- irejjen, mit biefen Thatſachen ſchwer in Cinklang zu bringer.
110
Während der Bücherreviſor in feinem Amt eifrigft be- {chaftigt war, arbeitete Schubert mit gleidher Ausdaner gn Hauſe bis zur Eſſenszeit, nach welder er entwebder auf Scho⸗ ber’S Zimmer fam, oder in das Raffeehaus'), wo er mit biefem und anderen Freunden ben Reft bes Tages gubrachte. Die fpdteren Jahre verlebte Schubert zum großen Theil wieder im Schober'ſchen Haufe.
Franz von Gdober nimmt in Sehubert’s Leben eine berborragende Stelle ein, da er gu diefem frühzeitig in ein nabes Verhältniß trat, und, kurze Unterbrechungen abs gerechnet, ben vertrauten perſönlichen Verkehr mit ihm bis gu deſſen Lod fortſetzte. Mit Wusnahme der Babre 1817, 1824 und 1825, die Sdober in Schweden und Preugen gubradte, dann ber zwei Sabre (1819—1821), während welder Schubert der Zimmergenoffe Mayrhofer's war 4), hatte Schubert fortan SQuartier im Schober'ſchen Hauſe, ober wenigitens ein Rimmer dafelbft zur Verfiigung geftellt 2).
') Schubert pflegte bas Bognerſche Kaffeehaus in ber Singerftrage zu befudjen, wo es einem Marqueur gelang, burd bie fomifde Art, mit ber er bie von ben Gaften gemadten VBeftellungen in bie Kaffeeküche hineinrief, Schubert's Lachmuskeln jebesmal in fieberbafte Bewegung zu verſetzen.
2) Mayrhofer wohnte im Jahre 1816 in der Wipplingerſtraße Nr. 420, im darauf folgenden Jahr (mit Spaun) in der Erdberggaſſe Nr. 97. Im Jahre 1818 kehrte er wieder nach 420 zurück, wo er (mit Schubert) bis 1821 blieb, und dann in bas Haus Mr. 389 (ebenfalls Wipplingerftrafe) zog.
5) Schubert wohnte gunddft bet Schober (Landskrongaſſe, fpater Géttweiherhof}, dann bet Mayrhofer, Wipplingerftrafe, fobann (1821 bis 1823) wiebder bei Schober (Tudlauben neben dem Mufitverein), in ben Sabren 1824—1826 auf der Wieden neben ber Carlskirche Mr. 100,
111
Unter allen Freunden Schubert's hat Schober auf diefen ben nachbaltigften Ginflug ausgeiibt, und ber Kreis junger ftrebender Wanner, der ibn umgab, wurde and) Schubert's vertrautere Umgebung. Die Muſik als fdaffende Kunſt war jwar unter dieſen fajt gar nicht vertreten; bagegen feblte es nidt an anderen Kunſt⸗ und Geiftesridtungen, welchen ein um fo freierer Gpielraum geftattet werden durfte, als ja das mufifalifde Element durch Franz Schubert anf das glingendfte reprafentirt war. Diejes Freundestreifes 1), welchen Schober um ſich verfammelte, und dem Schubert als eines ver geebrteften und geliebteften Dtitglieder fortan enge vers bunden mar, wird ſpäter ausfiibrlider gedacht werden.
von 1826 auf 1827 in einem Hauſe auf ber Carolinenthor⸗Baſtei, tam abermalé bei Schober (Bäckerſtraße, Währing, Tudlauben) und eadlich vom September 1828 an bei feinem Gruber Ferdinand, neue Rieden Rr. 694, wo er ftarb.
) Von hervorragenden Thetluehmern an ben gefelligen Zuſammen⸗ tinften (Gdubertiaben) find nod Dtort; v. Schwind, Bauerns felb, Gpaun und Franz v. Sdhober am Leben. — Letterer be- ub fih nad Sdubert’s Tod (gu Anfang der Dreifigerjabre) fiir einige Set nad Ungarn auf eine Herrſchaft bes Grafen L. Feftetics, febrte nad bem, 1833 erfolgten Tob fetner Mutter wieder nad Wien zurück, re er bie Verwaltung eines tn ber Nabe ber Reſidenz gelegenen Gutes iernabm. Nadbem er ſpäter Italien und Franfreid bereift hatte, trat er als egationsrath in dte Dienfte bes Großherzogs von Weimar, über⸗ fietelte aber um 1856 nad Dresden, wo er bis jest feinen Aufentbalt genommen bat. Die Familie Schober wurde 1801 tn ben öſterreichiſchen Adelſtand erhoben. Cine Schweſter Franz v. Schober's war an den teriibmten Ganger Siboni verbeirathet. — Schober's Gedichte, von welden Schubert cine nicht unbedeutende Anzahl in Dtufil gefest bat, cidienen 1840 bei Cotta.
V.
(1817.)
Die poetifd +» mufifalifde Trias zu vervollftindigen, welde in Schubert's Leben allenthalben in den Vordergrund tritt, und auf die Entwidling des Tondidters in mannige fader Beziehung verebdelnd einwirfte, ift hier vor Alem aber⸗ mals einer Perſönlichkeit zu gebdenfen, mit welcher Frang bald nach Schober's Begegnung auf feiner Lebensbahn bes fannt wurbe, und gu ber er ebenfalls in eit nabes, vom künſtleriſchen Standpunkt aus folgenreiches Verhältniß trat. Der junge Lonfeger durfte in feinen Freunden Mahrhofer und Schober bie Dichter vieler feiner fchdnften Lieder bes grüßen; e8 war ibm aber auch befdieden, in frither Zeit ben ausgezeichnetſten muſikaliſchen Verdolmetſcher derſelben faft ohne alles Zuthun für ſeine Zwecke zu gewinnen, und dauernd an fich zu feſſeln.
Dieſer enthuſiaſtiſche Freund der Schubert'ſchen Muſe war der bekannte Sänger Vogl, der, beinahe um zwanzig Jahre älter als Schubert, damals im kräftigſten Mannes⸗ alter ſtehend, durch ſeine Leiſtungen auf der Bühne ſchon ſeit Jahren ſich ber vollſten Simpathie bes jungen Ton⸗ dichters erfreute.
&
113
Die erfte Zufammenfunft beider ſcheint Sdober ver⸗ mittelt gu haben; wenigftens war er es, der in Schubert's Gefellfdaft bei bem fprdden, den fogenannten Genie’s gegens iber mißtrauiſch geſtimmten Ganger mebrere Male anflopfte, bis diefer fic) entfdlog, die beiden Freunde in ihrer gemein- ſchaftlichen Wohnung (damals in ber Spiegelgaffe im „Gött⸗ weiherhof“) in Perſon aufzufuchen *).
") Sn den Aufzeichnungen bes Freih. Joſef v. Spaun findet fid dagegen hinfichtlich Sch's. erſten Zuſammentreffens mit Vogl folgende Stelle: „Schubert, ber bis dahin ſeine Lieder meiſt ſelbſt geſungen hatte, richtete ſein Augenmerk ganz vorzüglich auf ben von ibm vielbewunderten dofopernſänger Bogl, von dem es jedoch bekannt war, daß er ſchwer zagänglich fet. Es galt vor allem, thm bie Gelegenheit gu verſchaffen, Schubert's Compofitionen kennen zu lernen; bas weitere, dachten die Freunde, würde ſich bann finden. Schon Bfter hatte thm Schober mit Vegeifterung von dem jungen Compofiteur gefproden, und thn aufgefordert einer Art Probe beizuwohnen; an bem Widerwillen bes von Muſilk ſchon lange gefattigten, und bei bem Worte „Genie“ durch vielfache Erfahrun⸗ gem mißtrauiſch gewordenen Sängers, prallten vorerft alle Verfude ab. Endlich aber fonnte er ben wiederholten Bitten von Schubert's Freun- ben nicht länger wiberfteben; der Vefucd wurde gugefagt, und um bie verabrebete Stunde trat Vogl eines Adends nicht ohne Gravitit in Schubert's Zimmer, der fic ihm mit einigen linkiſchen Kratzfüßen und unjnfammenbingend herausgeftammelten Worten vorftellte. Vogl riimpfte gleidhgiltig bie Nafe, nahm bas ihm zunächſt liegende Stück Notenpapter, bas Lied „Augenlied“ entbaltend, ſummte es berunter, fand es zwar hübſch und melodiös, aber nicht bedeutend, fang bann mod) mebrere anbere Lieber mit balber Stimme, die ibn, namentlich „Ganymed“ und Des Schäfers Kage”, freundlider ftimmten, und Mopfte Sdubert beim Fortgeber mit ben Worten auf die Achſel: „Es ftedt etwas in Bhnen, aber Gie find zu wenig Comddiant, gu wenig Charlatan; Ste verfdwen- ben Ihre ſchönen Gedanten, obne fie breit gu ſchlagen.“ Er ging bann fort, ohne Zuſage, wiederzukommen. Gilnftiger ſprach er ſich über Schu⸗
v. EKreißle, Franz Schubert. 8
114
Sohann Midhael Vogl, geboren am 10. Auguft 1768 in Stadt Steyr, war der Sohn eines Schiffmeifters '). Friih- zeitig eine Waife geworden, erbielt er feine Erziehung im Haufe feines Oheims, und erregte als fiinfjabriger Knabe durch feine belle Stimme und ridtige Gntonation die Auf- merffamfeit bes regens chori ber bdortigen Pfarrkirche. Diefer ertheilte ihm fofort gründlichen Dtufifunterridt, und ſchon in feinem achten Sabre wurde Vogl befoldeter Gopran: fanger. Dabei ward feine Schulbildung nicht vernadhlaffigt. Der Trieb gum Lernen, der Vogl fein ganzes Leben bins durch begleitete, erwachte frühzeitig in ifm. Hinlanglich vor: bereitet, trat er in die ebranftalt bes Stiftes Kremsmünſter, wo er bas Gymnafium und die filofofifden Studien mit Auszeichnung abfolvirte. Sn bem genannten Rlofter fand er zuerſt Gelegenbeit, Proben feines Darftellungstalentes abs gulegen. Bei den kleinen Schau- und Singfpielen, die das felbft gur Aufführung famen, maren eben Vogl und fein Landsmann Franz; Süßmayer?) (ver nadhberige Famulus
bert gegen bdritte Perfonen aus, ja er erging fic) in Ausdrücken ber Ber wunderung über die Reife und Geiftesfrijdhe des jungen Mannes. Rag und nad wurde ber Cindrud von Schubert's Liedern auf ibn ein über⸗ waltigender; er fam oft unaufgefordert und ftubdirte mit Schubert bei fic) gu Hauſe deffen Compofitionen, an denen er nun fic felbft, und jene, die ihm zuhörten, begeifterte.
") Die bier folgende Sdhilderung Vogl's ift gum Theil einem im Sabre 1841 im Drud erſchienen Aufſatz Bauernfeld’s, zum Theil Mitthei⸗ lungen ber Herren von Schober und Dr. L. v. Gonnleithner entnommen.
?) Franz Xaver Süßmayer, geboren 1766 in Stadt Stepr, geftorben 1803 in Wien. Die Singfpiele und Cantaten, die damals iz Kremémiinfter aufgefithrt wurden, waren zum grofen Theil von S. ix Muſik geſetzt.
115
Mozart's) unter den thatigft Mtitwirfenden, bie ſich denn and des Beifalles der zu diefen PBroductionen herbeiftrdmen- ten Bewohner ber Umgebung in vollem Maße erfreuten. Es währte nicht lange, fo famen bie beiden Siinglinge überein, zuſammen der Raiferftadt zuzuwandern. Sn Wien abs felvirte Vogl die juridifden Studien und trat fodann in die amtlide Prazis ein. Bald aber follte er feinen eigentliden Beruf fennen lernen. Süßmayer wurde Rapellmeifter am Lojoperntheater, und auf feinen Antrieb erbielt der junge Beamte einen Ruf babhin, bem er ohne Zaudern folgte. Am 1. Mai 1794 trat er in ben Künſtlerkreis der deutfden Cyer, weldhem er burd) 28 Jahre angehören follte. Es war damals eine fddne Reit deutſcher Gefangsfunft, und die Ramen Weinmiller, Gaal, Sebaft. Maver, Bau- mann und Bauder, Anna Milder und Bu dwiefer, Rild und Forti bezeichnen jene mit vorgiigliden Gefangs- friften gefegnete Kunſtepoche. Vogl’s Cintritt in dieſen Kreis mr ren ven giinftigften Folgen begleitet. Der gebildete Mann fradte nämlich in der vom rein-muſikaliſchen Standpuntt as vortrefflichen Geſellſchaft den Geift zum Durdbrud. An feinem Geberdenfpiel fand man zwar fo mandes auszue ſetzen, dagegen galten eine impoſante Perſönlichkeit, aus- drucksvolle Miene, edler Anſtand und eine wohlthuende Baritonſtimme als ſeine unbeſtrittenen Vorzüge. Im Geſang rerfelgte er mit bewußter Conſequenz ben Weg dramatiſcher Gejangsfunft. Bn der Darſtellung des Charalteriftifden, in ber finjelerijden Verbindung per Wahrheit mit ver Schön— hett [ag ſeine Stärke. Cr beſaß ein feines Gefühl fiir den Rovthmus ter Verfe, war ves recitirenden Vortrages voll- temmen madtig, und in Folge griindlider theoretifher Stu-
116
bien auch mit ben Gefegen der Harmonie hinlänglich vertrant. Trotzzem wurde ihm von mander Seite basjenige, was man Gefangsmethobe im ftrengften Ginn des Wortes nennt, nicht zuerkannt; man warf ihm insbefonbdere vor, daß er ben gebundenen Gefang der Arie zu ſehr vernachlaffige, und ftellte ihm in biefer Beziehung den Sänger Wild entgegen, während man Vogl's geiftige Ueberlegenheit obne weiter zugab. Als feine bedeutendften Bithnenleiftunger galten Oreft (in „Ifigenie“), Graf WAlmaviva (in ,, Figaro’s Hochzeit"), Cheron (in Cherubini’s ,, Medea”) und Jakob (in ber ,Schweigerfamilie’ 1) und in „Joſef und feine Brü— ber), von welden namentlich die erfte und die beiden zuletzt genannten auf den Knaben Schubert grogen Cindrud machten. Geine letzte Rolle war angeblich der Caftellan in Gretry’s „Blaubart“, ver im Sabre 1821 new in Scene gefegt wurde. In dieſem Bahr ging bas Operntheater in Barbaja’s Pat ilber, nnd zu Ende ves nächſten trat ber Opernfanger Bogl in Penſion, um als ieverfanger die bereits angetretene zweite Künſtlerlaufbahn mit ebenfo grogem Erfolg durch eine Reihe von Jahren fortzufegen. Nod im Jahr 1821 babhnte fein Vortrag des „Erlkönig“ bem jungen Schubert bie Wege unvergänglichen Ruhmes, und vier Sabre ſpäter finden wir beide auf einer gemeinfdaftliden, durch die Runft belebtex und verſchönten Reife in Oberöſterreich und dem Galgburgers Landchen begriffen. Im Herbft bes darauffolgenden Sabres
') Dieje Oper wurde im Marz 1809 jum erften Mal in Wier aufgefithrt. Auch Graf Dunois in „Agnes Sorel”, ber Oberft im ,,Augen- argt” (vou GEyrowetz) und Telasko in der ,,Veftalin” waren berühmte Rollen Vogl’s.
117
begab ſich der von Gidtleiden gequalte, ſchon alternde Sanger nod Stalien, wo er bid gum nächſten Frühjahr verweilte ; wad feiner Rückkehr aber zeigte der Hageſtolz den erftaunten Freunden feine bevorftehende Vermablung mit Runegunde Rofas?) an, einem faft auger allem Zufammenbhang mit ver Welt erzogenen weibliden Wefen, zu weldem er ſchon feit Sabren in einer Art ethiſch-pädagogiſchem Verhältniß geftanden atte. Sn feinem 58. Jahr volljog der Ginger biefe Verbindung, weldhe ihn nod) im Herbjt feiner Tage mit einem Toöchterlein begliidte.
Vogl war feine gewöhnliche Erſcheinung, und erfrente fid einer, größtentheils felbf(t erworbenen, Bildung, wie fie bei Dheaterfangern felten vorzufommen pflegt. Die klöſter⸗ fide Erziehung aber, welche er im feiner Sugend genoffen hatte, war auf feinen Gharafter nicht ohne Cinflug geblieben, md hatte dazu gedient, in ihm eine gewiſſe Befcdhaulicdfeit zu ndbren, die mit feinem Stand und feinen Verhältniſſen in fonterbarftem Contraſt ftand. Der Grundton feines Sunern war eine moralifde Sfepfis, ein gritbelntes Rergliedern feiner ſelbſt, ſo mie der Welt; der Trieb, taglich beffer zu werden, ver⸗ folgte ih burch fein ganzes Leben, und wenn ihn, wie alle faftigen reigbaren Naturen, bie Leidenfdaft gu gefabrliden Edritten hinriß, fo ward er nicht miide, fich dariiber felbjt anzuklagen, zu zweifeln, ja faft gu verzweifeln. Cin neuer aebltritt — neue Vorwilrfe und Zerknirſchung. Lectiire und Emdium ftanden mit dieſer Lebensricdtung in innigem Zu- janmenbang.
') Tochter des ehemaligen Gallerie-Directoré am Belvedere in Wien. Segls BWitwe lebt berzeit in Stadt Steyr.
118
Das alte und neue Teftament, bie CEvangelien ter Stoiker, Marc-Aurel's Betradhtungen, Epiftet’s „Enchiridion“ und Thomas a Kempis „Taulerus“ waren die ſteten Bes gleiter und Rathgeber feines Lebens '). Der im Kloſter an: fponnene religidfe Faden 30g fich fein ganzes Leben bins durch. Wuch bie Lehren der „Stoa“ fagten feiner Denkweiſe zu; er wußte fie übrigens recht gut mit dem Gefühl fiir pas Schöne zu vereinigen, wie er denn iiberhaupt einen, fiir Kunſt⸗ werfe jeder Art höchſt empfingliden Sinn hatte. Sein Liebs lingsſchriftſteller war Goethe, ber aud) auf feine Denk- und Anfchauungsiweife, fowie auf feinen Styl entfdhieden eins wirfte ?).
Die Aufzeichnungen in feinen Tagebüchern, — unvd er fiibrte foldhe fdjon von frither Zeit her — zeigen am an: fhaulidfter, auf welchen Grundlagen fein inneres eben beruhte. Unter diejen Tagebudjsnotizen befindet fic) auch eine, welde, da fie auf Sdubert’s Lieder Bezug hat, hier anzu⸗ führen fommt: „Nichts hat" — fo lautet die Stelle — „den Mangel einer braudjbaren Singfdule fo offen gezeigt, als Schubert's Lieder. Was müßten ſonſt viefe wahrhaft gitt- licen Gingebungen, dieſe Hervorbringungen einer mufifali« fhen clairvoyance in aller Welt, die der deutſchen Sprache mächtig tit, fiir allgemein ungehenre Wirkung machen. Wie viele Hatten vielleiht gum erften Mal begriffen, was
') Gr fiebte überhaupt bie Griechen, und copirte ein Werk Cpittets in vier Spraden. In der Theatergarderobe blatterte er in müßigen Augenbliden griechiſche Claffifer durch, und fein Wiffen und ftrenged Auftreten flößte ben Xheaterleuten nidt wenig Refpect ein.
2) So bemerft Bauernfeld.
u wed hn
aah - Somaahte tL arity ry it) aubil wery Py
119
8 fagen will: Sprache, Didtung in Linen, Worte in Hare menien, in Muſik gefleidbete Gedanken. Sie Hatten gelernt, wie tas ſchönſte Wortgedidt unferer größten Dichter über— fest in ſolche Mtufiffprade noch erhöht, ja itberboten werden fonne. Beifpiele ohne Zahl liegen vor. Erlkönig, Gretchen an Spinnrad, Schwager Kronos, Mignon's und Harfner’s Lieder, Schiller’s Sehnfucht, der Pilgrim, die Bürgſchaft.“
Bu tem Ausbrud clairvoyance ') fand fid) Vogl durch felgente Thatſache veranlagt: Schubert brachte ihm eines Morgens mebhrere Lieder zur Durchſicht. Der Sanger, eben beſchäftigt, befdied ben Tondichter auf eine anvere Beit und legte vie Lieder bet Seite. Später fah er diefelben allein turd, und fand eines darunter, bas thm befonders zuſagte. Da aber die Tonart, in welcher es gefegt war, fiir feine Etimme 3u hoch fag, ließ er eS tranSponiren und die Uebers tragung cepiren. Nach etwa vierzehn Tagen mufizirten die heiten Sunftgenoffen gemeinfchaftlid, bet welder Gelegens beit einiges Neue, barunter auch tas befagte Lied, vorge- nemmen murde, weldes Vogl, ohne ein Wort darüber ju fagen, in ver Handfdrift des Ueberſetzers auf tas Clavier
'; In einem Brief, datirt vom 15. November 1831, ſchreibt Vogl mA. Statler: ,Wenn aber vom Fabriciren, Erzengen, Schöpfen die Rede if, mache id mid aus bem Spiel, befonders feitbem id durch Shubert erfennen gelernt, dah e8 zweierlei Acten Compofition gibt, cme, tie. mie eben bet Schubert, in einem Zuſtand von clairvoyance eder sonnambulisme 3ur Welt fommt, ohne alle Willkühr des Tonſetzers, we ex mug, durch höhere Gewalt und Cingebung. Cin foldes Werk ligt fich wobl anftaunen, mit Entzücken geniefen, aber ja nidt — beurs thuen, eine antere — bie reffectirte u. ſ. w.“ (Das Schreiben befist fer A. Stadler in Wien.)
120
gelegt hatte. Als Schubert die nur in der Lonart umge⸗ änderte Compofition angehört, rief er erfreut im Wiener Dialect aus: „Schaut's, das Lied is nit uneb’n, von wem ift benn bas?” — Gr hat alfo in diefem Fall nad Bers lauf von ein paar Woden fich feiner eigenen Arbeit nicht mebr erinnert ').
Vogl befaßte fic) aud) mit Schriftſtellerei. Er verfafte eine Gingfdule, und fammelte bie Grfabrungen, die er als Opernfdnger und fpater als Gefangslehrer gemacht, 3u einem Werf zuſammen, weldes aber unvollendet blieb.
Wie bereits erwähnt, traten ber Tonbichter und ber ausilbende Riinftler um bas Jahr 1817 zu einander in ein niberes Verhiltnig. Vogl erfannte alsbald den hohen Werth der Schubert'ſchen Gefinge, und diefer fah iiber alle Gr- wartung erfüllt, mas ibm als unausgefprodhener Wunſch in ber Seele gelegen hatte. Der ernfte, gebiloete, in Sabren ſchon vorgeriidte Sanger fonnte auf Schubert's muſibkaliſche Sutwidlung einen im Ganjen nur vortbeilbaften Cinflug aus⸗ ben. Gr leitete feine Wahl auf gewiffe Gedichte, nachdem ex fie ihm vorher mit hinreißendem Ausdrud vordeclamirt hatte, und feine eigenthiimliche Auffafjung der Schubert'ſchen Geſänge mute auf dieſen ebenfalls wieder anregend und bilvend eintwirfen.
Schubert fam gewöhnlich in den Vormittagsftunden yu Bogl (ber damalé in der „Plankengaſſe“ wohnte*), um ba
") Freiherr von Schönſtein theilte mir obiges Factum mit, welded fanz geeignet war, aud feine Lieblingsanfidht, Schubert fet ein mufi- faltider Hellfeber gewefen, ihm als bie richtige erfdeinen gu laffen. Mn ben Namen des Liedes fonnte er fich nicht mehr erinnern.
*) In fpaterer Zeit wohnte Vogl auf ber Wieden ,, Alleegaffe”.
121
ſelbſt zu componiren ober neue Lieder durchzuprobiren. Gr hielt viel anf bes Gangers Urtheil, legte ibm die meiften feiner Gefangscompofitionen zur Durchſicht vor und nahm bon ihm ausnabmsweife — auch fogenannten guten Rath an '). Bogl führte ihn durch feinen treffliden Liedervortrag zuerſt in bie Runftwelt ein, vermittelte fein Befanntwerren mit mufifliebenden Perſonen und Familien, und dag Schubert auf Wahrheit des Ausdruckes, rictige Accentuiruny und makel—⸗ leſe Declamation vorzugsweife bedacht war, barf wenigftens jum Theil als Vogl's Verdienft bezeichnet werden. Im Leben war er ihm ein verftindiger Führer, ein vaterlider Rath- geber, und wo ihm die Möglichkeit gegeben war, auch fiir Schubert's äußeres Wobhlergehen thatig.
Ungeachtet diefes geijtigen Bundes und cines mebhr- fabrigen Verkehres blich pod bas Verhältniß der beider Muſenſöhne zu einander ein Eefremdend — eigenthiimlicdes. Bogl gefiel fic) nämlich davin, dem jiingeren, in mancher Bee
) Aber auch Transponirungen